Die Traditionen gelten als unumstößliche Regeln für das Leben der Vampire, die der Legende nach schon lange vor Gründung der Camarilla 1493 das Miteinander der Vampire bestimmten. Sie sind entgegen dem, was manche denken, also nicht Camarilla-exklusiv, sondern werden in aller Regel auch von Vampiren außerhalb der Camarilla befolgt (selbst der Sabbat folgt ihnen, wenn er sie auch in vielerlei Hinsicht anders interpretiert).
Die meisten Vampire befolgen die Traditionen mit größter Selbstverständlichkeit, da sie bis auf extrem wenige Ausnahmen jedem Frischerschaffenen durch dessen Erschaffer beigebracht werden. Es wird von jedem mündigen Vampir erwartet, die Traditionen zu kennen und förmlich “nachbeten” zu können.
I. Die Tradition der Maskerade
DU SOLLST NIEMANDEM DEINE WAHRE NATUR OFFENBAREN, DER NICHT VON UNSERER ART IST. WER SOLCHES TUT, HAT SEINE BLUTRECHTE VERWIRKT.
Da diese Tradition wenig Spielraum bei der Bestrafung eines Maskeradebrechers lässt, wird hier oft zwischen einer Gefährdung der Maskerade und dem wahrhaften Bruch der Maskerade unterschieden. Als Gefährdung zählt hierbei oft schon, Aufmerksamkeit auf ein Treffen der Vampire gelenkt oder allzu offen mit Begrifflichkeiten der Blutsverwandten vor Menschen hantiert zu haben. Auch die Gefährdung der Maskerade wird streng bestraft. Ein Bruch der Maskerade führt jedoch in den meisten Camarilla-Domänen zur Vernichtung des Schuldigen.
II. Die Tradition der Domäne
DEINE DOMÄNE IST DEIN BELANG. ALLE ANDEREN SCHULDEN DIR IHREN RESPEKT, WÄHREND SIE IN IHR VERWEILEN. NIEMAND MAG SICH IN DEINER DOMÄNE GEGEN DEIN WORT AUFLEHNEN.
Seit dem 18. Jahrhundert erkennt die Camarilla die Position des Prinzen als Herren der gesamten Stadt als geeinte Domäne an. Auf Basis dieser Tradition bauen die Prinzen das Recht auf, in ihrer Stadt als oberster Richter und Herrscher schalten und walten zu können, wie ihnen beliebt. Dabei hat sich in vielen Städten eingebürgert, die Tradition der Domäne hierarchisch zu ordnen. Das bedeutet, dass der Prinz zwar Herr der gesamten Stadt als Domäne ist und als solcher Respekt genießt, dass der Herr eines Viertel oder auch eines einzelnen Nachtclubs in jener Stadt aber umgekehrt ebenso Anspruch auf Respekt innerhalb seiner Domäne hat. Auch existiert in vielen Städten die Auffassung, der Gastgeber eines Treffens sei „Herr der zeitlichen Domäne des Abends” und habe deswegen gewisse Vorrechte. Unzweifelhaft ist aber in der Camarilla, dass alle Domänen in einer Stadt Teil der größeren Domäne der Stadt sind und der Prinz als “Herr aller Teildomänen” zu jeder Zeit Vorrechte und Vorrang vor anderen hat.
III. Die Tradition der Nachkommenschaft
DU SOLLST ANDERE UNSERER ART NUR MIT DEM SEGEN DEINES AHNEN ERSCHAFFEN. ERSCHAFFST DU EINEN ANDEREN OHNE DEINES AHNEN ERLAUBNIS, SO SOLLEN DU UND DEIN KIND ERSCHLAGEN WERDEN.
In den meisten Domänen hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass der hier gemeinte Ahn der Prinz der Domäne ist. Sicherheitshalber wenden sich die meisten Vampire mit Wunsch, ein Kind zu schaffen, trotzdem auch an einen Ahnen des Clanes in der Region (entweder den Ältesten oder aber einen direkten Vorfahren der eigenen Linie). Gelegentlich ist es speziell in jüngeren Domänen schon vorgekommen, dass zwar der Erschaffer eines unerlaubten Kindes erschlagen, das Kind aber in den Besitz eines anderen überstellt wurde. Diese Praxis gilt aber – da sie ein Widerspruch zur Tradition ist – als heftig umstritten.
