Niemand weiß mit Sicherheit, woher die Vampire kommen. Niemand war dabei.
Die am weitesten verbreitete Geschichte der Vampire – und der Grund, warum viele Vampire sich als Kainskinder oder Kainiten bezeichnen und auch anreden – ist, dass der biblische Kain der erste Vampir war. Oder noch immer ist.
Die Kainslegende wird gestützt durch das “Buch von Nod”, eine alte Sammlung von Schriften und nichts anderes als das vampirische Pendant zur Bibel – und damit ebenso allegorisch, ebenso interpretierbar, ebenso unklar was den oder die wahrhaftigen Urheber angeht, und vermutlich ebenso Opfer der Manipulationen und Umdichtungen späterer Ahnen, die eine bestimmte Agenda verfolgten.
Der Grund, aus dem die Kainslegende und das Buch Nod unter Vampiren dennoch eine höhere Bedeutung und oft hingenommenen Wahrheitscharakter besitzt, ist leicht zu verstehen:
Erstens haben Vampire keine Möglichkeit, an der Wahrhaftigkeit des Übernatürlichen zu zweifeln (und somit auch die Existenz unsichtbarer Kräfte zu akzeptieren, auch wenn diese noch längst nicht der monotheistische Schöpfergott sein müssen).
Zweitens sind die Ahnen nicht nur machtvolle Wesen, die ihre Ansichten gegenüber Jüngeren durchsetzen können (und denen man besser nicht offen widerspricht), sondern auch vermeintlich weisere Vorfahren und Kinder einer früheren Zeit, in der Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Bibel wesentlich unüblicher, ja, undenkbarer waren als in unserer heutigen, “aufgeklärten” (= durch die weltweite Verschwörung der Maskerade gezielt in die Irre geführten) Zeit.
Drittens schließlich ist die “Verdünnung des Blutes” ein durch jeden Vampir beobachtbarer Effekt: Jede neue Generation von Vampiren scheint unabhängig des Alters einzelner Angehöriger jener Generation weniger machtvoll zu sein als die Vampire früherer Generationen. Weitergedacht, legt dies die Existenz mindestens je eines “ersten” Vampirs jedes doch so unterschiedlichen “Stammes” zumindest nahe. Dass alle Clane der Vampire auf denselben Ur-Vampir zurückgehen, ist nicht erst seit der Romantik eine populäre Theorie.
Kains Vampirismus wird neben dem Buch Nod auch durch die biblische Kainsgeschichte gestützt, in der Gott zur Strafe für den ersten Mord der Welt “ein Zeichen an Kain tat” und dieser “nur noch Asche” essen solle. Der Vampirismus soll somit ein Fluch Gottes an Kain sein, der durch eine sehr direkte Form der “Erbsünde” – nämlich die Weitergabe eines Teils jenes im Blut gebundenen “Zeichens” – vom Erschaffer auf das Kind übergeht.
Kain erschuf dem Buch Nod zufolge drei Nachkommen – die “zweite Generation” – die wiederum ihre eigenen Nachkommen erschufen und so weiter, bis in die heutigen Nächte. Über die drei Vampire der zweiten Generation ist wenig überliefert. Es wird aber überliefert, dass diese durch ihre eigenen Kinder etwa zur Zeit der Großen Sintflut vernichtet wurden.
Jene “ersten Mörder” unter den Kainskindern, die dritte Generation, werden auch als Vorsintflutliche (Antediluvian) bezeichnet, da ihre Erschaffung vor der Sintflut stattfand. Sie sollen mit den Gründern der heutigen Clane identisch und somit laut einigen Dichtungen und Überlieferungen 13 sein (es gibt aber auch Überlieferungen, die dem z.T. heftig widersprechen). Der Legende nach sollen die Vorsintflutlichen an unbekannten Orten schlafen und die Nacht ihres Erwachens erwarten.
Die vierte und fünfte Generation sind die ältesten und mächtigsten Kainskinder, die auch in heutigen Nächten noch umgehen, auch wenn nur wenige sie je zu Gesicht bekommen. Sie sind die grauen Eminenzen hinter den Vorgängen der Vampirgesellschaft, sind die wichtigsten Mitglieder der Camarilla oder des Sabbat und Älteste ihres Clanes, deren Intrigen und Pläne das bilden, was die Vampire als den “Jyhad” bezeichnen: Einen nie endenden, verborgenen Krieg zwischen den Vampiren. Fast alle der vierten und fünften Generation sind Methusaleh – als solches werden Vampire bezeichnet, die tausend Jahre und mehr existieren.
Die sechste, siebte und achte Generation bildet den größten Teil der heute existenten Ahnen – eine oft als Titel gebrauchte Bezeichnung, die einen mächtigen und damit in aller Regel alten Vampir meint, der – so eine populäre Idee – im Mindesten 200 bis 300 Jahre durchlebt und sich damit als meisterlicher Taktierer und beständige Größe etabliert hat. Die Ahnen der sechsten bis achten Generation sind die sichtbarsten Spieler im ewigen Jyhad, die Mehrzahl der Prinzen und Primogen der Domänen, die Sprecher im Elysium, die Mentoren und Mystiker.
Die neunte und zehnte Generation stellt den Löwenanteil der wahrhaftigen Ancillae – auch dies eine funktionsartige Bezeichnung, die im Allgemeinen einen Vampir meint, der sich seine Sporen im Unleben verdient und allermindestens ein komplettes Menschenleben überlebt hat. Aufgrund der Funktionsartigkeit des Ancilla-Titels ist es in jüngeren Nächten zunehmend üblich geworden, auch Inhaber bestimmter Ämter als Ancilla zu bezeichnen oder besondere Favoriten mit dem Titel zu versehen. “Wahre” Ancilla schnauben nur verächtlich über diesen sichtbaren Verfall der Sitten, der zweifelsohne Folge der schnelllebigen Moderne ist. Die meisten Ancillae bevorzugen es, die Nächte ihres Unlebens nach ihren eigenen Regeln zu bestreiten, und die älteren Generationen haben Wichtigeres zu tun, als etwas dagegen zu unternehmen. Ancillae finden in aller Regel Gefallen an dem Vorgeschmack der Macht, den sie als Ahn bald haben werden – nicht alle aber können mit der Macht auch umgehen und bringen so viele der Jüngeren gegen sich auf, dass sie selbst den Ahnen lästig werden.
Die elfte, zwölfte und dreizehnte Generation bildet den Schwerpunkt der heute lebenden jungen Ancillae und Neugeborenen, die auch als Neonaten bezeichnet werden. Die meisten sind noch recht neu im Vampirdasein (mindestens gemessen am Maßstab der Ahnen) und obwohl sie viel mächtiger als Sterbliche sind, so sind sie doch nur Insekten für die älteren Generationen.
Die vierzehnte und fünfzehnte Generation sind von Kain so weit entfernt, dass die zuvor klaren Unterschiedlichkeiten der Clansmerkmale zunehmend verschwimmen und verschwinden. Manchen wird nachgesagt, am Tage oder wenigstens in Dämmerung wandeln und sogar Essen zu sich nehmen zu können – selbst sterbliche Nachkommen zu zeugen soll einzelnen möglich sein. Die Ahnen fürchten diese Kinder der modernen Nächte, da das Buch Nod ähnlich der Bibel auch eine prophetische Warnung vor dem Weltuntergang (Gehenna) beinhaltet, dessen “letzte Nächte” unter anderem durch das Auftauchen der Dünnblütigen angekündigt werden.
