Der letzte Herr meiner Zeit als Ghul der Familie Breidenstein, Prinz Albrecht von Magdeburg, war bis zu seinem viel zu frühen Tode im Frühjahr des verfluchten Jahres 1998 unablässig darum besorgt, den Niedergang der Domäne Berlin zu verhindern und die Kultur des erlöschenden Geschlechtes der Breidensteinischen für die Nachwelt zu bewahren. Wenn er nicht mit dem liebenswerten Herrn Siegmund Striebeck, vielleicht dem einzigen Wertvollen, was der Waldburgsche Hund je hervorgebracht hat, über die Berliner Verfassung diskutierte, welche er ach so lange schon zur Füllung seiner Abende und als sein Vermächtnis an die gegeißelte Domäne Berlin vorantrieb, so vertiefte er sich in die reichhaltigen alten Schriften, die in Sanssouci lagern und den gesamten Wissensschatz der Linie Woleslav-Stephans darstellen. Insbesondere die Papiere der “Chronik der Heveller” vermochten meinen alten Herren vor Verzückung und Erstaunen aufjauchzen zu lassen, offenbarten sich hier doch Schriften, für die in kultivierteren Zeiten harte Kriege geführt worden wären, unterdessen die Schätze der Vergangenheit den Kainiten heute zumeist nur ein Gähnen abringen.
Ich habe das Erbe meines einstigen Herren und Freundes angetreten und bin, soweit meine Pflichten gegenüber der Domäne Potsdam und den Obliegenheiten gegenüber meiner Erschafferin, der edlen Fürstin Eriana de Buckowîz, es zulassen, unablässig dabei, die mehr denn tausendseitigen Bücher, Rollen und Notizen des Albrecht von Magdeburg und der Chronik der Heveller sowie die Chronik derer Vampyren der Brennabor durchzusehen und in ein allgemeinverständliches Schriftstück zu fassen, was nichts anderes sein wird denn das umfassendste Werk zur Historie der Kainiten einer Domäne, das ich kenne.
Einstweilen, eure Fragen harren ihrer Antwort, und so habe ich im folgenden die Ereignisse und Begebenheiten der Domäne Berlin zusammengefaßt, um dem geneigten Leser einen Überblick über die facettenreiche Geschichte der Kainiten Berlins zu geben. Man möge mir verzeihen, wenn ich an mancher Stelle zu Verallgemeinerung und grober Kürzung neige, jedoch auch ich selbst habe noch manche Texte zu übersetzen und zu vergleichen mit anderen Quellen, und da die Schlamperei nicht zu meinem Wesen gehört, muß sich der Leser einstweilen mit einigen diffusen Äußerungen und Vermutungen begnügen, ehe dann in ein oder zwei Jahren, so die Geister wollen, die Chronik der Mark Brandenburg fertiggestellt sein wird.
Arnim Grael von Valkenau
Seneschall der Fürstin Eriana de Buckowîz,
Tochter des preußischen
Großfürsten Woleslav-Stephan
Sohn des verfemten Wendenmörders
Verquillius Carolus
Sohn dessen, der da genannt wird Ventrue
Bemerkungen zu den Jahren 600 bis 900
Die im folgenden dargelegte Geschichte Brandenburg-Preußens fundiert im wesentlichen auf drei Quellen, zu welchen ich mich im folgenden kurz äußern möchte. Hauptquelle der Angaben zu den Vorgängen bis zum Dreißigjährigen Krieg sind diverse Schriftstücke, die in der “Chronik der Heveller” zusammengefaßt wurden, weiterhin wurden die Preußischen Chroniken des Gustav Breidenstein und die von Albrecht von Magdeburg begonnene Chronik Berlin/Brandenburgs miteinbezogen. Absichtlich unberücksichtigt blieben die Wilhelminisch-Waldburgschen Chroniken, die zum einen ausgesprochen dünn sind und schlampig geführt wurden, zum anderen in ihrem dünnen Rahmen aber derart von anarchistischer Propaganda triefen, daß dem geneigten Leser wohl nur übel werden kann davon.
Die Hevellerchronik als älteste der genannten Quellen möchte ich hier besonders herausstellen und den Prozeß der Bestimmung, wann ein Ereignis stattgefunden hat, kurz dokumentieren, auf daß mögliche sich etwa in der Diskussion um das “Erfundene Mittelalter” herausstellende “Lügen” der vorliegenden Geschichtsschreibung dem Leser als Irrtümer entlarven, hinter denen – zumindest von meiner Seite aus – kein Hintergedanke steckte.
Die Hevellerchronik dokumentiert mit stark variierender Dichte die Vorgänge innerhalb des Einflußgebietes der Linie Woleslav-Stephan von ihren frühesten Anfängen – um 600 oder um 900, je nach Zeitrechnung (siehe unten) – bis etwa 1930.
Grundproblem bei der Hevellerchronik sind die nicht näher dargelegten Jahresbezüge, womit gesagt sein soll, daß innerhalb der gesamten Chronik – mit Ausnahme einiger weniger Einträge von Johann von Quitzow ab 1600 – sich keine einzige auf christliche Zeitrechnung basierende Jahreszahl finden läßt. Dem Laienhistoriker sei gesagt, daß dieses Problem für den gesamten Forschungszeitraum vor der Einführung des Gregorianischen Kalenders 1582 in vielen Quellen anzutreffen ist, da der vormals verwendete julianische Kalender zum einen keinesfalls der einzige im deutschen Raum verwendete Kalender war (nicht einmal der verbreitetste), zum anderen auch bei der Umrechnung von Ereignissen in alten Quellen auf julianischen oder gregorianischen Kalender gewisse Diskrepanzen anzutreffen sind.
Wenn Historiker heute geflissentlich mit Jahreszahlen aus dem frühen Mittelalter um sich werfen und den Kindern in den Schulen schon sehr früh Geschichtszahlen als nackte Fakten vorgesetzt werden, so wird dabei völlig außer acht gelassen, daß der größere Teil der Fixierung historischer Ereignisse recht eigenmächtigen Schätzungen der Forscher entspringen (die sich teilweise auf ebenso geschätztes Zahlenmaterial eines anderen Historikers beziehen, das sie in ihren Quellen als Fakt darstellen), gemischt mit einer Eingliederung von Indizien wie “zur Zeit der großen Seuche”, die dann anhand weiterer Daten und anhand bekannter und zeitlich fixierter anderer Fakten “einsortiert” werden (“damit wird wohl die dokumentierte Seuche im Landstrich X ~1345 gemeint sein, also ist das andere Ereignis auch 1345″).
Die Hevellerchronik nun richtet sich weder nach Gregorianischem noch Julianischem Kalender noch nach einem der vielen Kalender, die sich ihrem Ursprung nach auf den Schöpfungszeitpunkt beziehen (wobei diese Kalendarien gemäß der Bibel jeden “Tag” der Schöpfungsgeschichte mit 1000 Jahren angeben (“für Gott sind tausend Jahre wie ein Tag”). Eine Sortierung findet nur innerhalb des Jahresbezuges von Ereignissen der Hevellerchronik selbst statt (“zwei Winter später”, “vor zwei Monden”, “als er zum Manne gereift war”) oder anhand von Himmelskonstellationen statt (Verweise auf besondere Himmelszeichen (Kometen, Sonnenfinsternisse (häufiger: Mondfinsternisse), Konstellationen der Inneren Planeten), die aber wenig präzise vermessen wurden).
Altkainitische Kalendarien wie die Karthagienser-Zählung der Brujah (X Jahre nach Karthagos Geburt für Troilisten, X Jahre nach Karthagos Fall für Hasdrubalenser) oder das saulusische Ventruekalendarium findet man in den Hevellerchroniken kaum, was unter Umständen ein Vorteil ist, bedenkt man die mangelnde Präzision dieser Zeitrechnungssysteme, die allsamt hinter etwa der Präzision der himmelskörpergestützten Kalendarien der Kiewer Tzimisce (avestrahdisches Kalendarium) zurückstehen.
Mein vormaliger Herr Albrecht von Magdeburg hat im Zuge seiner Forschungsarbeit zur Geschichte der Kainiten Berlin/Brandenburgs sich intensiv auch mit dem Phänomen des Zeitsprungs auseinandergesetzt. Für Laien sei kurz angemerkt, daß jenes Phänomen immer dort auftaucht, wo Korrekturen an Kalendarien zur Erhöhung der Präzision bzw. zur Verminderung der Diskrepanz zwischen linearem und willkürlich festgelegtem Zeitablauf und faktischem Auftauchen repetitiver Himmelserscheinungen (Stichwort: Ostern) entstehen. Diese Diskrepanz besteht, weil das astronomische Jahr aus 365 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten und 46 Sekunden besteht – eine alle Ersteller von Kalendarien sehr unbequeme Länge. Die Ägypter geben so z. B. lange Zeit die Jahreslänge mit 365 Tagen an, Cäsar ließ eine Jahreslänge von 365 Tagen und 6 Stunden einführen, die dann Gregor auf immerhin 365 Tage, 5 Stunden, 49 Minuten und 12 Sekunden korrigierte.
Mit Einführung des gregorianischen Kalenders wurde eine “Phantomzeit” von 10 Tagen amtlich festgelegt: Auf den 4. Oktober 1582 folgte sogleich der 15. Oktober 1582 (vergleichbar dem heutigen Phänomen des Zeitsprungs bei Umstellung von Winter- auf Sommerzeit). Diese Korrektur sollte gewährleisten, daß, rechnet man vom 15. Oktober 1582 (oder jedem folgenden Zeitpunkt) mit der gregorianischen Jahreslänge rückwärts, man “am selben Tage” eine gewisse Sternenkonstellation erreicht, auf die der Julianische Kalender begründet ist. Durch die Ungenauigkeit des Julianischen Kalenders – so Gregor – war eine Diskrepanz zwischen astronomischer und gemessener Zeit von 10 Tagen im Laufe der Jahre entstanden, die mit der “Datumskorrektur” auf den 15. Oktober kompensiert wurde (das nur auch zur Kenntnisnahme für all jene, die schon einmal auf einen Kainiten gestoßen sind, der behauptete, etwa am 10. Oktober 1582 geboren oder erschaffen worden zu sein – solch eine Behauptung entlarvt entweder den Lügner, den Unwissenden oder den Malkavianer).
Nun haben aber Wissenschaftler “heute” festgestellt (die Tzimisce wußten es dank ihres Kalendariums schon besser), daß das minimale Übersoll von Cäsar zu Gregor eben nicht 10 Kalendertage, sondern eher 12,7 Kalendertage beträgt (was bedeutet hätte, daß man auf 13 Kalendertage hätte korrigieren müssen, da man nur auf volle Tage korrigieren kann). Nun könnte man sagen, daß Gregor bzw. die Kirche diese Korrektur deshalb falsch vornahm, weil man ein bestimmtes Datum erreichen wollte (kommt in der Geschichte häufiger vor), etwa ein genaues Osterdatum für die Ernennung des aktuellen Papstes etc. – aber selbst ein 1982 durchgeführtes Kirchenkonzil (“Gedächtniskongreß”) kam zu keinem Ergebnis.
Wichtiger als das Warum ist hier aber die Wirkung, ein dezidiertes Problem, das meinen einstigen Herren über mehrere Jahre beschäftigt hielt, seit er gewisse nagende Zweifel an der Geschichtsschreibung anderer Kainiten (die Hevellerchroniken standen ihm damals noch nicht zur Verfügung) durch eine Publikation eines bayerischen Forschers namens Heribert Illig bestätigt sah:
wenn nämlich trotz einer falsch durchgeführten Korrektur um 10 Tage statt 12 Tagen die historisch belegte astronomische Situation zwischen Gregorianischer Korrektur und Julianischem Rechnungsbeginn übereinstimmt (was mathematisch wie astronomisch völlig unmöglich ist) so bleibt nur eine Schlußfolgerung: unsere Zeitrechnung ist falsch. Innerhalb 133 Kalenderjahren bleibt der Julianische Kalender hinter dem astronomischen um 1 Tag zurück – wegen seiner unvollkommenen Schaltregel. Wenn nun die besagte Korrektur der Zeitrechnung statt um 13 Tage – wie es korrekt gewesen wäre – nur um 10 Tage erfolgte, so wurde hier um drei Tage zuwenig “gekürzt”. Da aber jeder dieser besagten Korrekturtage einer Abweichung des julianischen Kalenders von 133 Kalenderjahren entspricht, folgt daraus, daß unsere Zeitrechnung (die sowohl aus julianisch datierten und gregorianisch datierten Ereignissen besteht) um 3 x 133 Jahre = 399 Jahre ZU LANG ist. Sprich: irgendwo in der Geschichtsschreibung werden rund 400 Jahre lang Ereignisse gelistet, beschrieben und als Wahrheit gelehrt, die sich tatsächlich in “Phantomjahren” bewegen, in Zeit, die ebensowenig existiert hat wie der 10. Oktober 1582 (womit nicht notwendigerweise gesagt ist, daß diese nicht geschehen sind, sie sind nur zeitlich falsch einsortiert).
Illig stellt in seinem Buch “Das Erfundene Mittelalter” nun fest, daß es einen Zeitraum in der europäischen Geschichte gibt, auf den ziemlich genau all jene Charakteristika zutreffen, die man von Phantomzeit erwarten sollte: auffallend wenige Fundstücke, wenige historische Originaldokumente (darunter eine eklatante Anhäufung von Fälschungen), Entwicklungen, die vor der Phantomzeit beginnen und erst 400 Jahre später fortgeführt werden: das “Finstere” Mittelalter von etwa 600 bis 900.
Ich merke schon ich verliere mich in Details – man möge mir verzeihen – aber ich möchte darlegen, wo sich in den folgenden Ausführungen u. U. ein massiver Fehler verbergen könnte und wie mein damaliger Herr Albrecht von Magdeburg gedachte, ihn zu ergründen.
Herr Illig – seit 1996 gefördert von Herrn Magdeburg – ergründete sehr ausführlich, daß die prominenteste historische Figur des “Phantomzeitraums”, Karl der Große, eine komplette Erfindung ist. Eine Erfindung, gemacht von Herrschern des 11. und 12. Jahrhunderts, die ihren eigenen Adelslinien mehr Adel verleihen sollte (Bezug auf einen übergroßen Superherrscher, der in finsterster Nacht Europa einte und zur Glorie erhob, ehe das Ganze wieder zerfiel) und ihnen eine Handhabe gegen die Kirche liefern sollte (denn war nicht Karl der Große auch der Hohepriester seines Reiches?). Die Kirche umgekehrt bediente sich aus anderen Gründen dieses Superherrschers, indem sie sich von ihm den Kirchenstaat schenken ließ (das betreffende Dokument gilt mittlerweile eindeutig als Fälschung). Andere Karl-Enthusiasten, Nutznießer und Adlige (oder solche, die behaupteten, adelig zu sein) bezogen sich gerne auf jene “Sagengestalt” (denn nichts anderes war er laut Illig) und blähten diese zur weiteren Größe auf.
Prinz Albrecht von Magdeburg hat sich intensiv mit dieser Thematik beschäftigt und zahlreiche Spurensuchen – auch und gerade im Kainitischen – persönlich betrieben. Unter seiner Förderung wurden mittlerweile nicht weniger als 60% aller Dokumente aus karolingischer Zeit als Fälschungen enttarnt, die aus viel späterer Zeit stammten. Wer an der Thematik und der Beweisführung interessiert ist, dem sei das Buch “Das erfundene Mittelalter” von Heribert Illig (ISBN 3-612-26492-3) ans Herz gelegt.
Für Albrecht von Magdeburg tat sich mit der Auflösung der Gestalt Karls des Großen das massive Problem auf, daß er zwar einerseits von der Übermacht der Beweise schier überwältigt wurde, in den Preußischen Chroniken seines Großsires Gustav Breidenstein aber niedergelegt worden war, daß der Potsdamer Prinz Stephan darselbst und in Persona gegen die Truppen jenes “Karl des Großen” gekämpft hatte, so daß sich zumindest hier ein nicht-saulusisches Indiz für den manifesten Auftritt jener Person finden läßt (Angaben der Saulusier gegenüber war Herr von Magdeburg allzeit sehr mißtrauisch, da diese Linie im besagten Zeitraum 600 – 900 und auch in folgenden Jahrhunderten in Fehde mit Breidenstein/Stephan/Triglav lagen und deren Geschichtsschreibung daher über weite Strecken vermutlich verfälscht wurde).
Jene Probleme wurden beträchtlich durch die Texte der Chronik der Heveller in ihrer Brisanz verstärkt (die Magdeburg 1995 in die Hände fielen), tritt uns auch hier ein Karl gegenüber, gegen den Stephan (korrekter: Woleslav-Stephan) focht.
Innerhalb einer außerordentlich langen Abhandlung, die ich hier nicht einmal anschneiden kann, legt Albrecht von Magdeburg dar, daß die in den Hevellerchroniken dargelegten Umstände keinesweigs in Widerspruch stehen zur (Nicht)Existenz Karls des Großen. Seine Argumentation verläuft entlang folgender Argumente:
(1) In den Preußenchroniken heißt es stets “Stephan kämpft gegen die Truppen Karls des Großen, den Stephan ‘Karl die Geißel’ zu nennen pflegt”, in den Hevellerchroniken ist allerdings ausschließlich nur von einem “Karl die Geißel” die Rede, der auch als “Sachsenfürst” bezeichnet wird. Die Behauptung, Woleslav-Stephan habe gegen Karl den Großen gekämpft, ist also lediglich eine Annahme des Autors der Preußenchroniken gewesen und fundiert nicht auf historischen Quellen, wenngleich die Karlssage durchaus einen Wendenkreuzzug umfaßt.
(2) Als wahrhaftigen Gegner Woleslav-Stephans und der Wenden hat Albrecht von Magdeburg zwei mögliche Kandidaten ermittelt: der erste ist ein Fürst aus dem Geschlecht der Merowinger, genannt Karl, möglicherweise mit dem geschichtlich wenig belegten Karl dem Kahlen identisch, wenn in diesem Falle auch die zeitliche Einordnung jenes Karls des Kahlen um etwa 200 Jahre falsch und dessen Linienzuordnung völlig falsch wäre, oder aber eben der “Heerführer” Verquillius selbst, der von Canissîm Enkiem, dem Hofmagus des Stephan, an wenigstens 12 Stellen in der Hevellerchronik als “Verquillius Carolus” bezeichnet wird (was dann allerdings auch implizieren würde, jener Verquillius Carolus wäre ein Sachsenfürst gewesen, der offen als Vampir herrschte, was sich durch andere Chroniken nicht bestätigen läßt).