IV. Die Tradition der Rechenschaft
JENE, DIE DU ERSCHAFFST, SIND DEINE KINDER. BIS DEINE NACHKOMMENSCHAFT ENTLASSEN IST, SOLLST DU SIE IN ALLEN DINGEN UNTERWEISEN. IHRE SÜNDEN SIND DIE DEINEN ZU TRAGEN.
In der Camarilla ist es allgemein üblich, die Entlassung des Kindes mindestens vor dem Prinzen der Domäne und im Idealfall vor den versammelten Vampiren der Stadt stattfinden zu lassen, schon damit jeder weiß, dass der Erschaffer fortan nicht mehr für das Tun seiner Brut verantwortlich ist.
V. Die Tradition der Gastfreundschaft
EHRE DES ANDEREN DOMÄNE. KOMMST DU IN EINE FREMDE STADT, SO SOLLST DU DICH JENEM OFFENBAREN, DER DORT HERRSCHT. OHNE SEIN WORT DER BILLIGUNG BIST DU NICHTS.
Diese vor allem von alten Vampiren zutiefst respektierte Regel hat in manchen STästen zur Bildung eines speziellen Amtes geführt, dessen alleinige Aufgabe in der Vernichtung aller Vampire besteht, die sich nicht beim Prinzen vorgestellt haben (denn sie sind ja “nichts” und haben folglich auch kein Recht zu existieren). Manche Prinzen dehnen das Recht zur Vernichtung nicht vorstellig gewordener Vampire sogar zum allgemeinen Grundsatz aus, was deren Erschlagung im Grundsatz legitimiert.
VI. Die Tradition der Vernichtung
ES SEI DIR VERBOTEN EINEN ANDEREN DEINER ART ZU VERNICHTEN. DAS RECHT DER VERNICHTUNG OBLIEGT AUSSCHLIESSLICH DEINEM AHNEN. NUR DIE ÄLTESTEN UNTER EUCH SOLLEN DIE BLUTJAGD AUSRUFEN.
Wiederum ist der hier genannte Ahn bzw. Älteste nach allgemeiner Deutung der Camarilla der Prinz sowie mittelbar diejenigen, die dieser mit einer dies betreffenden Macht ausstattet (wie z.B. eine Art Henker oder Vollstrecker).
Dass diese Traditionen existieren, bedeutet noch lange nicht, dass ein Traditionsbrecher auch verurteilt wird. Die Camarilla ist ein gewaltiges Gespinst aus Lügen und wechselseitigen Verbindlichkeiten, in dem grundsätzlich mit unterschiedlichem Maß gemessen wird. Relevant ist daher im Regelfall nicht, wer tatsächlich der Schuldige ist, sondern wen der Prinz schuldig sehen will – und wessen Schuldspruch er gegen die Interessen anderer, mächtiger Vampire in der Domäne auch durchsetzen kann.
Kluge Anverwandte versuchen im Angesicht der zahllosen Kräfte des Gedankenlesens oder Weissagens, die einige Vampire beherrschen, meist nicht, ihre Beteiligung an einem Traditionsbruch zu verleugnen, sondern wenden sich verdeckt an jene in der Domäne, deren Stimme genug Gewicht hat, um einen Schuldspruch zu verhindern. Exakt diese Form der tiefen, jede Schicht und jeden Clan durchdringenden Korruption ist Grund dafür, dass einige jüngere Anverwandte sich von der Camarilla angeekelt abwenden und eigene, vermeintlich freiere Wege beschreiten.
Vergessen wird dabei oft, dass die Regeln des vampirischen Zusammenseins außerhalb der Camarilla meist dieselben sind, auch wenn sie weniger förmlich erscheinen.
Vampire sind Raubtiere, egal welcher Fraktion sie angehören.