Persönlich bin ich von der Argumentationsführung und die durch Magdeburg/Illig und eine in letzter Zeit wachsende Zahl anderer Autoren vorgebrachten “Beweise” für eine derart umfangreiche Fälschung nicht überzeugt. Zwar ist eine derartige Fälschung aus kainitischer Sicht zur Verwirrung und Verschleierung des prä-camarillanischen offenen Wirkens der Kainiten durchaus hinreichend motiviert, zwar sind derartig umfangreiche Geschichtsverfälschungen seitens der Kainiten auch durchaus nicht unbekannt, aber für die folgende Geschichtsführung habe ich mich dennoch dazu entschlossen, der althergebrachten “Schullehre” von einem großen Herrscher namens Karl dem Großen zu folgen, bis die Diskussion um diese Sagen(?)gestalt zu einem neuen Geschichtsmodell geführt hat. So wird zu klären sein, welche der zwischen 600 und 900 geschehenen Ereignisse zeitlich vor das Jahr 600 gerückt werden müssen und welche nach 900 verschoben werden müssen, denn – folgend der Zeitsprungtheorie – existieren die fraglichen Jahre überhaupt nicht und wurden künstlich aufgefüllt.
Während innerhalb der strikt masqueradeverschleierten Forschung der menschlichen Historiker Motive für eine Erschaffung Karls des Großen reichhaltig geschaffen werden können, würde sich Anhängern des Gedankes des “Erfundenen Mittelalters” die Frage förmlich aufzwängen, welche Kainiten die Gelegenheit und das Motiv hatten, eine derartig umfassende und vor Zeitzeugen nur schwer zu verschleiernde Lüge wie die Karlsgeschichte in die Geschichte einzuschleusen. Hierzu äußerte sich Albrecht von Magdeburg wie folgt:
(1) Eine Verschleierung vor Zeitzeugen, also im Zeitraum 600 – 900 bereits existenten Kainiten, ist weitaus einfacher, als man aus heutiger Sicht gemeinhin annehmen muß, denn abgesehen von den Kalendarien der Tzimisce – die mit dem Untergang der Hauptlinien jenes Clanes während der Ersten Anarchenrevolte verlorengingen – existierten kaum allgemeingültige Zeitrechnungs- oder Angabesysteme. So ist etwa davon auszugehen, daß sämtliche Kainiten, die nicht eng oder erweitert mit dem christlichen Rom verbunden sind (mithin julianisch zählten), keine verläßliche Angabe über das Datum ihrer Geburt oder ihr Erschaffungsjahr machen können, ganz einfach weil ihnen Bezugspunkte fehlen und nur eine verschwindend geringe – und in diesem Falle gleichsam meist christliche – Minderheit über das Verstreichen der Jahre schriftlich Buch geführt hat.
(2) Was das Motiv angeht, so weist Albrecht von Magdeburg darauf hin, daß parallel zu der Gestalt Karls des Großen auf kainitischer Seite der vielgepriesene Grand Court unter dem fränkisch-lutetischen Ventrue Alexander existierte (bzw. existiert haben soll), ein großes Kainitenbündnis, das insbesondere zu Zeiten der entstehenden Idee der Camarilla reichhaltig als glorreiche Vorstufe eines Großkainitischen Bundes angepriesen wurde. Nutznießer der Schaffung einer Karls/Court-Legende wären mithin die Alexandrianer, die Sauloten (präziser: Saulusier), die Marcialisten und die Saviarristen, die mit dieser Konstellation und dem Schicksal des Grand Court einen Großteil der späteren Ordnung der Camarilla vorwegnahmen (die sich in vielen Punkten auf das Recht und Hierarchien und Traditionen des Grand Court beruft) und somit den Grundstein legten für die spätere Stärke ihrer Clane und Ahnenlinien (antizipatorische Fälschung) bzw. – und um einiges wahrscheinlicher – zu dem Zeitpunkt, da diese Ahnenlinien den größten Vorteil von einem leuchtenden Vorbild aus der Geschichte gehabt hätten (nämlich ab Anfang der Anarchenrevolte und Inquisition) all ihre Macht geltend machten, die Legende des “Grand Court” und ihres größten Erfolges (Karl der Große, der Urvater Europas) zu erschaffen.
Wie bereits ausgeführt, hänge ich dieser Theorie meines einstigen Blutgebers nicht an, jedenfalls solange nicht, bis sich mir wahrhaftige unwiderlegbare Beweise offenbaren – was unter Kainiten wohl nicht zu erwarten ist. Ich führe daher die zeitliche Ordnung und Festlegung der Ereignisse der undatierten Hevellerchronik genauso weiter, wie die Autoren der Preußenchroniken es getan hätten, und bestimme folgerichtig “Karl die Geißel” als “Karl den Großen”. Mit dieser meiner (durchaus anfechtbaren) Entscheidung fixiere ich die Erschaffung des Woleslav-Stephans auf das Jahr des karolingischen Wendenkreuzzuges 789. Aus diesem fixierten Datum leitet sich der größere Teil der folgenden Ereignisse der Hevellerchronik direkt ab, mithin wäre meine zeitliche Fixierung der dargelegten Ereignisse bis etwa Beginn der (auf christlicher Seite gut dokumentierten) Auseinandersetzungen mit dem Deutschen Ritterorden durchaus nicht fester Fakt, sondern lediglich Annahme.
Sollten sich die Theorien des Illig und des von Magdeburg dereinst bewahrheiten und beweisen, sich das gesamte frühe Mittelalter also um 266-399 Jahre reduzieren, so wird dies unsere kainitische Gesellschaft bis in die Grundfesten erschüttern. Wir schrieben heute nicht das Jahr 1999, sondern gerade einmal 1701. Alle vor 900 erschaffenen Kainiten wären faktisch 300 Jahre jünger als bislang angenommen, was die Zahl der auf Erden wandelnden Methusaleh (nach Pufendorfscher Definition als “mehr als tausend Kalenderjahre zählende Kainiten”, nicht in der Etriusischen Generationsdefinition) weiter reduzieren würde. Die Menschen würden zu ergründen versuchen, wer die Urheber der Fälschung sind, und bei ihrer Suche möglicherweise auf das Wirken von Vampiren stoßen. Das Vertrauen der jüngeren Kainiten in die Lehren und Erzählungen der Ahnen wäre zerstört, der Anarchie würde weiteres Feuer zugefächelt, vom Gesichtsverlust bestimmter des Betruges verdächtigter Familien ganz zu schweigen. Sollte es sich dereinst erweisen, daß die gesamte Verwirrung um den Grand Court und die unglaubwürdige Gestalt des Karl des Großen einem Scherz der Malkavianer entstammt, so ziehe ich hiermit meinen Hut vor dem Urheber. Der Scherz wäre wahrhaftig meisterlich ausgeführt.
Wer die Lehre des Erfundenen Mittelalters unterstützt und sie in der öffentlichen Diskussion der Menschen fördert, riskiert damit eine neue Anarchenrevolte und in ihrem Gefolge eine neue Inquisition. Es erscheint mir mehr als fraglich, ob die Suche nach der Wahrheit ein solches Opfer wert ist, auch wenn Albrecht von Magdeburg bereit war, dieses Opfer zu erbringen.
VOR 400
Die Frühgeschichte
Die Frühgeschichte der Kainiten liegt im wahrsten Sinne im Dunkeln verborgen, und jeder Clan weiß wohl andere Dinge über die frühen Reiche zu berichten. Fest scheint heute nur zu stehen, daß im Jahre 146 v. Chr. die reiche Stadt Karthago unter dem Ansturm der anderen Clane fällt. Die Anführerin der Brujah, Troile, fällt bei dem Kampf um die Stadt, und Hexenmeister der Tzimisce salzen ihre Erde und weben Zaubernetze über ihren Sterbeort, daß sie sich nie mehr erheben darf.
Das folgende nun erfahren wir aus der Chronik der Heveller, wo es niedergeschrieben wurde von Canissîm Enkiem auf Geheiß Stephans, dem es offenbart wurde vom Gangrelssohn Triglav.
Die Brujah werden vertrieben und finden sich in versprengten Gruppen in den ungezähmten Ländern nördlich Roms wieder, wo sie auf den Clan Gangrel treffen, die dort unter den naturgläubigen Germanen leben, oft als fürchterliche Götter angebetet, oft nichts denn Monster, die die nächtlichen Wälder durchstreifen, oft aber auch als Hüter, Götter und Fürsten ihrer Stämme, die bestehen aus den Nachfahren ihrer einstigen sterblichen Familien.
Ebenso wie die vertriebenen Brujah sinnen die Gangrel, verraten durch den römischen Clansbund und zurückgedrängt aus den lichten Wäldern des Mittelmeeres, auf blutige Rache. Gemeinsam mit den Brujah unternehmen die Gangrel immer wieder Vorstöße auf die römischen Grenzen, aber weder Kimbern noch Teutonen vermögen längerfristige Gebietsgewinne zu erwirken, auch wenn sie Rom zum Bau des Limes und den Kaiser Marc Aurel um 170 zu einem Krieg wider die Markomanen an der mittleren Donau zwingen.
Der langfristige Mißerfolg liegt in der Hauptsache daran, daß es weder den über den Fall Karthagos zerstrittenen Brujah noch den einzelgängerischen Gangrel gelingt, ein geschlossenes Heer aufzustellen oder wenigstens mittelfristig ein gemeinsames germanisches Reich aufzubauen, mit dessen Kraft sie Rom zerschlagen könnten – gerade der Reichsaufbau ein Ansinnen, dem weder die Brujah, noch immer auf eine Rückkehr nach Karthago hoffend, noch die wilden Gangrel wohlgesonnen sind.
Dennoch: unter der Leitung des einst karthagischen Brujah-Ahnen Hasdrubal und des germanischen Gangrel-Ahnen Tiwaz und dessen Kind Triglav entstehen erste germanische Stammesbündnisse, und gemeinsam schlägt man den Vorstoß der Ventrue-Marionette Kaiser Augustus in Richtung Elbe im Jahre 9 zurück.
Bereits zu jener Zeit aber, da der Niedergang Roms sich abzuzeichnen beginnt, da die Clane von Rom zerfallen und sich in Intrigen üben und auch der Clan Ventrue uneinig wird, streckt ein mächtiger Ventrue-Ahn mit Namen Saulus seine Hand in Richtung Germanien aus. Er will die Dekadenz Roms hinter sich lassen und aus der rohen Kraft und der stolzen Unbeugsamkeit der Germanen ein ehrenvolles, mächtiges Volk und einen mächtigen Staat schmieden, und wo die Uneinigkeit der Brujah und Gangrel – letztlich die Uneinigkeit der in unablässiger Fehde liegenden Germanenstämme – deren größte Schwäche ist, ist des Saulus größte Stärke die Beharrlichkeit des Herrschers und die Ergebenheit seiner Brut, die er in den folgenden Jahrhunderten von allen Seiten in das Teutonenreich schicken wird, um seine Vision zu verwirklichen.
Die Saat des Jyhad
Hasdrubal ist von den ersten Vorstößen der Ventrue außer sich vor Zorn und ruft zum Krieg wider das ventruekontrollierte gallische Sonderreich, das von ihm und seinen Vasallen 273 zerstört wird. Triglav indes mahnt zur Vorsicht und warnt Hasdrubal davor, allzu arglos die Germanen für Kriegszüge wider Rom zu verwenden – eine Warnung, die Hasdrubal in den Wind schlägt.
Triglav weiß, daß die Manipulation der Germanen ein riskantes Geschäft ist – sie sind ein starkes Kriegervolk, das mit den sie umgebenden naturmagischen Mächten im Einklang lebt und dessen Krieger um die Kräfte der “werowulfi” nicht nur wissen, sondern zu großen Teilen mit den “Vanrhyir” gar im Blute verwandt sind – eine in der Hevellerchronik auffallend oft genannte, aber nicht näher beschriebene Gruppe, die wohl den Werwölfen nahesteht oder gar selbst eine Art Werwolfsrudel darstellt.
Triglav sieht die Gier und den Haß in Hasdrubals Augen und zieht sich von ihm zurück, von nun an stärker darauf gerichtet, das Wesen der “Vanrhyir” und Geister zu ergründen und in Erfahrung zu bringen, wie weit die unberührten Wälder in alle Richtungen reichen.
Ehe er sich auf den Weg gen Osten macht, erschafft er zwei Kinder: Forsete (in den Chroniktexten wechselnd auch als Foseti, Fosete und Forseta bezeichnet), den er gen Westen schickt und Mistila (auch: Mystila oder Mishtylla), die er in die Gegend des heutigen Schwarzwaldes schickt. Sein bereits vor Jahrhunderten erschaffenes Kind Brynnildt (Brunhild) schickt er nordwärts. Alle drei Triglavskinder sind mächtige germanische Zauberer. Der zum Teil durch den Verfall des Pergaments unleserliche Text der Hevellerchronik deutet zwischen den Zeilen an, er habe ein weiteres Kind erschaffen und nach Süden gen Afrika geschickt, auf dieses Kind kommt die Chronik aber nie mehr zu sprechen. Möglicherweise wurde es bei der Durchquerung des römischen Reiches oder in Ägypten erschlagen.
Die Brujah rücken vor
Hasdrubal gelingt es inzwischen, weitere Unterstützung in den versprengten Resten seines Clanes zu finden, der sich 270 zu einer Zusammenkunft nahe der Irminsul, dem Kultzentrum der Germanen (genauer: der Sachsen), trifft. Angeblich soll diese erste Zusammenkunft des Clanes nach Fall Karthagos die Urmutter aller späteren “Rants” gewesen sein, an dessen Ende Hasdrubals rohe Stärke wider nicht weniger als sieben Herausforderer obsiegt und die versammelten Brujah unter großem Geschrei unter seiner Herrschaft vereint (obgleich mir nicht ganz klar ist, wie diese Passagen Einzug in die Hevellerchronik gefunden haben – denn wahrhaft, von Triglav kann dies Wissen wohl schlecht stammen, der doch nun nach Osten in der Wildnis verschwindet). Mit kleineren von Brujah beeinflußten Stammesarmeen führt Hasdrubal seine fränkischen Kräfte gegen Trier, das er in einem fünf Jahre währenden Feldzug 275 nahezu völlig zerstört – dies zumindest ein Ereignis, das sich geschichtlich nachweisen läßt.
Die Vorstöße der Brujah rufen natürlich eine entsprechende Gegenreaktion hervor, und ein blutiger Konflikt wächst, in dessen Verlauf die Unterstützung Hasdrubals in seinem Clan bald zu-, bald abnimmt; langfristig obsiegen aber die geballten Kräfte unter Saulus, der sein slavisches Kind Vladimir in Trier als Regent zurückläßt.
Die Dunkle Kirche
Vermutlich sowohl von den Lasombra wie von den Ventrue beeinflußt und aufgrund der zunehmenden Zersplitterung der sterblichen wie der kainitischen Fraktionen im römischen Reich beruft Kaiser Konstantin I. das Konzil von Nizäa ein, um das Römische Reich über eine gemeinsame Religion hin nun auch politisch wieder zu vereinen und ihm so ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit zu verleihen: den Sol Invictus-Kult, dessen Oberpriester Konstantin I. ist. Hiervon wissen wir durch die zum Teil ausgezeichneten Aufzeichnungen aus römischer Zeit, die sich heute im Besitz von vielen Kainiten in Europa finden lassen, und von denen Gustav Breidenstein nicht weniger als acht Tafeln sein Eigen nannte. Während die hinter Konstantin I. stehenden Ventrue diese Religion mehr oder weniger als reines politisches Werkzeug begreifen und den Inhalten des Kultes verhältnismäßig wenig Bedeutung beizumessen scheinen, wirken im Schatten die unter einem machtvollen Lasombra-Ahnen vereinten Kräfte auf eine Veränderung des Sol Invictus Kultes hin, mit der sie hoffen, den Kult – und damit die römische Staatsreligion – den Fängen der Ventrue entreißen zu können.
Konstantin I. läßt, so beeinflußt, neue Abschriften der Bibel verfassen, die Rom in ein besseres und die Juden in ein schlechteres Licht rücken. Von den originalen Bibeltexten bleibt nichts erhalten, und mit Hilfe des Lasombra-Fürsten etabliert sich eine allgemeine Kirchenpraxis, die das römische Christentum zu einem ungeahnten Siegeszug führen wird. Auf dem Sterbebett im Koma liegend, läßt er Konstantin I. christlich taufen und bereitet so den Weg für das Christentum als römische Staatsreligion, die es dann 391 auch wird.
Als eine Anmerkung meiner Person als auch, wie es zu meiner Zeit schicklich war, gläubiger Christ sei in diesem Zusammenhang zur Lektur des Buches “Der Heilige Gral und seine Erben” der vermutlich zum Arcanum gehörenden Forscher Lincoln, Baigent und Leigh geraten, die meines Erachtens die einzige derzeit existente nicht-kainitische Quelle hinsichtlich dessen ist, was ich als die “Zimmermannslüge” benennen möchte.
400 – 600
Die germanische Völkerwanderung
Kurz vor Anbruch des 5. Jahrhunderts, im Jahr 395, zerfällt die römische Clansallianz: Rom wird geteilt. Die damit einhergehende Schwächung Roms schafft Begehrlichkeiten bei manchen Feinden des alten Clansbundes, angefangen von Brujah und Gangrel bis hin zu nichtrömischen Gruppen und Blutsippen von Ventrue, Malkavianern und Toreador. Zwar kann Westrom sich einstweilen des Ansturms eines Heeres von ventruekontrollierten Germanen knapp erwehren, deren Führer Saulus sich zurückziehen muß in das neugegründete Tolosanische Westgotenreich in Gallien (418), aber der Stern Roms ist am Erlöschen, und zahllose Kainiten bemühen sich in ganz Süd- bis Mitteleuropa um die Schaffung neuer Staaten und Länder.
Auch Hasdrubal wähnt offenbar in der Schwächung Westroms durch den Wettstreit derjenigen, die nicht von Rom lassen können, die Chance für die Rückeroberung des einstigen karthagischen Reiches gekommen. Noch einmal vereint Hasdrubal verschiedene Sippen von Brujah und einige Gangrelsippen:
406 überschreiten Heere der Wandalen, Sweben und Alanen den Rhein und fallen in Gallien ein. Die saulusischen Stellungen werden überrannt. Die Heeresscharen unter Hasdrubal und seinem Kinde Alamech sind zu einem finalen Vorstoß gerüstet: der Wiedereroberung Karthagos. Während die meisten der germanischen Stämme den von Osten vorrückenden Hunnen und dem vielgesichtigen Schrei der tausenköpfigen Schlachtenmonster und anderer dunkler Kreaturen entgehen wollen, von nichts getrieben als der nackten Panik vor der unbändigen Macht des damalig stärksten Clanes Europas, den fürchterlichen Hexern der Tzimisce, vereinen die verbliebenen Brujah ihre gesamten Kräfte im wandalischen Heer, durchstoßen Gallien nach Spanien und rücken über die Straße von Gibraltar und Nordafrika bis in ihr angestammtes Heimatland um das zerstörte Karthago vor, das sie 428 unter Führung von Hasdrubals Vasall Geiserich erreichen.
Hevellerchronik und andere Quellen mutmaßen, es sei der übermächtige Ruf der unter Bannzeichen und Salz beerdigten Troile gewesen, die dieses Heer aus Brujah aus allen Teilen der Welt auf diesen Feldzug rief – sicher nur eine Legende, wenn man bedenkt, wieviele der “nach Karthago strebenden” Brujah alleine in Spanien zurückblieben, die dort vorherrschenden Kainiten zurückdrängten und das Land der Kontrolle der Lasombra und Ventrue in weiten Teilen völlig entrangen.
Die Semnonen verschwinden
Auch aus dem Gebiet, das später einmal Berlin hervorbringen soll, setzen sich Germanen in Bewegung: die Semnonen, die zum Volk der Sweben gehören und zusammen mit den Wandalen bis nach Nordwestspanien vordringen. Während die Alanen bei dem Vorstoß der Germanen nahezu völlig aufgerieben werden oder sich über die Distanz des Feldzuges verstreuen, brechen die Sweben ihren Vorstoß entlang des Weges plötzlich ab und vermischen sich später zum Teil in Gallien mit anderen Germanen zu den Alemannen, während sich ein anderer Teil im Norden Spaniens niederläßt. Nur ein kleiner Teil kehrt in die nun wesentlich leereren Gebiete zwischen Elbe und Oder zurück. Die betreffenden Stellen der Hevellerchronik äußern sich nur spärlich zu diesem merkwürdigen Verhalten – einige weitere Teile fehlen auch oder sind im Laufe der Zeit unleserlich geworden – aber mir scheinen die verbliebenen Texte anzudeuten, daß die Sweben anders als westlichere Germanenstämme fast gänzlich von Gangrel in Gestalt ihrer jeweiligen Götter oder wunderwirkender Nachtgeister regiert wurden, möglicherweise sogar direkt zum “Herrschaftsgebiet” des Methusaleh Tiwaz gehörten. Es wäre denkbar, daß der Zug gen Westen zunächst als eine Allianz aus Gangrel und Brujah begann, die Gangrel aber aus irgendeinem Grund auf dem Weg gen Karthago das Bündnis aufkündigten und ihre Völker an anderen Stellen ansiedelten.
Außerdem scheint es in diese Zeit zu fallen, daß Tiwaz als Erschaffer des swebischen Triglav aus den Betrachtungen der Hevellerchronik verschwindet – vielleicht ging er nach Gallien – unterdessen Triglav mit den von ihm geleiteten Volksstämmen in das alte Heimatland an Elbe und Oder zurückkehrt, welches nunmehr nahezu menschenleer ist.
Die Hunnen
Dem Vorstoß bzw. der wilden Flucht der Germanen folgen nun die Hunnenheere Attilas. Attila ist der Vasall des zu jener Zeit obersten Voivoden (Kriegsherrn) der Tzimisce, Lord Burgoij Razhd, genannt “der Grausame”, und mittlerweile längst vernichteten Augenzeugenberichte der Zeit zufolge waren wenigstens einige jener “Hunnen” tatsächlich keine Menschen, sondern unbeschreibliche, teuflische Horden.
Attila und seine Horde, verstärkt durch die amorphen, von Klauen und Zähnen bedeckten Kriegsghule des Burgoij (abhängig von den Quellen verschiedentlich Drugahzd, Voyzhd, Nidhmahra, Grashim oder Szlachta genannt), mußten nur selten kämpfen. Die meisten Landstriche, in die sie vordrangen, waren zuvor schon aufgegeben worden, selbst die mutigen Kriegerfürsten der Germanen in heilloser Flucht vor den meterhohen Kampfkolossen der Tzimisce. Nachdem das Volk der Hunnen mitsamt seinem Führer Attila und seinem dunklen Gott Burgoij aus Osten kommend fast 100 Jahre in Ungarn bleibt, setzt es sich ab 440 zugleich gen Süden nach Thrakien und nach Westen in Richtung Rom in Bewegung.
Die Macht der Tzimisce-Kriegsherren ist so groß, daß weder die einstigen Bündnispartner von Camilla in Byzanz noch der mittlerweile in Thrakien (oder Rom? Die Quellen differieren hier leider) residierende Saulus diesem Feind etwas entgegensetzen können, zudem alleine das Geschrei der Vozhd selbst tapferste Krieger in Wahnsinn verfallen läßt, wovon wunderbare, aber entsetzlich anzuschauende Malereien und Teppiche künden, die sich im Besitz der Fürstin Eriana de Buckowîz befinden.
Die Begegnung zwischen Triglavs Kind Mistila und einem Heer der Hunnen findet Eingang in die Hevellerchronik, bei der die Gangrel, nahezu irre vor rasender Angst, in die Tiefen der Alpen flieht. Der in den Chroniken der Heveller nahezu durchgängig als “Hund” oder “Schakal” titulierte Ahn der Ventrue, Verquillius (bzw. Verquillius Carolus) , weigert sich als römischer Präfekt (möglicherweise die Bezeichnung für einen gewählten Prinzen, kann aber auch ein militärischer Rang gewesen sein – die Quellen weichen hier stark ab) im Jahr 450, sich von der Bedrohung durch die Hunnen mit weiteren Goldlieferungen freizukaufen, wohl wissend, daß Burgoij und die Seinen mit den reichen Schätzen Wehranlagen überall in Rumänien und Ungarn errichten, von denen sie ein großes Weltreich aufbauen wollen.
So treffen die hunnischen Horden auf den Katalaunischen Feldern auf die römische Armee, die zu ihrem großen Erstaunen von einem Heer der Westgoten unterstützt wird. Wider den gemeinsamen Feind vereinen die beiden Ventrue Saulus (der nach Meinung der Hevellerchronik wohl die Konfrontation scheute und sein Kind Vladimir und dessen Vasallen Aetius Vlavius vorschickte) und Verquillius ihre Kräfte und siegen über Attilas Hunnen. Bei der Schlacht fällt Theoderich, wird aber umgehend von einem jungen Krieger namens Janus gerächt, der ob seines Mutes und seiner Kampfkraft alsbald nach der Schlacht von Saulus erschaffen wird.
Nach seiner Niederlage wendet sich Attila zum Rückzug nach Pannonien, wo er 453 stirbt. Eine unschöne Legende aus der Zeit, die schriftlich in der Stadtchronik von Konstantinopel niedergelegt ist, will wissen, daß der vor Zorn rasende Tzimisce Burgoij Attila in der Hochzeitsnacht besuchte, sein Weib schändete und tötete und hernach aus dem Leib des Hunnenfürsten ein mächtiges Kriegsbanner formte, das seither stets seine persönliche Armee als Standarte anführte. Wenigstens vier verschiedene Quellen berichten in den folgenden Jahrhunderten von Begegnungen mit Armeen der Tzimisce, die “von roten fleischigen, schreienden Bannern” begleitet wurden.
Maßlos erzürnt über das Versagen der Hunnen richtet Burgoij viele bedeutende Führer der Hunnenarmee hin; das Hunnenreich löst sich nach Attilas “Tod” schnell auf. Die unter Burgoij vereinten Kriegsherren der Tzimisce hingegen ziehen sich in die Tiefen Karpathiens zurück, auf eine bessere Chance wartend.
Vorstoß in Franken
Nach der Schlacht wenden sich die in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern siegreichen Ventrue den Franken zu, die den Ausgangspunkt zur Schaffung eines großgermanischen Reiches, eines “neuen Rom”, bilden sollen. Dominierend in dieser Entwicklung ist wiederum Saulus, dessen schlachterprobtes slavisches Kind Vladimir sich Merowech als Vasall nimmt – ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Mann, dessen Blut seinem Volk als heilig gilt und der der Legende zufolge nicht nur Krankheiten und Wunden heilen konnte, sondern auch gegen Vladimirs geistesmanipulierende Kräfte völlig immun war. Ein in der Chronik niedergeschriebener Bericht aus späterer Zeit (um 700) deutet an, daß es Triglavs Kind Mistila ist, von der die Mehrzahl dieser Informationen aus dem frühen Frankenreich stammen. Inwieweit dies zutrifft, bleibt dem Autor jedoch vewrborgen.
So finden dargelegte Behauptungen der Hevellerchronik, Saulus habe sich mit seinem Kind Janus nach Pannonien begeben, um ein Bündnis mit drei Tzimisce aus Burgoij Razhds Brut zu schließen, in keiner anderen mir bekannten Quelle Erwähnung. Der Schreiber der Chronik (insgesamt gibt es mindestens 5 verschiedene Chronisten der Heveller, die Identität des in diesem Falle gemeinten konnte nicht endgültig geklärt werden, da er ein einfaches Symbol zur Kennzeichnung seiner Arbeiten verwendet, statt mit Namen zu unterzeichnen) behauptet, jene drei Tzimisce mit Namen Avestrahd, Nivladozhd und Erim In-Chan seien wie ihr Schöpfer selbst machtvolle Kriegsherren gewesen, die von Saulus für einen militärischen Schlag gegen die Reste von Rom geführt werden sollten – aber gehörte Rom nicht zu jener Zeit schon Saulus? War Verquillius nicht Statthalter in Diensten Saulus, sondern Herr eines verfeindeten Hauses von Ventrue? Dies scheint mir wenig glaubwürdig.
Sieg über die Brujah
527 tritt Justinian I. die Regentschaft in Konstantinopel an, und es gelingt ihm noch einmal die große Einigung des Reiches, wozu die beiden Feldherren Belisar und Narses nicht unerheblich beitragen. Auch hier ist die Sammlung geschichtlicher Fakten der Hevellerchronik reichlich lückenhaft und sicherlich an einigen Stellen falsch: so wird behauptet, der Regent von Konstantinopel zu jener Zeit sei Verquillius gewesen (der ja eigentlich in Rom Präfekt sein soll), und besagte Feldherren seien seine Ghule gewesen, die er beide um 570 erschafft. Daß der Ventrue Verquillius zwei Nachkommen hat, die sich Belisar und Narses nennen, darf als gesichert gelten, denn auch andere Quellen beziehen sich auf diese Ventrue, alleine Erschaffungszeitraum, historische Identität der Personen und deren Involvierung in die Einung des Reiches scheinen zweifelhaft zu sein.
Geführt von den beiden in Diensten der Ventrue stehenden Feldherren Belisar und Narses rücken Justinians Armeen auch gegen die ostgermanischen Reiche im ehemalig römischen Nordafrika vor; die Brujah verlieren Karthago zum zweiten Mal an die Ventrue. Folgend den Berichten der Hevellerchronik besiegt Verquillius bei der zweiten Schlacht um Karthago Hasdrubal, läßt ihn aber aufgrund eines von Hasdrubal geleisteten Eides unbenannten Inhaltes ziehen. Sein Clan ist – so die Chronik – über sein Versagen so erzürnt, daß sich mehrere Brujah aufmachen, ihn zu jagen. Auf der Flucht vor ihnen wendet er sich von Karthago aus gen Süden, in die Wüste, und damit verschwindet er im Dunkel der Geschichte. Enkiem orakelt in einigen Ausführungen aus dem Jahre 1747 zwar, Hasdrubal und Triglav haben sich im 15. Jahrhundert nochmals in den Ödländern des Mittleren Osten getroffen, aber der Einzige, der nach diesen Ausführungen als weiterer Augenzeuge Zeugnis ablegen könnte, schweigt sich zu diesem Thema – wie zu allen Themen – aus.
In der Folgezeit der zweiten Eroberung Karthagos konzentrieren die Brujah ihre Bemühungen zunächst auf Spanien, das sie aber nach und nach an die Lasombra verlieren, woraufhin sie sich einige Jahrhunderte später in Richtung Schweiz, Italien und sehr viel später Griechenland zurückziehen. Da die diversen Unternehmungen dieser Gruppe von Brujah aber für die Nordmark keine weitere Rolle mehr spielen – sehr im Gegensatz zu einer weit weniger zahlreichen und mächtigen Gruppe Brujah, zu der wir noch kommen werden – seien sie fortan in den Betrachtungen zurückgestellt.
Ärger in Lutetia
497 unterwerfen die Franken die Alemannen, mit deren Regentschaft und Stärkung Saulus Janus – der sich seither Janus Lukas nennt – beauftragt. Dieser Sieg wird für die saulusischen Ventrue einer der letzten für diese Zeit sein, denn bereits seit 486 sieht sich Vladimir zunehmend mit dem Herren und Gründer von Lutetia (Paris) konfrontiert, dem Ventrue-Ahnen Alexander.
Die Konflikte scheinen aber in einem gewissen zivilisierten Rahmen zu bleiben, gerade so wie es von zwei Ventrue-Familien zu erwarten steht, die über eine Angelegenheit in Konflikt geraten. Beweis hierfür ist die Verstärkung der Aktivitäten der Saulusier an der oströmischen Front, über die die Hevellerchronik allerdings kein Wort verliert.
Über 200 Jahre wird Saulus zwischen Thrakien und Byzanz versuchen, Unterstützung für seine Pläne in Westeuropa zu bekommen; seine Bemühungen bleiben aber wohl weit hinter seinen hehren Erwartungen zurück. Die altrömischen Clane scheinen zu gefangen im Verlust und Niedergang des römischen Reiches zu sein, um noch die Energie aufzubringen, an der Errichtung eines neuen großkainitischen Reiches mitzuwirken (die Hevellerchronik indes proklamiert eher die Theorie, daß die römischen Ventrue über das besagte Tzimisce-Bündnis wenig begeistert waren und auch Saulus’ Rolle am Niedergange Roms – worin auch immer diese bestanden haben soll – nicht vergessen hätten).
Die Hevellerchronik behauptet, daß sich zu jener Zeit der angeblich zersplitterte Clan der Ventrue wieder in zwei, möglicherweise drei Hauptströmungen oder Familien zusammenfindet, die sich darüber hinaus absurderweise bis aufs Blut befehden sollen: die erste, (noch) größte, unter dem Banner der vormaligen Herrscher von Rom, die zweite, wachsende, unter Alexander, der viele Flüchtlinge aus Rom aufnimmt, und die dritte, schnell zu den beiden anderen aufschließende, unter Saulus.
Der Zeitraum von 500 bis zur Gründung des Grand Court ist tatsächlich gekennzeichnet von zunehmend härter werden Konflikten der Kainiten, jedoch beruhen diese meiner Ansicht nach vor allem auf weiteren Vorstößen der Brujah durch die Langobarden, zunächst zunehmende, um 560 dann aber plötzlich abbrechende Konflikte mit den osteuropäischen Tzimisce und Streitigkeiten, die vor allem von Malkavianern und Toreador getragen oder initiiert werden, die nun neidvoll befürchten, in der poströmischen, ventruedominierten Ordnung der Welt zu einer historischen Randnotiz degradiert zu werden.
600 – 800
Triglavs Rückkehr
Betreffs der Ereignisse um Triglav ist die Hevellerchronik von ausgezeichneter Detailfülle und einer nahezu sakralen Verehrung gekennzeichnet. Es wird zwar noch viel Arbeit kosten, in den geistreichen, bisweilen orakelhaften und bildreichen Versen Realität von poetischer Freiheit zu trennen, wenn selbst Enkiem an einigen Stellen seiner späteren “Kommentare zur Chronik derer vom Roten Adler” (Teil der Hevellerchronik) einräumt, daß viele jener Ereignisse bezwecklich der Kommunikation der subjektiven Wahrheit derjenigen, die unter jenen Ereignissen zu leiden hatten, zuweilen dramatischer beschrieben wurden, als sie es nach objektiver Wahrheit wohl waren – aber (so Enkiem) “was schert zu jener Zeit die Schäferin, die vom Pferd aus mit dem Schwert niedergemacht wird, die objektive Wahrheit, daß es keine Streitmacht, sondern nur eine Patrouille war, was ihr das Herz mit Stahl entzweite”. Albrecht von Magdeburg gelang es mit einer bewundernswerten Akribie, die Verse um das Wiedertreffen von Triglav an der Irminsul (ein mehr als 100seitiger Epos in Liedform) zu übersetzen und in heutiger Sprache niederzuschreiben. Der Inhalt des Liedes geht in etwa wie folgt:
300 Jahre nach seinem Verschwinden kehrt ein um viele Erfahrungen reicherer Triglav nach Westeuropa zurück und ruft seine Kinder an der Irminsul zusammen. Gemeinsam finden sie ihre Sorge bestätigt: die Wildnis ist nicht unendlich, und in allen Richtungen dehnen sich große Reiche aus, die tagtäglich mehr von ihr verzehren. Forsete hat sich am Ende der Welt auf einer steilen Felsennadel namens Fosetesland niedergelassen, wo er sich als Gottheit huldigen läßt und über ein heidnisches Volk von Germanen wacht, das er als seine Familie sieht, mit seinem Vasallen König Radbod an der Spitze. Diese Friesen beten ihn als höchste Gottheit an, und schon verschmilzt er in ihren Augen mit dem Gott Tius zu Tius Forsita, dem Herren des Things.
Für unsere leider zumeist christlich getrübten Augen ist es wichtig zu verstehen, daß dies kein Betrug an jenen Friesen war, denn zu jener Zeit galten andere Vorstellung von den Göttern, als das Christentum es lehrt: Götter leben und wirken unter ihrem Volk, und die meisten Germanen und anderen heidnischen Volksgruppen sehen in der Auffassung des Göttlichen und der Auffassung des Kainitischen keinen Widerspruch. Im Gegenteil: die Macht und die Größe eines Gottes erweist sich für sie in der Art und dem Umfang, in dem dieser sein jeweiliges Volk zu schützen und zu stützen vermag, weshalb man verstehen kann, daß der Gedanke an einen unsichtbaren, im Himmel wohnenden Eingott diesen Völkern ausgesprochen absurd vorgekommen sein muß.
Brunhild hat auf ihren Reisen durch die skandinavischen Länder den Gottglauben der Nordgermanen angenommen und stolze Kriegerinnen um sich versammelt, die die Unsterblichkeit als Vampir als eine besondere Art des Eingangs nach Valhalla (da sie den Kriegern durch die Erschaffung den Tod auf dem Schlachtfeld gestatten) und sich selbst als Vollstrecker des Willens Odins ansehen – dies offenbar sogar mit Wissen und Fürsprache einer Gruppe machtvoller nordgermanischer Magier, den in der Chronik oft genannten “Varinhyr”.
Mistila ist verzweifelt ob der voranschreitenden Christianisierung in ihrer Gegend und muß eingestehen, daß sie sich in den Jahrhunderten kaum mehr aus dem Schwarzwald herausgewagt hat, während Triglav selbst die Herzen seiner Kinder mit flammenden Geschichten über seine Reisen gen Osten wärmt, auf denen er mancherlei erfuhr – und auf denen er, der Hevellerchronik zufolge, in den Weiten Ostsibiriens Kain traf. Leider teilt uns die Hevellerchronik bezüglich dieses Treffens nichts mit denn einen kurzen Sinnspruch, der nach bestmöglicher Übersetzung im wesentlichen sagt: “So ward es gewollt und geschah es, und wird es wieder geschehen, wenn die Seherin es sagt”.
Triglav faßt einen Entschluß: im Land östlich von Franken, aber westlich des Ural lebt ein Volk der Slawen, das mehr und mehr von den aus Süden und Osten vordringenden Kriegsfürsten der Tzimisce bedrängt wird. Unter diesen slawischen Volksgruppen fielen ihm besonders die nun in seinem Heimatlande lebenden Wenden auf, die mit den Germanen im Frieden leben und in deren Glauben sich die edelsten Motive beider Völker verbinden, und die gnadenlosen, harten Pruzzen ins Auge.
Aus ihnen will er ein neues Volk schmieden, das sich den Naturglauben wider die sterile Kälte des Christentums bewahrt und dieses samt den Vampyren dahinter zurückschlägt, wo immer es auf sie trifft. Die Toleranz und Wildheit der nomadischen Wenden und der Starrsinn und die Härte der seßhaften Pruzzen und Litauer sollen sich in einem Volk verbinden, mit ihm und den Seinen als Götter und Schicksalsbringer, daß sie wandern können offen zwischen ihnen, in Frieden mit Mann und Weriwulf.
Forsete geht nach Fosetesland zurück und gelobt, sein friesisches Volk zu stärken und zu schmieden, bis sie über die Elbe und die Ostsee nach Osten kommen. Brunhild gelobt, im Norden ein starkes Volk zu schmieden, das über Land nach Pruzzen kommen wird und über See den Krieg bis tief in die Länder der Ventrue und Lasombra bringen wird. Mistila, ewig der Nebel zwischen den Bäumen, will in Bayern sehen, was sie tun kann, und ein Auge sein gegen die fränkischen Stellungen, die ihr germanisches Erbe verraten haben und der Lüge Christi beigetreten sind. Triglav selbst macht sich auf in das Land der Wenden, um die Stämme zu einen und Landesfürsten hervorzubringen, die wider die Franken und Römer bestehen können – wie den Fürsten der Surbi Derwan, den er 630 zu seinem Vasallen und 666 – in Moquerie der Bibel – erschafft.
Der Grand Court
Die Begründung des Grand Court im Jahr 711 ist eines der ersten gut dokumentierten Ereignisse in der Geschichte der Kainiten, und auch wenn verschiedene Berichte von diesem einschneidenden Ereignis der Kainitenhistorie in der Darstellung, der Glorifizierung und der Häme voneinander abweichen, sind sie sich im Kern einig:
die Ventrue unter ihrem lutetianischen Fürsten Alexander, die nicht minder machtvollen Ventrue unter Saviarre, eine dritte Fraktion von Ventrue unter ihrem Begründer Saulus und der machtvolle Bund der Toreador unter Marcial sowie dessen Sire Protis einigen sich 711 mit den anderen Kainiten, unter ihnen vor allem Malkavianer und Lasombra, auf die Gründung des Grand Court, der ein Regierungs- und Beratungsgremium der Kainiten werden soll mit dem Ziel, ein neues Kulturreich zu gründen, in dem kainitische Lebensweise und Herrschaft erneut zur vollen Blüte gelangen kann. König dieses Grand Court wird Alexander, mit Saviarre als dessen Königin, die fortan wahrhaft den Clan Ventrue leitet, unterdessen die fernen römischen Ventruefürsten zunehmend in Bedeutungslosigkeit versinken, alleingelassen gegen kainitische Feinde, die sie aus allen Himmelsrichtungen bedrängen, bis das Reich 1350 auf winzige Restbestände reduziert ist.
Folgend Quellen aus Besitz eines Toreador aus Südfrankreich und den wenigen den Grand Court betreffenden Zeilen der Hevellerchronik teilen Alexander und Marcial das Frankenreich unter sich auf: Alexander und die Seinen erhalten weitgehende Autonomie über Norden und Nordwesten des Reiches, unterdessen Marcial mit Clan Toreador den Süden des Reiches übernimmt. Saulus und den Seinen wird der “entwicklungsfähige” Ostteil des Frankenreiches überlassen, den man freilich erst einmal erobern müßte – eine Aufgabe, mit der Saulus seine Brut beauftragt, unterdessen er selbst sich anderen Ländern zuwendet.
Karl die Geißel
Unter der Führung des Grand Court gelangt das fränkische Reich mit dem von allen Parteien gestützten Karl dem Großen an der Spitze zu einer Blüte. Viele Ventrue, die dem Niedergang Byzanz’ entgehen wollen, bieten in diesen Tagen ihre Kräfte an – und auch “der vor Macht geifernde Dämon Verquillius” (so die Hevellerchronik) sucht sein Heil in der Abwendung von den altrömischen Kainiten. Er wendet sich an einen weiteren einflußreichen Kainiten – vermutlich einen Ahn der Lasombra – der in einer dem Staat übergeordneten, mächtigen Kirche den Weg sieht, Rom zu retten und die Ventrue fest mit der Macht in Europa zu verbinden. Dieser namentlich in der Hevellerchronik nicht näher bezeichnete Lasombrafürst (der niedergelegte wendische Name bedeutet lediglich “Schattenherr”, wohl kaum der Name des Kainiten) und Verquillius finden offenbar Alexanders Unterstützung für ihr Angebot, bei der Eroberung und Unterwerfung der Germanen östlich des Rheines behilflich zu sein, wofür sie ihm zudem die Unterstützung von Papst Leo II. anbieten. Also beruft Fürst Alexander den Grand Court ein.
Aller Wahrscheinlichkeit nach gegen den entschiedenen Protest der Kinder Saulus’, die in der Unterwerfung der Germanen bislang bereits in Konflikt mit den Lasombra geraten sind, wird der Beschluß gefaßt, zur Stärkung der römisch-katholischen Kirche und zur Erweiterung des Frankenreiches das Angebot des Lasombrafürsten anzunehmen und dessen Feldherrn Verquillius reichhaltige Resourcen zur Verfügung zu stellen, um den Willen der ostrheinischen, heidnischen Germanen zu brechen.
Vermutlich zu Recht fürchten die Saulusier, daß Verquillius die eroberten Länder entweder für sich selbst beanspruchen will oder sie an Alexander übergeben wird – was beides einem Bruch des Abkommens des Grand Court gleichkommen würde – aber gegen den Entscheid des Grand Court können sie nicht offen vorgehen. Stattdessen vertreten mit den Saulusiern verbündete Kainiten in der Folgezeit die Auffassung , daß der Herr des Grand Court offenbar größenwahninnig geworden sei und die anderen Clane allmählich von der Macht ausschließen wolle – Gerüchte, die bei den Kainiten aller Zeiten schon immer offenes Gehör fanden.
Die Truppen Karls des Großen unter geheimer Leitung von Verquillius und den Seinen rücken indes über den Rhein vor, um die Völker des Frankenreiches dem Glauben Christi zuzuführen – wenn nötig mit Gewalt. Selbst nichtigste Kulthandlungen werden unter Todesstrafe gestellt, Stammesgruppen zerschlagen oder deportiert und heilige Stätten der Germanen vernichtet, mit einer Härte, die selbst bei Kirchenschreibern schließlich Ablehnung, ja Ekel hervorruft.
In der Chronik der Heveller nehmen die Beschreibung von Karl dem Großen und seinen Vasallen einen derartigen Ton des offenen Hasses an, wie ihn wohl nur ein Zeuge jener Zeiten nachempfinden kann. Zur Verteidigung der Hevellerchronik muß jedoch gesagt werden, daß die große Emotionalität in den Ausführungen – wie es wohl bei einem kainitischen Chronisten zu erwarten ist – im Laufe der Jahrhunderte merklich abkühlt, bis sie zuletzt (um 1700) einen nahezu sterilen Ton annimmt.
Zunächst trifft der Bekehrungswahn Bayern und das südliche Alemannien, dann Sachsen. Entsetzt müssen Mistila und Forsete erleben, wie 772 die Irminsul bei der Eresburg gefällt wird, was den Auftakt zu den Sachsenkriegen bildet – die Kräfte Karls des Großen dringen bis zur oberen Weser vor. 774 / 775 erobert er im Winterfeldzug die Eresburg zurück. Sein Klammergriff wird so hart, daß sich im Jahr 779 die Sachsen unter Wydekens (auch bekannt als Wittekind oder Widukind) erheben, heftig unterstützt von dem Gangrel-Gott Forsete und seinen Volksstämmen. 782 richtet Karl der Große 4.500 mutmaßliche sächsische Rädelsführer in Verden an der Aller hin (ein Vorfall, der von sterblichen Chronisten interessanterweise immer wieder bezweifelt wird, wohl wegen der Masqueradebrüche, die sich im Zuge dieser Blutorgie ereigneten und im Nachhinein zur Vernichtung vieler Schriftstücke führen mußte), 784 schließlich siegen seine Armeen über die Sachsen bei Dreingau. Selbst ein Eingreifen der Walküren unter Brunhilde kann den Sieg der Armeen nicht verhindern, so durchsetzt von Ghulen sind die Truppen des Verquillius schon. Bis 785 verfolgt Karl “die Geißel” den fliehenden Wydekens, den er Weihnachten 785 stellt. Nur durch die Taufe kann Wydekens dem Tode entgehen – und wird hernach von Hecktor, einem der letzten in Germanien verbliebenen Brujah-Ahnen, erschaffen, der eine weitere treibende Kraft hinter den Sachsenaufständen war.
Karl “der Wurm” löscht indes das Heidentum mit einem Federstrich aus: nach seinem Sieg über Wydekens schreibt er: “Von nun an wird jeder ungetaufte Sachse, der sich unter seinen Landsleuten zu verbergen sucht und die Taufe verweigert und Heide bleiben will, mit dem Tode bestraft”.
Fast zur selben Zeit setzen Schiffe nach Fosetesland über und vertreiben den Gott der Insel. Der prominente Auftritt eines Geistlichen, der die Insel hernach segnet und das Volk des Forsete tauft, führt zur Umbenennung der Insel in “Das Heilige Land”, Helegeland (später Helgoland). Ob der Gott Forsete, der der Legende zufolge als “schwarzer Nebel” die Insel umlagerte, vernichtet, in Starre gesunken oder nur vertrieben wurde, bleibt ungewiß – in den überlieferten kirchlich geprägten Erzählungen ist nur davon die Rede, daß sich der Prediger Liudger an Bord eines Schiffes, das Kreuz in der Hand, der Insel zuwendet, woraufhin sich ein schwarzer Nebel von dem Eiland hinweghebt und sich “große Heiterkeit” über das Land legt. Liudger tauft das Volk Forsete dann in der Quelle, die einst Forsete geweiht war. Erstaunlicherweise geht jener in sterblichen Quellen mehrfach belegte Vorfall mit keinem Wort in die Hevellerchronik ein.
Die Erschaffung des Woleslav
789 wendet sich Karl der Große gegen die Wilzen und die Wenden und somit dringen die Truppen des Fränkischen erstmals in das Brandenburger Umland ein. Bei diesem Vorstoß findet Verquillius den Tod, als die Festung nahe der Stadt Brandenburg, die er als Garnison verwendet, von einer Gruppe Wenden überfallen wird. Offenbar ist es einem der kleineren Starosten (Stammesführer) in der Gegend überraschend gelungen, mehrere andere Stämme zur Zusammenarbeit zu überreden, und obgleich selbst die Zusammenrottung mehrerer Wendenstämme, deren Krieger zumeist nur leichte Lederharnische und Knüppel tragen, für die Garnison keine Bedrohung hätte sein dürfen, bezwingen die Wenden unter ihrem Starosten Woleslav ihre Feinde mit dem Mut der Verzweifelung.
Timmuz, ein Kind, das Verquillius auf den Sachsenfeldzügen erschuf, kann der Schlacht entkommen und flieht in Richtung Ungarn. 1997 bestätigt der Herr der Mark, der große Ventruefürst Stephan – ebenjener Stammesführer Woleslav – öffentlich die von dem nach Berlin zurückgekehrten Timmuz vorgebrachten Anschuldigungen, daß er es war, der Verquillius erschlug und das Blut des Dämonen raubte, um sich und seine Männer zu stärken. Wie Woleslav-Stephan von der Existenz des “Dämons” Verquillius in den Reihen von Karls Truppen erfuhr bleibt fraglich, jedenfalls wurde durch diesen Sieg am Rande der Geschichte die Expansion Karls des Großen ins Wendische aufgehalten – auch deshalb, weil die gerade besiegten Sachsen noch lange nicht bereit waren, sich in ihr Schicksal zu fügen: 804 erst fand die letzte große Sachsenerhebung statt, die blutig niedergeschlagen wurde.
Möglicherweise schien es Stephan und den Seinen, die jene Tage selbst erlebten, unnötig, darüber Buch zu führen, was in jenen Tagen geschah – die Hevellerchronik bricht um das Jahr vor der Vampyrwerdung Woleslav-Stephans ab und setzt erst nach der Offenbarung des Triglav vor Stephan (s. u.) wieder ein. Von den Ereignissen der Zwischenzeit künden uns die Schilderungen des Stephanssohns Wolfgardt und der Eriana de Buckowîz.
Nach Wolfgardts Ansicht hatte bei allen Feldzügen in Germanien Saulus’ Brut formell zwar die Leitung, denn so sieht es die bei Gründung des Grand Court getroffene Vereinbarung vor, faktisch arbeiteten die Armeen aber unter Führung jenes Verquillius, unter Befehl Karls des Großen, der seinerseits von König Alexander kontrolliert wird (der wiederum angeblich von seiner Königin Saviarre regiert wird, die in der nur noch unvollständig erhaltenen Pariser Stadtchronik als überirdisch schöne Frau beschrieben wird, in der mein geschätzter Clanbruder Striebeck schon die ominöse Lycia oder ihre Gegenspielerin Fatima sehen will, auf die wir noch zu sprechen kommen). Der Lasombrafürst umgekehrt kommt der Vereinbarung nach und läßt im Jahre 800 durch Papst Leo III. Karl den Großen zum Augustus krönen. Wolfgardt und Eriana de Buckowîz stimmen darin überein, daß nach dem Tode Verquillius die Saulusier schnell die Kontrolle über die Expansion des Frankenreiches zurückgewinnen konnten, mit ihren Reden über den Größenwahnsinn Alexanders aber nicht unbeträchtlich zum späteren Zerfall des Grand Court beigetragen haben.
800 – 1000
Die Sorbische Mark
Karl der Große errichtete entlang der Grenze seines Reiches Markgrafschaften zur Sicherung der Grenzen, im Süden die Spanische Mark zur Abwehr der Araber, im Südosten die Pannonische Mark, in Kärnten die Mark Friaul, am Atlantik die Bretonische und weiter nördlich die Dänische Mark und zur Abwehr des Wendenvolkes die Sorbische Mark zwischen Elbe und Saale.
Der Raum Berlin ist zu jener Zeit wie das ganze Land östlich davon nach den lebendigen Beschreibungen der Eriana de Buckowîz eine undurchdringliche Wildnis, “mit Wäldern, deren Alter sich nur nach Jahrtausenden bemessen lassen und deren Tiefe seit der Schöpfung noch kein Mensch erblickt hat”. Allenfalls an den Rändern der Wälder und der unvorstellbar großen Sumpfgebiete finden sich spärliche Siedlungen eines Volkes von Slawen, dessen Kultur und Leben in Jahrhunderten mit den bereits hier ansässigen Germanen verschmolz. Im nördlichen Berliner Raum, im Havelland, leben die Heveller mit der Brandenburg (Brennabor) als Zentrum, unterdessen im südlichen Berliner Raum, abgetrennt durch einen breiten Wald- und Moorgürtel (dem späteren Berlin) die Sprewanen hausen, deren Herrscher auf einer stark befestigten Burg auf einer Insel mitten im Sumpf lebt (der späteren Dominsel). Auch andere Stämme der Milzener und Lusitzer bevölkern die Nachbarschaft, aber alles in allem ist das Land weit, wüst und leer.”Ein Land, das winters vor Kälte klirrt und im Sommer unter der Hitze stöhnt, das ein zartes Frühjahr und einen seidigen Herbst spinnt, ein Land, das Wild und Fleisch im Überfluß hervorbringt – in dem der Ackerbau auf wechselnd sandigem und morastigem Boden aber ein frustierend Tagewerk ist, so daß neben den ansässigen Wenden auch nomadische Stammesverbände in der Gegend unterwegs sind”.
Durch Triglavs Wirken siedeln sich, wenn auch in kleinem Rahmen, einige Pruzzen in der Gegend an und bringen ihre Götter mit: den gewaltigen Wettergott Perkunos, den Kriegs- und Ackergott Patrimpe und den Gott des Verderbens und des Todes Pekollos, nebst einer Vielzahl geringerer Gottheiten wie den Baumgott Puskaitis oder Giltine, die den schmerzvollen Tod bringt (alleine die “Auswahl” der drei Hauptgötter – Donner, Krieg und Tod – sagt meines Erachtens viel über die Geisteshaltung der Pruzzen aus, auch wenn Eriana de Buckowîz dem bestimmt widersprechen würde).
Die Pruzzen sind ein starkes Volk – Schwächlinge, Alte, Krüppel, auch überzählige Töchter werden als Feueropfer zur Glorie der Götter dargebracht. Feinde können keine Gnade erwarten von diesem Volk, und gerade die Pruzzen, die Triglav in das Wendland führt, reifen zu großen Kriegsherren und Stammesfürsten heran und lehren die Wenden das Kriegshandwerk. Schon früh verschmelzen die verschiedenen Gottheiten des Triumvirates der Pruzzen mit den vergleichbaren Göttern der Wendenstämme in einem mächtigen Gott, der zum Schützer des Volkes wird – Triglav.
Bei der Wandlung dieses Volkes geht Triglav hastig vor, da er nach dem Wendenfeldzug des Karl weiß, daß das fränkische Reich sich viel schneller in die Wildnis frißt, als er gedacht hatte. Das Versagen von Forsete erfüllt ihn mit Zorn, und erzürnt ist er über Mistilas Schwäche, und nur die großen Taten der Kriegerinnen, die Brunhild ins Ostfränkische schickte und die bei Schlachten der Germanen wider die Christen zu jenen Tagen nahezu überall auftauchen, das Schlachtenglück zu wenden, vermögen ihn zu beruhigen.
Woleslav-Stephan indes stößt in nach Schilderung Wolfgardts “blinder Raserei und durch seine neue Macht betäubt” mit seinen Volksstämmen wieder und wieder in das Fränkische vor, bis außer seinem Zauberer Canissîm Enkiem und seinen Söhnen Baltzar und Wolfgardt selbst niemand aus seinem Stamm mehr übrig ist. Erschüttert darüber, daß die Götter ihn verlassen haben und er durch das Blut des Dämons verführt wurde, zieht er sich in die Wildnis des Havellandes zurück und brütet über seinem Schicksal.
Die Wikinger
Nach dem günstigen Ableben Verquillius’ bietet sich für die Alexander oppositionellen Ventruegruppen und ihre Bündnispartner die Gelegenheit, mancherlei weitere Lügen über ihn, die Lasombra als Clan und den “Roi du Court” Alexander zu spinnen, und da die Saulusier Ludwig den Deutschen unter ihrer Kontrolle wissen, kehren sie dem Grand Court den Rücken und arbeiten auf die Abtrennung des Ostgebietes vom Frankenreiche hin. Zunächst mit dem gegenseitigen Ausspielen der Ventrue durch Alexander, dann mit dem Austritt der Saulusier – eine Terminologie übrigens, die von mir in keinster Weise abwertend gemeint ist und lediglich die Gesamtheit aller Kainiten bezeichnet, die in engerem Bündnis mit den Kindern und Kindeskindern des Ventrue Saulus stehen – aus dem Grand Court.
Damit ist die bildliche Einheit der Ventrue dahin, und auch die anderen Clane sehen somit keine Veranlassung mehr, ihre Pläne zurückzustellen. Die Lasombra, erzürnt über das Scheitern ihres Bündnisses mit Verquillius, können eine Allianz von Kainiten hinter sich bringen und versuchen nun mit ihrem Vasallen Lothar I. den Ventrue die endgültige Kontrolle über das Reich der Franken zu entringen, was ihnen aber nicht gelingt.
Die Einzelheiten des nun einsetzenden Zerfalls des Pariser Clansbundes und die zahllosen, wirren Fehden und Schlachten unter den verfeindeten Gruppierungen sollen uns hinfort nicht en detail interessieren – nachdem der Boden für die Konflikte der folgenden Jahrhunderte bereitet ist, wollen wir uns mehr dem Wirken von Triglavs Brut, Woleslav-Stephan und den anderen späteren brandenburgischen Herrschern zuwenden.
Zur .Schwächung und Spaltung des Fränkischen Reiches tragen auch die ab 800 stattfindenden Wikingerzüge bei. Im Vorfeld der Züge erscheint nach Inhalt der um 1500 entstandenen “Pruzzischen Schlachtenlieder” aus der Feder des Jaxa de Copnic, Teil der Hevellerchronik, Brunhild mehreren Stammesfürsten der Wikinger (wie Erik dem Roten) und trägt ihm als Odins Schicksalsbringerin auf, seine Männer über die Wasser zu Gold, Reichtum und Macht zu führen. Sie gelobt ihm wie allen Männern, die sich diesem Feldzug anschließen wollen, daß die Vorstöße unter dem Segen der nordischen Götter stehen und alle Wikinger Einzug in Odins Halle halten werden. Während Brunhild aber auf die weiteren Unternehmungen Eriks und der nach Westen und Südwesten vorstoßenden Wikinger keinen weiteren Einfluß mehr hat, folgt sie dem Vorstoß der Waräger über die Ostsee in die ihr von Triglav gewiesenen Gegenden. Der Anführer der Waräger, Brunhilds Vasall Rurik, und dessen Nachfolger setzen sich in Nowgorod, Smolensk und Kiew fest.
Von dort aus – so Brunhilds Plan – sollen die Waräger ein Reich aufbauen, das als Gegenpol zu den Tzimisce fungieren kann, welche die Gebiete der Südslawen zwischen Ostfränkischem Reich bis hinab zum Schwarzen Meer kontrollieren und sowohl gegen Konstantinopel wie nach Norden vorstoßen. Als Triglav sie zu sich ruft, um die Grenze der Wenden gegen das Ostfränkische Reich zu stärken, erschafft sie Rurik und überläßt ihm die Kontrolle über das im Aufbau befindliche Großfürstentum Kiew. Rurik indes ist kein Mann der Bescheidenheit, sondern ein großer Krieger. Indem er durch seine Erschaffung sich ebenso wie Brunhild als Schicksalsbringer wähnt, hat er alsbald eine “Eingebung von Odin” – man verzeihe meinen Zynismus – und führt seine Leute auf Plünderzüge entlang des Dnjepr bis zum Schwarzen Meer hinab. Der Großfürst des rasch wachsenden Kiewer Reiches Wladimir läßt sich in der Zwischenzeit 988 taufen, um den Handel mit Konstantinopel zu begünstigen, und da das Großfürstentum durch den Handel mit den Wikingern weiterhin wächst und gedeiht, entdecken alsbald andere Kainiten das Land für sich und endigen den Einfluß von Triglavs Linie auf das aufstrebende Land der Russen.
Enkiem sagt in seinem Kommentar zur Hevellerchronik, seit jener Zeit sei Brunhild auf der Jagd nach Rurik gewesen, dessen Spur sich aber im nahen Osten verliert.
Die Nordmark
Nach einem langen, fruchtlosen Streit einigen sich die über Vladimir siegreichen Janus und Ptolemaios auf Heinrich I. von Sachsen als König des seit dieser Zeit “Reich der Deutschen” (regnum teutonicorum) genannten Gebietes und arbeiten gemeinsam mit anderen Ventrue am Erstarken des Reiches und an der Ostexpansion.
Heinrich I. unterwirft 928 / 929 die Slawen und erobert nach langer Belagerung auch die Brennabor (Brandenburg) “mit Hunger, Schwert und Kälte” und begründet die Nordmark, die im Westen von Sachsen, im Norden von der Billunger Mark und im Süden von der Lausitz begrenzt wird. Die Wenden bleiben allerdings rebellisch, und Heinrich I. kann seinen auf der Landkarte vorhandenen Regierungsanspruch durch seine Markgrafen im Slawengebiet nicht durchsetzen. Auch sein Sohn Otto I. gewann zwar im Jahr 955 Schlachten gegen die Slawen an der Oder, aber die Wenden sollten noch bis tief in das 13. Jahrhundert hinein die wahren Herren der Nordmark bleiben. Daran ändert auch der Christianisierungsversuch nichts, in dessen Zuge Brandenburg 948 Bistum und Bischofssitz wird.
Dies mag neben der Unterstützung des Triglav und der Brunhild, von deren Existenz die Kainiten Deutschlands nicht einmal etwas ahnten, und den hinter ihnen stehenden meist brujahnischen, vereinzelten tzimiscanischen und gangrelischen Bundesgenossen, auch an den weiteren Streitigkeiten zwischen den Kindern Saulus’ gelegen haben, die zu jener Zeit ihren Beitrag dazu leisten, daß verschiedene Teilreiche des Reichs der Deutschen in Fehde zueinander stehen und sich in bisweilen mehrjährigen Kriegen ergehen. Verschärft wird die Situation zudem durch die wachsende Stärke der Lasombra, die über weite Teile des italienischen und spanischen Raumes dominieren.
Die Regierungszeit der vermutlich lasombradoninierten Theophanu, in der die verschiedenen Fraktionen von Saulus’ Brut mit anderen Kainiten um die Macht in Deutschland ringen, nutzen die Wenden für einen Aufstand – die Nordmark wird 983 wieder frei (und die Wenden zerstören als allererstes den Dom zu Brandenburg und erschlagen den ansässigen Bischof).
Bei den Kämpfen um die einstige Feste Brennabor, nun Brandenburg genannt, zeigt sich Woleslav-Stephan, der den Kämpfen versteckt aus den Schatten der Wälder beiwohnt, von den Kampfgeschicken einer jungen Kriegerin aus Beelitz beeindruckt, Alsynn (die sich später Ilse Reinegger nennen wird). Er beobachtet sie tatsächlich einige Jahre, bis sich ihr hitzköpfiges Temperament etwas gelegt hat, und erschafft sie 995 als sein erstes Kind.
Und dies ist die wahrhaftige Ungeheuerlichkeit, die sich mit der Hevellerchronik offenbart, daß wir nun darum wissen, wer im Triumvirat über die Stadt regierte und wem der Tribut als allzeitig wahrhaftiger Herr über Berlin und die Mark Brandenburg verdient gewesen wäre. Wir können nicht wissen, warum Stephan nicht die Fehde seiner Enkel endete, wäre der Anspruch auf den Thron nicht nur der Mark, sondern auch Berlins von Rechts wegen mehr denn gerechtfertigt, aber wir wissen nun, wie wir manches zu werten haben, was in jenen Tagen der Dreiherrschaft gesagt und getan wurde.
Auf die Erschaffung Alsynns reagieren die beiden leiblichen Söhne Woleslav-Stephans mit Unverständnis, aber Stephan entgegnet ihnen, daß ihm der Gott Tiwaz (vermutlich eher Triglav) im Traum erschienen sei und ihm die Wahrheit über das Wesen der Dämonen gezeigt hätte. Er müsse nun seinen Teil dazu beitragen, das Wendenreich zu einen und in eine Trutzburg gegen den Christenkult zu schmieden. Zu jener Zeit – so die Hevellerchronik – kommt Saulus persönlich in die Ostmark, wohl um zu erfahren, wer da seine Pläne der Ostexpansion zurückdrängt. Triglav gelingt es, ein Rudel Werwölfe zu Saulus zu locken, der sich daraufhin eiligen Schrittes zurückzieht. Einige Kainiten, mit denen Albrecht von Magdeburg im Zuge der Neuen Stadtchronik sprach, wollen wissen, daß Saulus der Starke vor seiner Abreise und wohl in der Hoffnung, jemanden zu haben, der ihm die ihm völlig fremde Geisteshaltung der Bewohner dieser Länder nahelegt, einen Ortsgeborenen erschafft, der – laut den Notizen Magdeburgs die Andeutung eines Kainiten, dessen Namen er aber nicht nennen möchte – mit dem später bekannten Rheinhardt von Trotta identisch ist. Albrecht von Magdeburg schreibt: “Ich hatte leider noch keine Gelegenheit, Rheinhardt von Trotta hierzu zu befragen, werde das aber auf dem kommenden Clantreffen in Teutoburg umgehend nachholen” – ein Zusammentreffen von Rheinhardt von Trotta und Albrecht von Magdeburg, zu dem es nicht kommen sollte, denn nur kurze Zeit vor dem Treffen wurde unser gütiger Herrscher aus dem Leben gerissen.
1000 – 1200
Triglavs Masquerade
Um die Jahrtausendwende muß Triglav klar sein, daß seine hehren Pläne zum Untergang verdammt sind. Wohin er sich auch wendet, überall schießen große Reiche aus dem Boden empor, und nahezu ausnahmslos huldigen sie dem Christengott. Viele der Bündnispartner, mit denen er einst im Bunde stand, wenden sich von ihm ab. Die Wildnis ist endlich, das wissen nun alle – keinesfalls die Selbstverständlichkeit, die wir heute darin sehen. Aus den Nordmannen, die Brunhild nach Süden führte, ist ein riesiges Kiewer Reich erwachsen, das in seiner Größe Frankreich und das Deutsche Reich übertrifft. Die Tzimisce und andere Kainiten haben die Kontrolle über das Kiewer Reich erlangt, und zusammen mit dem gerade von ihnen mitbegründeten Polen unter Regentschaft des Mieszko, eines Vasallen Nivladozhds, und dem schon seit längerem unter ihrer Kontrolle stehenden Königreich Ungarn sind die Tzimisce die unangefochtenen Beherrscher Osteuropas. Burgoij Razhd mag sich ebenso wie Tzimisce selbst mehr und mehr isolieren und in die Tiefen der Karpathen zurückziehen, aber seine Kinder und Kindeskinder breiten ihre Herrschaft nicht nur über die Politik, sondern auch über die Orden und Kulte der slawischen Hexer aus. Auf der anderen Seite hat das von Triglav verhaßte Frankenreich seine Größe verdoppelt, auch wenn die Osthälfte des Reiches, jenes “Reich der Deutschen”, sich vom Frankenreich getrennt hat (diese in ihrem Umfang größtenteils völlig neuen Informationen über das Wirken der Tzimisce in jenen Tagen stammen übrigens aus einigen Büchern, die einstmals dem Berliner Gildenhaus der Tremere gehörten und, wie Albrecht von Magdeburg notiert (“sagen wir glückliche Schicksalsfügungen”), in seinen Besitz gelangten, ehe sie per Testament des Magdeburg an die Tremere zurückgegeben wurden).
Viele Gangrel Europas machen sich auf in die leereren, wilderen Gegenden, zu denen neben Schottland, Skandinavien und Osteuropa auch die Nordmark und die Länder der Pomoranen, Pruzzen, Litauer, Schmuden, Semgaller, Liven, Letten und Esten zählen – jene Völker also, die Triglav als die Bewahrer des Glaubens an die lebendige, beseelte Natur sieht.
Durch Mistilas wachsame Augen und Ohren über die zukünftige Ostexpansion Deutschlands wissend und da er auf den Kriegerfürsten Woleslav-Stephan aufmerksam geworden ist, entsinnt er eine List, wie er den Vormarsch der “Christen-Clane” (und darunter versteht Triglav vor allem die Lasombra, die Ventrue und die Toreador) aufhalten oder doch wenigstens verlangsamen könnte: indem durch den Ventrue Wolselav-Stephan ein Herrscherhaus in der Nordmark begründet würde, das seinethalben auch das Christentum äußerlich annehmen würde (denn ohne dieses wäre mit den Deutschventrue nicht zu reden), könnte der Vormarsch der Deutschen aufgehalten, wertvolle Zeit erkauft werden.
Soll das Volk doch im Geheimen weiter an den Quellen beten, mögen sie geleitet sein von einem geheimen Orden von Magiern und Kultpriestern, möge das Blut von Menschen-, nein, Christenopfern geheime Kultplätze überströmen, die Herren der Nordmark aus Ventrues Blut würden dafür sorgen, daß alles schön recht und ordentlich aussähe.
Woleslav der Heide, Stephan der Gläubige sollte sein Werkzeug sein, den Pruzzen und Pomoranen, den Litauern und den anderen Dienern Perkunos-Triglavs die so kostbare Zeit erkaufen, die sie zur Stärkung des Volkes brauchten. Die Völkerwanderung der Gangrel in die wilden Länder würde bald so viele seines Clanes hier versammeln – wer könnte ihnen dann noch diese Länder streitig machen?
Da sie ihn nicht überreden kann mitzukommen und sie den Kampf hier verloren glaubt, geht Brunhild um 1050 nach Skandinavien zurück, in das Königreich Norwegen, das sie als letzte Bastion der Wildnis ausgewählt hat. Zum Abschied soll sie nach Ausführungen Wolfgardts gegenüber Albrecht von Magdeburg im Frühwinter 1997 bei ihrer Abreise gesagt haben: “Besser ich sterbe inmitten der Gläubigen meines Volkes – wie Forsete, der als Gott starb – denn ich mit ansehen muß, wie mein Volk dem Christengott Tribut zollt und mich davonjagt ins Reich der Mären, Alpe und Trolle.”
Der Riß
Die aufschlußreichen Ausführungen zur Thematik der Magie und den Begebenheiten um das Entstehen der Tremere muß ich als Zitat aus den Schriften des Albrecht von Magdeburg einfügen, da ich selbst von solcherlei Dingen nichts verstehe und hierzu auch nichts zu sagen vermag:
“Um das Jahr 1000 ist – so lehrt uns die Thaumaturgie – allgemein festzustellen, daß tiefgreifende Veränderungen im Gefüge der Welt stattfinden. Die Existenz der beseelten Natur, der Elfen und Zwerge, Truden und Geister ist von einer unumstößlichen Wahrheit zu einer Frage des ‘Glaubens’ geworden. Indem die christlichen Länder größer werden und die Wilde Magie mehr und mehr verdrängen und durch Wissenschaft, Ratio, Entrücktheit, Keuschheit und ein Bild der toten, geschaffenen, dem Menschen untertänigen Natur ersetzen, passiert irgend etwas mit der Welt (dies ist freilich nicht das einzige Erklärungsmodell für die geschilderten Phänomene, die wir in umgekehrter Folge nun in Berlin wiederzuerleben scheinen, es ist meiner Kenntnis nach jedoch die derzeit vorherrschende Schule).
Es ist, als ob die Magie in der Welt schwächer würde, als ob der Äther dichter geworden, die Totengeister von den Familien ihrer Nachfahren getrennt würden. Aus dieser Zeit sind viele Berichte geblieben, in denen Pfaffen und Mönche scheinbar mühelos über die mächtigsten magischen Wesen obsiegen und so den Gläubigen beweisen, daß ihr toter Gott stärker ist als die wilde Natur mit ihren ungezählten gut- und bösartigen Geistern.
Die Vorstellung der Natur wandelt sich von einem reichen Schoß voller lebendiger, wenn auch nicht immer freundlicher Geister zu einem düsteren, furchtbaren Platz, wo tausendfaltige Teufel dem Gläubigen auflauern, wo Hexen und Werwölfe und Wiedergänger Umtrieb halten und böse Tiere (allen voran der Wolf) dem Menschen ein möglichst grausames Ende bereiten wollen.
Es spielen sicherlich eine ganze Menge verschiedener Faktoren eine Rolle bei dieser Entwicklung: die Verbreitung des leblosen Christentums sicherlich, aber auch das Aufflammen der Kriege zwischen den Vampiren, die über eine kleiner werdende Welt streiten und oft unverhohlen Umtrieb halten, ferner die Vozhd der Tzimisce und nicht zuletzt die Werwölfe, die erst ab dieser Zeit zu den mörderischen Bestien werden, die wir heute kennen – nur daß sie zu jener Zeit noch reicher an Zahl und Macht waren. Indem die Wolfwesen erkennen, daß die Plätze, an denen sie sich vor den Menschen und den Kainiten verbergen können, geringer werden, schlagen sie aus nach allem, was es wagt, die wilden Wälder zu betreten – und erschaffen so erst die feindliche Natur, den bösen Wald, die ungezählten Teufelsmoore, Teufelsseen, Düsteren Teiche und Hexenwälder.
In diese Zeit fällt auch die Entstehung eines neuen Vampirclans, der Tremere, die von ihrer Machtbasis in den Karpathen mitten unter den Augen der Tzimisce von einer kleinen Abspaltung fanatischer Hexenmeister zu unheiligen Bluträubern werden. Nach langen Experimenten an entführten Tzimisce vermeinen die Hexer das Geheimnis der Unsterblichkeit zum Greifen nahe zu haben, und 1022 erschaffen sich die sieben dem Haus vorstehenden Hexer aus dem Blut eines Tzimisce, den sie hernach vernichten – niemand geringerer als Vovoide Burgoij Razhd selbst, glaubt man der Ahnenlinie einiger der älteren Tremere.
Ein Aufschrei geht durch die Brut Burgoijs – und nach einigen gescheiterten Versuchen, die lästigen Tremere zu vernichten, auch durch die anderen Tzimisce. Ein Kriegsruf geht durch das Land, doch der Stammsitz des Hauses Tremere ist gut verborgen, und ihr befähigtster Magus Goratrix erschafft auf der Basis alter Papyri, die er sich bei einem Besuch im Orient erwarb, die “Gargylen”. Die geflügelten Monstrositäten werden die willenlosen Soldaten der Tremere und erweisen sich als formidable Gegner wider die Vozhd der Tzimisce.
Das kainitische Europa atmet auf – endlich werden die Tzimisce durch interne Querelen heimgesucht und können nicht, wie viele Kainiten es bereits voraussahen, von Osten aus Europa überrollen. Natürlich geht man davon aus, daß der machtvollste Clan Europas siegreich gegen die Hexer sein wird, aber als Tremere 1133 einen ruhenden Altvorderen diableriert und das Haus Tremere so das Recht des Clans erhält ist das Entsetzen in Europa groß und man wünscht sich, man hätte beizeiten die lächerlichen Dispute beiseitegelegt und sich den Tremere zugewandt, vor denen sowohl die Gangrel wie auch die Nosferatu seit der Sichtung der ersten Gargyle immer wieder gewarnt hatten – doch ohne etwas auszurichten.
Man bedenke die Zeiten: die großen unterirdischen Kloaken waren noch nicht gebaut, das Volk der Nosferati also darauf angewiesen, sich zu verstecken, wo immer Platz war, ein Clan ohne Heimat, ohne Reich und ohne Gesicht, die Gangrel weit verstreut, eine flüchtige Bekanntschaft, in den Reihen der Wikinger durchaus einmal ein Ärgernis, aber nicht mehr. Ihre Warnungen beachten? Wie lächerlich.”
Hiermit enden Albrecht von Magdeburgs Ausführungen zum “Riß”.
Das Reich der Reinegger
In der freien Nordmark inzwischen ist Triglav der Schützer und Gott des Volkes, der seine Leute vor den Deutschen retten wird. Darin, daß in Deutschland mit den Lasombra um den Thron und die Macht der Kirche gerungen wird und den Tzimisce, die ihren heiligen Heimatboden wider die Tremere verteidigen müssen, die Herrschaft über Polen entgleitet, sehen Triglav und Stephan, den ersterer mit Visionen seines Gottes Tiwaz leitet, wieder Hoffnung. Während Ilse Reinegger unter Stephans Aufsicht Bündnisse zwischen verfehdeten Wendenstämmen erwirkt und schließlich den Stammältesten Pribislav auf den Thron des Slawenfürsten bringt, wendet sich Triglav mit einem Anverwandten Pribislavs gen Polen, um dort die Heirat mit der polnischen Adeligen Droboslawa Pomerania zu arrangieren. Über die Verbindung des Fürsten der Slawen mit dem Herrscherhaus Polens erhofft sich Triglav, seinen Plan doch noch umsetzen zu können. Die gewonnene Zeit scheint jedoch zu zerrinnen, als 1134 Herzog Lothar von Supplinburg, der 1125 den deutschen Thron besteigt, 1133 auch noch zum Kaiser gekrönt wird, zur Sicherung der Grenzen anders als seine eher planlos agierenden Vorgänger fähige und tatkräftige Familien in den Grenzmarken gen Osten einsetzt. Es sind dies die Schauenburger für Holstein, die Askanier für die Mark Brandenburg (die Nordmark) und die Wettiner für die Mark Meißen und Lausitz.
Albrecht der Askanier, genannt “der Bär”, wird für seine geleisteten Dienste bei der Eroberung der Staufferburg Nürnberg (1125) mit der Nordmark belehnt – womit der Raum Berlin wieder fest in deutscher Hand ist.
Zu jener kritischen Zeit kommt einer aus der Gefolgschaft Alexanders, Erik Eigermann, in die Nordmark. Auch die Herren in Paris haben wohl die Chance erkannt, die sich eben mit dem Machtvakuum in Polen und den anderen slawischen Ländern auftut, und Erik durchquert die Deutschen Lande, um sich die Herrscherfamilien der Nordländer – allen voran Polens und des Kiewer Reichs – Untertan zu machen. Woleslav-Stephan erkennt sofort die Gefahr, die von diesem Dämon in der Mönchsrobe und seiner kleinen Entourage an Bewaffneten ausgeht, und dieser erste direkte Kontakt zu einem Kainiten aus den Westenlanden wird wiederum in der Hevellerchronik sehr blumig und in Versform beschrieben. Gemeinsam mit Ilse – so der vierstrophige “Niedersprewanische Blutgesang” – vernichtet er die Ghule, die Erik begleiten, und zu zweien sind sie schließlich in der Lage, die Macht des Dämons zu brechen und ihn zum Rückzug zu zwingen.
Sie verfolgen ihn bis in die Stunden des Morgengrauens, und da sie gerade die Ränder eines winzigen Weilers namens Barlin erreichen, erblickt Ilse einen Dämonenjäger, den sie aus der Ferne bereits zu anderer Zeit gesehen hatte, und sie ruft ihm zu, daß der fliehende Mönch der Teufel in Verkleidung sei. Der Dämonenjäger mit Namen Karl Schreckt – eine weitere ungeheuerliche Offenbarung der Hevellerchronik – blickt dem Mönch nach, und da erhebt sich die Sonne über den Rand der Welt, und dem Bruder entfährt ein so gar nicht menschlich klingen wollendes Fauchen, daß die anderen Dörfler entsetzt auseinanderlaufen, unterdessen Schreckt der Satansbrut entgegentritt und ihm mit Weihwasser und der Anrufung Christi (und einem Anderthalbhänder sowie griechischem Feuer) sein Ende bereitet.
Dieser märkische Vorfall ist der erste seiner Art, der in die Archive in Paris Einzug hält, und so steht der Erik noch heute da als der erste Kainit, der brandenburgische Erde betrat – und in ihr starb. Das geschah im Jahre 1140.
Ilse indes bereitet wie von ihrem Herren Woleslav-Stephan befohlen den kinderlosen Slawenfürsten Pribislav darauf vor, mit Albrecht dem Bären einen Erbvertrag zu schließen, damit Albrecht nach Pribislav-Heinrichs Tod den Rechtsanspruch als Fürst der Slawen und Markgraf des Königs auf sich vereint. Dies nicht gerade freudig, denn noch 1147 nimmt Albrecht der Bär an den Wendenkreuzzügen teil, die aber erfolglos bleiben – der Kriegszug wider die Städte Stettin und Dommin des Fürsten der heidnischen Odobriten Niklot bleibt erfolglos.
1150 wird meiner Ansicht nach die große Schwäche Triglavs offenbar: seine Spontaneität. Seine Fähigkeit, spontan Chancen zu ergreifen gerät ihm hier zum Nachteil: die plötzliche Chance sehend, die sich in Polen auftut, ändert er seine Pläne und strebt statt einer Verbindung des Slawenfürsten Pribislav mit der Deutschen Krone stattdessen die Verbindung Pribislaws mit den polnischen Herrschern an, wozu er den Boden schon bereitet hat – ohne Woleslav-Stephan oder Ilse Reinegger davon in Kenntnis zu setzen.
So muß der auf die Nachricht des Todes Pribislavs nach Brandenburg kommende Vetter des verstorbenen Fürsten, Jaczo de Copnic, den Triglav vermittels der Heirat zum polnischen Fürsten erhob, feststellen, daß sein Erbe vom verhaßten christlichen Markgrafen beansprucht wird. Natürlich fühlt sich Jaczo im Recht, und da er ein Wende edelsten Geblütes und Sinnes ist und zudem aus dem unweiten Copnic (Köpenick) entstammt, findet er im Volk reichhaltige Unterstützung. Noch im selben Jahr hebt er ein Wendenheer aus, nimmt die Feste Brandenburg mit List und Schwert und jagt den Markgrafen Albrecht davon. Das Volk feiert ihn als den Wendenfürsten, den Herrscher, der endlich Hoffnung bringt ins Wendenland, indem er Frieden bringt zwischen Wenden und Polen, dessen lebusische Reichsgrenze nach Jahren der Expansion dicht vor Köpenick verläuft.
Die Wenden fürchten um ihre Existenz als Volk, und alle Hoffnungen vereinen sich auf Jaczo, Jaxa dem Wendenfürsten. Hätte Albrecht der Bär über den Erbvertrag nicht ebenfalls Anspruch auf den Slawenthron der Brandenburg, vielleicht hätte man sich im Moment auf andere Dinge konzentriert und das Wendenland in Ruhe gelassen. Vielleicht wäre eine friedliche Verbrüderung mit Polen denkbar gewesen – aber da auch Jaxa nicht nur Freunde im Land hatte und der Domherr der Brandenburg zu Recht fürchtete, der gerade wieder im Aufbau begriffene Dom würde alsbald erneut niedergerissen werden, währte Jaxas Regentschaft als Wendenfürst nur kurz.
Mit einem organisierten Heer, wie es die Wenden nie gesehen haben, fällt Albrecht der Bär zusammen mit dem Heer des Erzbischofs von Magdeburg Wichmann 1157 über die Brandenburg her – und auch von diesem Ereignis künden wieder einige wunderbare Gesänge aus der Hevellerchronik:
die Wenden wehren sich tapfer, aber gegen die Rüstungen und Waffen der Deutschen haben sie keine Chance (schon zu Karls Zeiten war der Waffenverkauf an die Slawen beim Tode verboten). Wohl fochten sie mit Schwertern, doch die alten Erbstücke und die leichten Panzer, vor allem aber die ungeschulte Kampftaktik, in der jeder für sich kämpfte, hatten der überlegenen militärischen Kraft des Bären und des Wichmann nichts entgegenzusetzen.
Jaxas Männer werden in der Feste eingekesselt und gnadenlos abgeschlachtet, als plötzlich eine Bande fahrender Spielleute Schwerter unter ihren bunten Kleidern hervorholt und auf die Kräfte des Bischofs und Albrechts einhaut. Jaxa und seine engsten Gefährten stehen verwirrt, denn die Feinde lassen von ihnen ab, scheinen sie gar nicht mehr zu sehen, sondern schlagen auf Gegner ein, die nur sie sehen können. Einer der Spielleute ruft Jaxa zu (grob übersetzt): “So geh’ hin, Slawenfürst! Deine Zeit ist noch nicht – und dein Gott harrt deiner schon!” Diese Begebenheit berichtet uns auch der Stephanssohn Wolfgardt.
Jaxa und einer Handvoll seiner Leute gelingt der Ausbruch und die Flucht aus der Feste. Die Truppen des Erzbischofs setzen dem Wendenfürsten nach, der sein Pferd Richtung Havel lenkt, hinan zum wichtigsten Kultplatz der Wenden unweit des Dachsberges am Schildhorn, aber Strauchwerk und der Blendzauber der Spielleute verwirren sie, so daß Jaxa an Boden gewinnt. Er durchschwimmt die Havel, und am Kultplatz ertweist sich, wem der christlich getaufte Jaxa in Wahrheit geweiht ist: er nimmt sein Schwert in die Hände und zeichnet einen Kreis um sich, und da die Sonne den Boden berührt, wie es für das höchste Opfer an Triglav notwendig ist, durchstößt er seinen Leib. Dieses Opfer bringt er dar, damit Triglav die Wenden nicht verlasse und ihre Art über seinen Tod hinaus schütze und bewahre. Während sein Blut den Boden tränkt, bricht die Nacht herein, und Triglav kommt zum erkaltenden Leib seines Fürsten. Er ist so bewegt vom Edelmut des Mannes, daß er keine Sekunde zögert und ihn erschafft. Er kniet vor Jaxa nieder und gelobt als sein Gott, fortan und für immer über das wendsche Volk zu wachen. Noch heute erzählen sich die Wenden im Spreewald, die sich heute Sorben nennen, daß es dieses Opfer Jaxas gewesen sei, dem sie es zu verdanken haben, daß sie bis heute ihr Brauchtum und ihre Sprache haben bewahren können – womit sie sicherlich nicht unrecht haben, denn Jaxa zumindest wandelt noch immer in den Marken umher, wenn auch unter anderem Namen. Die andere Legende, die behauptet, der auf der Flucht befindliche heidnische Jaxa hätte bei der Durchquerung der Havel den Gott seiner Verfolger angefleht, ihn zu erretten, und wäre nach der glücklichen Ankunft am Schildhorn dem Christentum beigetreten, entstammt der Feder eines romantisch verklärten Poeten des 18. Jahrhunderts und hat auch aus historischer Sicht wenig mit der Wahrheit gemein: Von jenem Jaxa existieren Münzen aus der Zeit seiner Herrschaft vor dem Sturm auf die Brandenburg, in denen er deutlich als Christ auftritt – er hätte später wohl kaum nochmals die Taufe vollzogen.
Gargiil-Fatar erscheint
Aus der Zeit um 1150 stammt auch die Legende um das verschlafene Dörfchen Dornwell in der Nähe des heutigen Lübars, wo unheilige Mächte Umtrieb hielten. Die Beschreibung eines geflügelten Dämons in Dornwell gilt vielen Kainiten – darunter, so Albrecht von Magdeburg, der Brujah Nina, die Gangrel-Ahnin Danielle Diron und die Tremere Andrea Mellenborn – als erste Sichtung der Altgargyle Gargiil-Fatar im Raum Berlin, genauer gesagt beim heutigen Lübars, wo “ein geflügelter Teufel” sich dem Dämonenjäger und seinem Gefolge in den Weg stellte, “daß sie an die Hexe nicht herankonnten, deren Rauchwerk sie im Dunkel der Nacht am Fels hatten sehen können”. Auch hier erlaube ich mir wieder, die Schriften Albrecht von Magdeburgs direkt zu zitieren, da ich um die Erkenntnisse betreffs der Verstrickungen der Setiten mit dem Nosferatu-Ahn Wladymir nichts weiß und nicht verantwortlich sein möchte für eine eventuelle falsche Sicht der Dinge. Albrecht schreibt:
“Um diese und andere Geschichten aber rechtens deuten zu können, ist ein kleiner Vorgriff nötig, denn allzu verschlungen sind die Wege der Ältesten und ihre Pläne. Es sei darauf hingewiesen, daß die folgenden Schilderungen sich aus der Summe der mir vorliegenden Indizien herauslesen lassen und lediglich meine persönliche Interpretation der Aberdutzenden an Hinweisen ist, die sich an verschiedenen Stellen finden lassen (und für deren Komplettierung vor allem im letzten Herbst ich der Tremere-Neonatin Andrea wie für Hinweise und die Beschaffung von Beweisen im Vorfeld jenes Herbstes der verstorbenen Gangrel-Neonatin Dancer an dieser Stelle Dank sagen möchte). Dennoch halte ich nach meinem heutigen Kenntnisstand die vorliegende Darstellung für schlüssig, durch Indizien mit teilweiser Beweiskraft und das Diktat des Menschenverstandes bestätigt, und im wesentlichen korrekt, bis ein anderer mit umfangreicheren Informationen und Beweisen eine bessere Darstellung hervorbringen kann.
Über Jahrtausende schon wütete eine gewaltige Konfrontation zwischen zwei sehr alten Setiten, Nefertari oder Ahmes-Nefertari, auch genannt Lycia, und Fatima. Offenbar stammen beide aus dem Alten Ägypten, wo Ahmes-Nefertari die Tochter des Pharaos und Fatima ihre Sklavin war. Zu jener Zeit überfielen die Setiten Ägypten, und da der Pharao dem Zugriff der Schlangen durch den Freitod entging, erwählte Sutekh darselbst die junge Pharaonin Nefertari als sein Kind und als der Setiten Herrscherin über das obere Ägypten in einer Dynastie vor den Dynastien. Diese wiederum machte ihre Sklavin Fatima zunächst zu ihrem Ghul und dann zu ihrem eigenen Kinde, das ihrer “Göttin” und Jugendfreundin bereitwillig zu Diensten war. Wie das schwarze Blut Sutekhs aber selbst die reinste Liebe zu verderben vermag, wandte sich Fatima von ihrer Herrin ab, und wohl wissend, ihrer Herrschsucht (und ihrer durch Generation bedingten ungeheuren Macht) niemals ohne Hilfe entgehen zu können, verführte sie den “Steinernen Wächter” dazu, ihr bei der Flucht zu helfen. Jener steinerne Wächter gilt als “Vorfahre” der heutigen Gargyle, und gerüchteweise stützten sich die arkanen Formeln der Tremere tatsächlich auf altägyptische Texte des Magiers, der diesen Steinernen Wächter als Beschützer der Pharaonengräber erschuf und das den Weisen unter dem Namen “Gargiil-Fatar” bekannt wurde, der Magier Akhim Ibn Eshturath. Die von ihm geschaffene tumbe Wächterkreatur erlag sofort den Disziplinen und der hingeheuchelten Liebe der Fatima und war ihr fortan in ihrem Jyhad, ihrem Trennungsversuch von ihrer Herrin, zu Diensten. Mit Kräften der Verdunkelung, in denen er sich mit jedem Nosferatu messen könnte, errichtete der Wächter Gargiil-Fatar unauffindbare Verstecke für seine Herrin – vor allem in den Schweizer Bergen – während er in ihren Diensten in den Ländern der wilden Magie den Schlachtplatz für die finale Konfrontation bereitete, denn Fatima war eine große Hexe, die auf die Mächte der schwindenden Magie angewiesen war, wollte sie die Macht der dunklen Kaiserin dereinst brechen. Mit seinem wirren Genie und einer dem Stein gleichen Geduld manövrierte Gargiil-Fatar alle wichtigen Figuren zur rechten Zeit zum rechten Ort, möglicherweise sogar Triglav, Saulus und manch anderen, der in dieser Geschichte auftritt. Durch Träume und verborgene Hinweise, eingeflüsterte Ideen und sorgsam inszenierte Zufälle erschuf er eine Front von Kainiten, die unwissend gegen die Machenschaften der Nefertari stehen sollten. Zugleich bestärkte er als ihr loyal ergebener Diener die Position der Kaiserin Nefertari, stets bedacht, sich vor ihr nicht zu verraten. Über Jahrtausende diente er loyal seiner Pharaonin und Göttin, denn er war als der Inbegriff der Loyalität geschmiedet worden. Selbst Fatimas Einflüsterungen reichten nie so weit, daß er sich gegen seine wahre Herrin wandte.
Was nun jene Legende mit dem Dörflein Dornwell angeht, so vermuten einige Kainiten in späterer Zeit, daß jener geflügelte Dämon der Gargiil-Fatar war, der im Auftrage seine Kaiserin eine infernalische Priesterin (möglicherweise eine Priesterin des Baal) in die wilden Länder brachte, da diese ein Arcanum von großer, böser Macht verbergen wollte. Andere sagen, er selbst habe es arrangiert, daß das Buch des Teufels jene Marken erreichte, damit durch seine Präsenz die Magie des Ortes bestärkt würde, wie es auch im Christentum das Wesen des Teufels ist, um so den Kampfplatz für Herrin und Dienerin zu bereiten, der 900 Jahre später sich tatsächlich hier zutragen sollte.”
Hiermit enden die vorgreifenden Ausführungen Albrechts von Magdeburg. Persönlich stehe ich diesen Ausführungen wie auch der kindischen Kriegserklärung der Domäne Berlin wider die “Brut der Ahmes-Nefertari” eher kritisch gegenüber. Sie scheint mir eher der regen Phantasie der beiden genannten Neonaten entsprungen zu sein, und es wundert mich einigermaßen, daß mein einstiger Herr solcherlei Geschwätz auch nur die geringste Bedeutung beimaß. Dennoch: die Geschichte der Kainiten ist voll von solchen blumenreichen Ausspinnungen, und man mag wenn schon keine wahrhafte Erkenntnis, so doch ein wenig Kurzweil in der Betrachtung solcher Verschwörungstheorien finden, und ehe ich den Eindruck erwecke, hier etwas “vertuschen” zu wollen (und so der Verschwörungstheorie weitere Luft zufächele), sehe ich es als selbstverständlich an, diese Hirngespinste einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
1200 – 1400
Die gute Herrscherin
Triglavs Plan mochte mit dem Sieg über Jaxa und seiner Erschaffung gescheitert sein, zudem auch andere Mächte in seiner Abwesenheit in Polen die Macht errangen, aber wenigstens kontrollierte nun Ilse Reinegger durch ihren Vasallen Albrecht den Bären unangefochten die Nordmark – doch noch immer unbemerkt von allen Kainiten, deren Interesse für die Nordmark ohnehin eher beiläufig war und wohl eher auf Prestigegründen beruhte.
Indem sie ihre Herrschaft über die Nordmark und alsbald auch über die Billunger Mark und die Lausitz ausdehnt erschafft sie drei Kinder: 1151 den Litauer Askirgal, 1201 ihre Nachfahrin Adela Reinegger und zuletzt 1220 den Gustav Breidenstein. Nach dem Tode Albrechts des Bären 1170, dem Woleslav-Stephan noch auf dem Totenbett als der Teufel erscheint und über seinen Christengott lästert, ihn hernach erschafft und so seine Seele verdammt, um ihn in der darauffolgenden Nacht zur Hölle seines Gnadengotts zu schicken, erklimmt Otto I. den Thron des Markgrafen, den er 1184 an Otto II. weitergibt – beides Vasallen der Reineggerschen.
Ihr Kind Gustav Breidenstein – in den Hevellerchroniken zunächst über mehrere Jahre hinweg einfach nur unter dem Namen “der Christ” geführt – wird schnell an der Führung der Marken beteiligt, so unter anderem durch seinen Vasall und ersten Ghul, den Vogt Eberhardt von den Askaniern, der um 1197 auf der Zitadelle zu Spandau regierte, nachdem die Feste Brandenburg aufgegeben worden war.
Als eine Ergänzung der Berliner Historie fügt Albrecht von Magdeburg an dieser Stelle in seinem Skriptum ein:
“In diese Zeit fällt auch der Bau der Spandauer Nikolaikirche (ab 1180), in deren Fundamenten ein zweites Kellergewölbe auf Weisung eines verkleideten Adeligen eingefügt wurde. Man sagt, das zweite Gewölbe sei einzig für die Aufbewahrung eines machtvollen Buches angelegt worden.” Am Ende des handschriftlichen Eintrages findet sich noch die Notiz: “2/98 AM”, und beide Einträge dürften in Zusammenhang stehen zu dem in Berliner Legenden oftgenannten “Buch des Teufels” – ein Thema, mit dem sich mein einstiger Herr in seinen letzten Jahren mit zunehmendem Enthusiasmus zu beschäftigen pflegte. Doch dies nur am Rande.
Inzwischen geht Triglavs Masquerade im Wendenland voran: toleriert wird die Erbauung des Neuen Doms 1165, der unablässige Zuzug von christlichen Deutschen ins Land, die den Wenden den modernen Ackerbau bringen und so großen Respekt erfahren, so großen gar, daß viele dem Christengott huldigen und sich freiwillig taufen lassen – aber unter Ilses Führung tolerieren die Markgrafen das wendsche Wesen und ihren Glauben umgekehrt, und die wahrhaft Gläubigen des Triglav ziehen in die unwirtlicheren Gegenden der Mark – wie den Spreewald – um der Verdeutschung zu entgehen.
In diese Zeit, da in der Welt die Kreuzzüge beginnen, auch sie nur zu oft Werkzeuge des Krieges der Clane, allen voran der Krieg von Saulus durch sein Kind Rheinhardt von Trotta gegen die Stadt Akkon, wo die Setiten, Baali und Assamiten ihre Geschäfte frei entwickeln unter einem machtvollen Ravnos-Prinzen, in diese Zeit also fällt die Gründung des Deutschen Ritterordens (1198), dessen erster Ordensmeister ein Vasall von Trottas wird, Heinrich Walpot. Jener Orden wird bald schon zu seinem vordringlichsten Ziel die Bekehrung der Heiden im Osten erklären.
Der Kampf um Preußen
Die Christianisierung der Pruzzen begann zwar schon 997 durch eine flammende Rede des Bischofs von Prag Adalbert, da er aber nur kurze Zeit später erschlagen wurde, war diese bislang nicht sonderlich erfolgreich. Der Abt Gottfried vom Kloster Lekno bei Gesen, der sich als Missionar Christian nennt, beginnt ab 1210 in Preußen mit der Missionierung der Heiden. Auch ersucht er den Papst um finanzielle Zuwendungen, damit er Heidenmädchen freikaufen kann, die sonst nach alter Pruzzensitte nach der Geburt oft erschlagen werden. Mit einer Bulle unterstellt er, den Triglav und die seinen nicht als Bedrohung wahrnehmen, 1218 Preußen direkt dem dem päpstlichen Stuhl. Erst drei Jahre zuvor hatten die benachbarten polnischen Herzöge versucht, die sehr dünnen christlichen Gebiete Preußens unter ihre Kontrolle zu bekommen, und so entschließt sich Christian 1217, daß er seine Missionsarbeit nicht mehr auf friedlichem Wege erreichen könne und stattdessen Militärhilfe benötigt. Damit wird 1217 zum Wendepunkt in der Missionierung der Pruzzen – von nun an wird mit dem Schwert getauft. Die folgenden von Albrecht von Magdeburg zuweilen herrlich kokettenhaft formulierten Passagen will ich dem geneigten Leser im Original nicht vorenthalten (Albrecht von Magdeburgs von kainitischen Kommentaren bereinigten Kommentare zum Deutschen Ritterorden, schon immer eines seiner Lieblingsthemen, sind unter einem Alter Ego Albrechts sogar mit großem Erfolg veröffentlicht worden, daher mag der Eingeweihte sich nicht zu sehr verblüffen, wenn ihm manche der folgenden Wortführungen seltsam vertraut vorkommen):
“Es beginnt der Kreuzzug nach Polen, angeordnet von Papst Innozenz III., nach oberflächlicher Betrachtung der reichhaltigen und oft widersprüchlichen Quellen der Zeit, die nun umfangreicher und vollständiger, nicht aber notwendigerweise wahrhaftiger werden, einer Marionette der Lasombra. Heinrich von Meißen und 500 Bewaffnete, begleitet von den Bischöfen von Gnesen, Posen und Breslau sowie die Herzöge von Schlesien, Krakau, Masowien und nicht zuletzt Kollege Herzog Letzko, der vom Heiligen Vater die Erlaubnis erwirkt hat, nach Preußen statt nach Palästina ziehen zu dürfen, weil er “wegen seiner Körperschwere kaum oder gar nicht ins Heilige Land hinüberfahren konnte, besonders, da er wegen eines zur Natur gewordenen Zufalls weder Wein noch reines Wasser, sondern nur Met oder Bier trinken konnte” (so in seinem erhaltenen Brief an den Papst zu lesen), ziehen nach Preußen – den sie erfolglos und unter großen Verlusten beenden. Die Lage in Preußen wird ernst, und Woleslav-Stephan, der mittlerweile von Triglav gemeinsam mit Jaxa, seinem Waffenbruder, in die Wesenheiten derer Vampyren unterwiesen wurde, zieht nach Preußen, um den Widerstand der Pruzzen zu schüren. Jaxa umgekehrt wird nach Süden geschickt, um weitere Gangrel in die Länder Triglavs zu holen. Unter Stephans Führung starten die Pruzzen 1224 den Gegenangriff: die junge preußische Kirche wird vernichtet, die ketzerischen getauften Pruzzen erschlagen und Perkunos als Weihopfer dargebracht. Zugereiste Christen werden erschlagen, verjagt oder fliehen in blinder Panik vor den durch magische Rufe zusammengezogenen Pruzzen – in den Jahren nach 1224 wird das nördliche Polen und das Kulmerland fast völlig entvölkert. In die Schlacht mischen sich mehr und mehr Gangrel ein, bis 10.000 Dörfer und 250 Kirchen dem Erdboden gleichgemacht sind.
Der einzig verbliebene Herzog Konrad von Masowien flüchtet sich in die Burg Plozsk an der Weichsel, und die Pruzzen fordern in Moquerie Tributzahlungen an Pferden und Kleidern von ihm, bis er nichts mehr hat und in seiner Not seine adeligen Gäste bestehlen muß. Aus dieser Lage heraus bittet der Herzog von Masowien den Deutschen Ritterorden um Hilfe, deren aktueller Hochmeister Hermann von Salza – ebenfalls ein Vasall von Trottas – sich aber gerade erst im Burzenland eine blutige Nase geholt hat und seine Hilfe auf später verschiebt. So alleingelassen entsinnen sich Herzog Konrad und Bischof Christian des einst in Livland gegründeten Ritterordens der Schwertbrüder, und also gründen sie sich nach diesem Vorbilde 1228 einen eigenen Ritterorden, die “Ritterbrüder Christi von Dobrin”, dessen Leiter Bruno zusammen mit 14 frisch eingekleideten Rittern sie mit der Burg Dobrin und dem Gut Zedlitz ausstatten. Nach zaghaften Vorstößen des Ordens in respektvollem Abstand zu den Pruzzen werden sie von ebendiesen direkt angegangen, die bis nach Dobrin vordringen. Herzog Konrad hört verzeifelte Rufe von Tod und Verderben vom Orden, also macht er sich selbst mit seinem Heer auf, vereinigt sein Heer mit dem des Ordens und trifft nahe der Stadt Strasburg auf die Pruzzen – und wird vernichtend geschlagen. Konrad gibt auf und flieht, nur mehr fünf Ordensritter retten sich in die Burg Dobrin.
Christian wird durch den Heiligen Stuhl abgelöst und 1221 durch Wilhelm von Modena ersetzt. Zu jener Zeit ist zwar der Deutsche Ritterorden, begeisterter Anhänger der Taufe-durch-Schwert-Methode, schon aktiv in Preußen (was letztlich die Pruzzen dazu bringt, von Dobrin abzulassen, was fünf sehr erleichterte Ritter zurückläßt, die ins Bauerngewerbe überwechseln), aber deren Verhältnis zu Christian ist gespannt. Als dieser 1233 – 1238 in Gefangenschaft der Pruzzen gerät, krümmt der Deutsche Ritterorden keinen Finger, um ihm zu helfen – im Gegenteil nutzen sie (…) die Abwesenheit des Christian zum Ausbau ihrer eigenen Macht. Seine Klage nach seiner Freilassung wider den Orden, der ihm seinen Besitz vorenthält, verläuft im Sande. Der neue Legat von Modena, ein Protégé der Dominikaner, versteht sich allzu gut mit Stuhl und Orden. Christian der Zisterzienser muß das Feld räumen. Preußen wird vom Orden geschützt und umstrukturiert, man will dereinst einen Ordensstaat hier errichten. Als die Pruzzen 1230 die als sicher geltende Festung bei Nessau berennen und in der Schlacht im Kulmerland erstmals auf Ordensritter in voller Montur treffen, schauen sie “etwas verwundert drein und fragen ganz unschuldig, wer denn diese Kriegsmänner seien”. Nachdem ihnen ein gefangengenommener Masowier antwortet, diese Leute seien “Ordensritter und waffentüchtige Streiter; sie sind aus Deutschland vom Herrn Papst geschickt, um euch zu bekämpfen, bis ihr euren harten und unbezwungenen Nacken unter das Joch der hochheiligen römischen Kirche gebeugt habt”, da lachen die Pruzzen gar heftig, zerteilen den Masowier und ziehen wieder ab. Die Pruzzen errichten, während der Papst noch Leute wirbt für einen Kreuzzug wider sie, an der Grenze zu Masowien drei Burgen: die direkt am Ufer gelegene Rogow, unfern des späteren Kulm und zwischen den beiden die Dritte “Tiwozow”, auf der Stephans leiblicher Sohn und Ghul Baltzar unter dem Namen Pipin haust und die Umgebung mit Raub und Brandschatzung verheert. Als Landmeister Hermann Balk mit dem Ordensrittern die Rogow schließlich attackiert, da finden sie sich alsbald von Wölfen umgeben und fliehen in das Gebälk einer großen Eiche, in dem sie sattsam drei Tage verbringen müssen und sich nicht hinabwagen, ehe sie denn doch vom Worte Christi ermutigt weiterziehen. Hernach haben die Ritter aber mehr Glück, und es gelingt ihnen, den Hauptmann der Burg gefangenzunehmen, der sein Leben freikauft mit Übergabe der Burg und indem er die zweite Burg verrät und von innen die Tore öffnet. Alle Bewohner werden erschlagen, die Burg angezündet. Müde von zwei Schlachten zieht sich das Heer zurück – und Pipin nimmt, da er von den Geschehnissen erfährt, gräßliche Rache: er plündert und brandschatzt in einem fort, und wo seine Leute Christen habhaft werden tötet er sie auf grausame, langsame Weise, etwa durch Rösten oder durch Ausschneiden des Nabels, der hernach an einen Baum genagelt wird, um den man das Opfer dann so lange mit Peitschen und Schlägen treibt, bis sich dessen Eingeweide vollends um den Stamm gewickelt haben. Hermann Balk gelingt es in Folge aber, Pipins mit List und Verrat habhaft zu werden, und er wird auf die christliche Weise getötet, indem er an einem Pferdeschwanz angebunden bis vor die Burg Thorn geschleift wird – dreimal herum sogar, da er von überirdischer Stärke war – alsdann hängt man ihn an einen Baum, unter dem man hernach seinen Tod feiert.
In der Folge dieser Ereignisse verschärft sich der Konflikt weiter. Stephan – blind vor Zorn ob des Todes seines Sohnes – treibt die Pruzzen weiter voran, und erst durch die kombinierten Aufrufe des Papstes und durch Hermann von Salza (der die Situation in Preußen arg beschönigt mit den Worten “das Glück der Ordenswaffen an den Grenzen Preußens ist durch Seine besondere Gnade arg begünstigt. Wir haben bereits eine große und sehr schöne Landschaft gewinnen können”) kommt der Kreuzzug wider die Preußen langsam in Schwung, bis 1233 endlich ungeheure Heereszahlen nach Preußen einbrechen: 3.000 Mann unter Herzog Heinrich von Breisgau, 2.500 Mann unter dem Herzog von Großpolen, Konrad von Masowien mit 4000 Mann, dessen Sohn Kasimir mit 2.000, dann die pommerschen Herzöge Swantopolk und sein Bruder Sambor mit zusammen 5.000 und noch, wenn auch unproportianal wenige, Streiter aus Magdeburg – alles in allem mehr als 25.000 Mann in Waffen. Dieser Streitmacht haben die Pruzzen nichts entgegenzusetzen. Wo sie geringere Vorteile durch die am Rand der Schlachten wirkenden Gangrel haben, da sind die kombinierten Kräfte der Ventrue und der Lasombra mit all ihren Ghulen, die zudem von vereinzelten polnischen Tzimisce unterstützt werden, nicht zu besiegen, und so gelingt es “dem Deutschen Ritterorden” relativ leicht, Preußen zu erobern. RELATIV leicht – denn auch vor dieser Übermacht sind die Pruzzen keine leichte Beute. Sie zermürben die unter der heißen Sonne stöhnenden Recken, indem sie sich des Kampfes entziehen und die Kräfte der Natur – Moor und Dickicht – für sich kämpfen lassen. Bei all den Kämpfen gelingt ihnen auch immer wieder ein schneller, haßerfüllter Rachefeldzug, bei dem sie Tausende Christen erschlagen und Dutzende Klöster verbrennen.
Schließlich sehen die Kreuzfahrer ihre Aufgabe aber als erfüllt und ziehen heim, und wie immer, dort wo die Saulusier zu jenen Tagen wirken, ergehen sich einstige Bündnispartner in Streit – in diesem Falle zwischen dem Herzog von Masowien und dem Deutschen Ritterorden, der mit Saulusscher List während der Kreuzzüge seine Rechte erweitert, hinderliche Bischöfe beseitigt und die Macht der Herzöge eingedämmt hat. Zur Sicherung der eroberten Gegenden des Kulmerlandes wirbt der Ritterorden große Zahlen an willigen Recken – gerne auch Räuber und Mörder, Schufte und Diebe – denen man bei Eintritt in den Orden alle Sünden vergibt (was auch bedeutet, daß sie von weltlichem Urteil und Strafe verschont werden). Möglicherweise bekommen es die hinter dem Ritterorden stehenden Kainiten mit der Angst zu tun, denn in Deutschland haben die Lasombra die Macht übernommen, indem sie ihren Friedrich II. auf den Thron gebracht haben, den sie aufgezogen haben.
Dennoch – die kraftvollen Kainitenbünde der Saulusschen lassen den Deutschen Orden in Preußen siegreich sein, und nur vereinzelte Überfälle der Pruzzen oder der arrangierte Tod Hermann Balks und Hermann von Salza im Jahr 1239 durch einen nächtlichen “Besuch” des frustrierten Triglavs vermögen dann und wann die Vormärsche und Machenschaften des Verbrecherordens wenigstens zu verlangsamen.
Angefacht von der sich bietenden Chance einer Schwächung des Reiches wehren sich Triglav und seine Pruzzen und Litauer, und 1255 muß ein erneutes Heer – diesmal 60000 Mann (!!!) – in das Wilde Land geschickt werden, angeführt von König Ottokar II. von Böhmen persönlich. Dieser Feldzug ist ein reiner Ausrottungsfeldzug, “Taufe oder Tod” das Credo – und Triglavs Volk wählt zumeist den Tod. Ganze Landstriche werden entvölkert. Nur der von Ilse Reinegger entsandte Markgraf zu Brandenburg, Otto III., vermag den König dazu zu bringen, Wort zu halten und auch adelige Pruzzen wirklich zu schonen, wenn diese in die Übergabe einer Burg einwilligen und die Taufe akzeptieren wollen. Der brandenburgische Markgraf beschenkt die Neubekehrten vielmehr sogleich, quasi eine Entschuldigung Reineggers, die gut nachfühlen kann, was in den Besiegten vor sich geht.”
Albrecht von Magdeburgs Ausführungen sind beispielhaft für das, was sich auch im folgenden noch weiterhin im Pruzzenlande ereignen soll. Im Verlauf des harten Krieges um Preußen und Litauen wird der Deutsche Ritterorden an Kraft gewinnen, während Triglav und die Seinen – darunter Jaxa und Woleslav-Stephan, Askirgal und viele andere Bündnispartner – zunehmend in Richtung Litauen zurückgeworfen werden. Dieser Krieg soll von nun an aber nur in groben Zügen erörtert werden, da eine derartig detaillierte Betrachtung, wie sie Albrecht von Magdeburg niedergeschrieben hat, im Zuge meiner kurzen Dissertation zur Geschichte der Mark das Format der Abhandlung sprengen würde.
Ilses Masquerade
Alsynn – ungefähr ab 1250 Ilse Reinegger – hat in der Zwischenzeit ihre Herrschaft auf die Lausitz und vor allem die Billunger Mark ausgedehnt. Von den Kainiten ihrer Zeit wird sie in mehreren mir zu Gesicht gekommenen Schreiben als eine harte, aber gerechte Herrscherin beschrieben, und bald schon nennt man sie die “Herrin der Ostmarken”.
Ilse Reinegger sieht den Plan Triglavs trotz der anhaltenden Kämpfe längst als gescheitert, und da sie wenigstens das Volk retten will, wo der Glaube schon nicht zu retten ist, entscheidet sie alleine, daß der Weg in das Christentum der einzig gangbare Weg ist. Über ihre Vasallen aus dem Haus der Askanier, das sie fest in der Hand hat, versucht sie, Zisterzienser in die Heidenlande zu schicken, die den Menschen eine Alternative bieten können, die ihre Religion als Glauben vermitteln, der freiwillig angenommen wird. Außerdem verhindert sie, wo immer es geht, daß die aus Deutschland kommenden Edikte der Schwerttaufe in ihren Ländern zum Tragen kommen. Stattdessen sorgt sie dafür, daß die christlichen Schriften auch in die Sprache der Wenden (die sich nun vermehrt Sorben nennen) und Pruzzen übertragen wird, auf daß diese Sprache nicht verloren geht. Woleslav-Stephan wie Triglav und Jaxa indes kämpfen weiter im Pruzzenlande, wo die Ordensritter die frischgetauften Kulmer und Litauer zu Frondiensten zwingen und ihnen gar die Kinder rauben und als Geiseln halten, damit deren Eltern mehr arbeiten. Stephan ist in Trauer um seinen Sohn und neigt, das Ende wähnend, zur Schwermut, Triglav schlägt wild um sich aus der Kraft der schieren Verzweifelung und Jaxa kämpft weiter in Treue zu seinem Gott Triglav, den er in jenen Tagen oft als den sterbenden Gott bezeichnet – auch hier weben zahllose schwermütige und düstere Verse der Hevellerchronik ein schauerlich greifbares Bild der damaligen Zeit.
Zu Ilse pflegt Jaxa einen engen Kontakt, wacht sie doch nun statt seiner über das Wendenvolk. Stille senkt sich über Brandenburg, und viele der wandernden Kainiten empfinden das reiche Land als einen Ruhepol in einem Deutschland, das sich Nacht um Nacht im blutigen Kampfe wälzt – und in dessen Osten ab 1259 neue Horden der Tzimisce hervorbrechen, die Tartaren des Avestrahd. Von diesen aber bleibt Brandenburg ebenso frei wie von den anderen Fehden, die in jenen Tagen gerade Norddeutschland überziehen, wo Saulus’ Brut gegen den Brujah-Ahn Hecktor und die Seinen um die Macht kämpft, was bald zum Clankrieg gerät. Ein Nachkomme von Saulus zerschlägt 1270 Widukinds Machtbasis in Wildeshausen, was Widukind dazu zwingt, seine Machtbasis nach Hamburg zu verlegen, von wo aus dieser eine Fehde gegen das von den Malkavianern kontrollierte Nordalbingien anstrebt.
Das Ende des Großgermanischen Traumes
Seit dem 12., spätestens aber seit dem 13. Jahrhundert befindet sich Deutschland im Umbruch, indem sich die Zahl der um Macht ringenden Kainiten erhöht, die zu erobernde Alte Welt aber kleiner wird. Der Traum der Ventrue und der anderen Parteien des Grand Court von einem Großen Germanischen Reich ist längst ausgeträumt, indem die anderen Clane – vor allem die Brujah – an Macht gewinnen und verschiedene Bruten von selbstproklamierten Vampirfürsten sich in weiteren Fehden ergehen. Die Lasombra etablieren sich fest als die Macht hinter der römisch-katholischen Kirche, so daß die Ventrue gezwungen sind, Gegenpäpste aufzustellen, um ihre königlichen Marionetten weiterhin im Amt halten oder neue Vasallen plazieren zu können.
Während vor allem ihr Kind Gustav Breidenstein ihre Machtposition in den nordöstlichen Marken weiter ausbaut, wird auch Ilse Reinegger in dieses Geflecht der Politik und Fehde gezogen – Vorgänge, die von der zu jener Zeit durch Ilses Kind Adela geführten Markenchronik recht gut dokumentiert sind: 1257 alliiert sie sich mit zwei Ventrue aus Saulus’ Geschlecht, Ptolemaios und Janus Lukas (die so ihre Herrschaft über die Ostmark anerkennen), um Deutschland aus der Kontrolle der Lasombra zu bringen. Es gelingt ihnen aber nicht, durch die von ihnen kontrollierten Kurfürsten von Trier (Janus Lukas), von Sachsen (Ptolemaios) und den Reineggerschen Markgrafen von Brandenburg, Johann I. aus dem Geschlecht der Askanier, ihren Favoriten Alfons X. auf den deutschen Thron zu wählen – stattdessen wird es der von den Lasombra durch die Kurfürsten der Pfalz und der von Odoakers Brut durch die Kurfürsten von Köln und Mainz geförderte Richard von Cornwall, der sich mittlerweile direkt um die Vorstöße der Böhmen wider die Preußen kümmert.
Das einst einig von Ptolemaios kontrollierte Sachsen zerfällt unter wachsendem Druck der Brujah in zwei Teile, das eher brujahkontrollierte Sachsen-Lauenburg und das eher reineggerkontrollierte Sachsen-Wittenberg. Alleine die Kurrechte vermögen die Saulusier durch die von ihnen kontrollierten Wittelsbacher zu retten.
Die Kraft hinter der Ausdehnung von Ilse Reineggers Machtbereich ist zweifelsohne Gustav Breidenstein. Von Triglavs Ansinnen weiß er nichts, aber wie der Rest der Brut ist er von Ilse instruiert, auf die Entstehung eines großen Reiches hinzuarbeiten, dessen Herz in Brandenburg schlägt. Mit ihrem jüngsten Kind wollte Ilse Reinegger die Brücke zum Christentum endgültig schlagen, denn Breidenstein ist als einziger ihrer Brut getaufter Christ – so von ihr selbst in einer Sammlung von Briefen aus der Zeit belegt, die eine lange Zeit in Warschau lagerten und erst vor wenigen Monaten nach Potsdam zurückverbracht wurden. Die aus dem Glauben entstammende Andersartigkeit im Handeln Gustavs offenbart sich früh, und da er die Mysterien der Vampyre erfährt, zeigt sich in Gustav eine Obsession betreffs des Ursprunges der Kainiten. Seine flammenden Reden über die Aufgaben, die Kains Kindern – und gerade Ventrue, dem edelsten unter ihnen – von GOTT zugedacht sind, stoßen bei Ilse und ihrer Brut auf taube Ohren, ja auf maßlosen Zorn seitens Askirgal, der ursprünglich aus Litauen stammt und ob der Kämpfe in seiner Heimat sehr schlecht auf Christen zu sprechen ist.
In jenen Tagen – so Wolfgardt – kommt es des öfteren zu wütenden Auseinandersetzungen zwischen Askirgal und Gustav Breidenstein, aber letztlich ist es dessen Verhandlungsgeschick und dessen Seelenverwandschaft, vor allem aber sein Stolz, Ventrue zu sein, der Gustav zum idealen Verhandlungspartner sowohl für Kirchenleute, Kurfürsten und nicht zuletzt die hinter ihnen stehenden Kainiten macht. Breidenstein ist derjenige aus der Brut, der die Kainiten am besten kennt, der schnell ein umfangreiches Wissen über das feine Gespinst des Jyhad entwickelt, und bald schon strebt sein Herz danach, sich dieses Wissen dienstbar zu machen und in der Gunst seiner Herrin Ilse seine älteren Geschwister zu überflügeln. Da draußen, so seine Meinung, zerfällt ein Reich, und nur einer aus dem Hause Ventrue kann dort Erfolg haben, wo ein anderer dieses edlen Geschlechts, Saulus der Starke, versagte (Bescheidenheit und Maß waren nie die Sache Gustav Breidensteins, wie ein jeder bezeugen kann, dem es vergönnt war, ihn zu kennen). Die aufstrebenden Handelsstädte Berlin und Cölln (um die gerade jetzt, 1247, eine gemeinsame Stadtmauer gebaut wird) sieht er als das Herz eines neuen Reiches, das auf den Trümmern des Alten auferstehen wird, und obgleich seine ehrgeizigen Pläne von Reinegger und ihrer Brut als zu riskant abgelehnt werden, manövriert er Ilses Einfluß doch tiefer in die Affairen der anderen Kainiten, bis sie von diesen nicht mehr ignoriert werden kann.
Die Anarchenrevolte
Die Teilung Sachsens läßt Ilse erschauern – sie weiß, daß mit diesem zwischen den Brujah und ihrem Kinde Breidenstein verhandelten Zug ihre Masquerade zerschellt. Nun hat sie Feinde in Deutschland, nun weiß man von ihrem Wirken in der Nordmark, und bald schon werden die Dämonen an ihre Tür klopfen und den Jyhad über ihr Volk bringen. Gustav indes beruhigt sie, verspricht ihr, daß in der Allianz mit den Brujah Norddeutschlands und der Erstarkung der Nordmark, die er zum Kurfürstensitz formt, die Zukunft und einzige Chance des Pruzzen- und Wendenvolkes begründet liegt – jenes Volk, zu dem er keine Verbindung hat, auch wenn er von der stattlichen Erscheinung der Pruzzen – blonde, blauäugige, muskulöse Hünen – tief beeindruckt ist, wähnt er in ihren Zügen das Gesicht GOTTES zu sehen.
Da Ilse Gustav gewähren läßt, nun, da sie nicht mehr zurück kann in den schützenden Schatten des Waldes und der Bedeutungslosigkeit, wendet sich ihr Kind Askirgal von ihr ab und zieht nach Litauen, um sein Heimatvolk gegen den “deutschen Irrsinn” und den Christengott zu schützen. Adela aber steht zu Ilse, die ihre Blutverwandte ist in beiderlei Hinsicht, und hilft ihr dabei, die Linie der Askanier zu führen – und von Gustavs Einfluß zu trennen, der ihr nicht geheuer ist.
Mit dem Aufbranden der Fehden um die Mark Brandenburg bricht Ilse Reineggers Geschichtsführung, die in den “Beelitzer Rinden” niedergelegt ist und die uns die obig reichlich und plastisch detaillierten Berichte sowie die zahlreichen bunten und erschreckenden Anekdoten des Krieges um Pruzzen schilderten und so zum Fundament von Albrecht von Magdeburgs und meinen Ausführungen der letzten Kapitel wurden, leider ab. Da zu dieser Zeit auch die Hevellerchronik wenig zu berichten weiß – Woleslav-Stephan und die Seinen, man erinnert sich, kämpfen unablässig in Pruzzen – klaffen hier nun Lücken, die nur spärlich durch die ohnehin mageren Relikte der Vergangenheit erschlossen werden – eine Aufgabe, der sich Albrecht von Magdeburg bis zu seinem Tode widmete, ohne jedoch diese Arbeit komplettieren zu können.
Um das Jahr 1270 herum scheint sich etwas ereignet zu haben, was Ilse den Bereich der Mark Brandenburg verlassen läßt, die sie Gustav Breidenstein in alleinige Obhut gibt. Einige erhaltene Schriften aus den folgenden Jahren sind unterzeichnet mit “Ilse Reinegger, Fürstin zu Böhmen, Österreich und Steiermark”, wie sie aber in diese Position gelangt sein soll, das entzieht sich meiner Kenntnis. Eine mögliche Ursache könnte die zu dieser Zeit einsetzende Erste Anarchenrevolte sein, die rasch an Kraft gewinnt und das Herz Europas und die gesamte Kainitenheit erzittern läßt – besonders Spanien ist betroffen, wo die Anarchen der Lasombra ihre Ahnen vernichten, somit aber zur Freude der Ventrue umgekehrt den Niedergang der Lasombrafürsten in Frankreich und Deutschland einläuten.
In dieser Zeit des sich ausbreitenden Chaos betritt Saulus wieder persönlich die deutsche Bühne und zwingt die hinter dem König von Böhmen, Ottokar II., stehende Ilse Reinegger nach langem Ringen dazu, sich nach Litauen zu ihrem Kind Askirgal zu flüchten, wo sie fast wahnsinnig aus Furcht vor der rohen Kraft des Linienbegründers Saulus lange Jahre verbleibt.
Um 1300 ist das Volk der Pruzzen nahezu ausgelöscht. Was im einzelnen in Preußen, Polen, Pommern und Litauen geschieht, ist nur noch in Fragmenten dokumentiert, denn weder der ehrgeizig um die Ausdehnung der Macht der Askanier bemühte Gustav Breidenstein noch die in Preußen und Pommern kämpfenden Heveller führen in jenen düsteren Tagen die Chronik fort. Im Rest von Europa zerfallen Staats- und Clanbündnisse unter dem Chaos der Anarchie, indem junge Kainiten vieler Clane sich gegen ihre Herren erheben. Die Brujah begründen die Schweizer Eidgenossenschaft, die sie nahezu unangefochten in Zukunft beherrschen werden, während das durch zunehmende Isolation ihrer Fürsten ohnehin geschwächte Weltreich der Tzimisce im Osten vollkommen zusammenbricht.
Breidenstein gelingt es, sich der eher im Wirken und der sanften Strategie der Ilse Reinegger verwurzelten Askanier Schritt für Schritt zu entledigen (auch dadurch, daß er den letzten Askanier zu seinem Ghul macht, was zu dessen Impotenz führt), sein Plan aber, den einzigen Verwandten des letzten Askaniers, den gerade 11jährigen Neffen Woldemars, komplett unter seine Herrschaft zu bringen und aus ihm einen Herrscher nach seinem Wunsch zu formen, mißlingt aber: der junge Herrscher verstirbt nach einer langen, tragischen Geschichte wechselseitiger Entführungsversuche. Der Vorstoß des in Bayern residierenden Janus Lukas, der durch seinen Vasall Ludwig IV. einen Verwandten des bayerischen Königs zum neuen Herrscher der Mark Brandenburg deklarieren läßt, kann Gustav aber abschmettern, indem er den nach Brandenburg reisenden neuen Herrscher Ludwig den Älteren unter seine Kontrolle bringt.
Hiermit beginnt eine erbitterte Fehde zwischen Haus Lukas und Haus Breidenstein, die 1348 durch die Rückkehr der Ilse Reinegger nach Brandenburg verschärft wird, die als eine erste Maßnahme zur Absicherung ihrer Kontrolle Gustavs Ghul und ihren einstigen Vasallen Woldemar aus dem Geschlecht der Askanier wieder unter ihren direkten Befehl stellt. Sie ist außer sich vor Zorn ob der Eigenmächtigkeiten ihres Kindes Gustav Breidenstein und setzt alles daran, den für tot erklärten Woldemar wieder auf den Thron der Mark Brandenburg zu bringen, um so die Regentschaft der Askanier fortzusetzen, unter deren maßvollem und hauptsächlich diplomatischen Wirken sich die einstige kleine flickenartige Mark zu einem riesigen Herrschaftsgebiet ausgedehnt hat, das nun neben der einstigen Nordmark (nun “Altmark” genannt) auch die Mittelmark und die bis weit jenseits der Oder reichende Neumark umfaßt. An jenem “falschen Woldemar” entzündet sich eine große Anzahl von Fehden in der Mark Brandenburg, indem einige Städte dem “heimgekehrten Woldemar” die Treue schwören, andere, zumeist reichere Städte aber dem fernen Bayer die Treue halten. In ihrem Bestreben, die Askanier wieder auf den brandenburgischen Thron zu bringen, alliiert sich Ilse Reinegger sogar mit den Saulusiern, die in dieser Wende der Dinge ihre Chance sehen, sich der expansionsorientierten Persönlichkeit Gustav Breidensteins zu entledigen und stattdessen die deutlich diplomatieorientierte und genügsamere Ilse Reinegger in Brandenburg wieder als Herrscherin zu etablieren. Im Zuge der Fehden um den falschen Woldemar kommt es zum Eklat: Gustav Breidenstein erhebt sich gegen seine Herrscherin und Erschafferin Ilse, der er vorwirft, das brandenburgische Erbe an die Feinde des Landes zu verkaufen, und tatsächlich gewinnt Ilse vor allem dadurch Bündnispartner, daß sie diesen Anteile an der Macht in Brandenburg verspricht.
1373 rächt sich diese Vorgehensweise Ilse Reineggers, da Janus Lukas die Zahlung der Schulden einfordert und im Zuge dieses Handels der Markgraf von Brandenburg die Kurmark Brandenburg an Janus Lukas Vasall Karl IV. abtreten muß – derselbe Karl IV., der wenige Jahre zuvor die Legitimation des “falschen Woldemar” als askanischer Herrscher mit Dekret und Waffengewalt unterstützte. Dies entzieht Ilse Reinegger und Gustav Breidenstein die faktische Macht in Brandenburg. Der langjährige Ghul Woldemar – zu jenem Zeitpunkt zum zweiten Male bereits “tot”, gerät ob dieses Ausverkaufes seiner Heimat in schwere Depressionen, wird aber dennoch von Ilse Reinegger 1375 erschaffen.
Vereint durch den gemeinsamen Machtverlust müssen Ilse und Gustav mit ansehen, wie Brandenburg zwischen den verschiedenen, Karl VI. nachfolgenden, Herrschern verschachert wird. Das einstmals große askanische Reich zerfällt zusehends, und die schrumpfenden Gebiete, die an das brandeburgische Markgrafenrecht gebunden sind, werden von diesen in aller Regel weitab der Geschehnisse residierenden Markgrafen lediglich als Einkommensquelle verwendet. Das Land verwahrlost, die Wirtschaft bricht zusammen, die Abgaben steigen, unterdessen die Straßen durch Räuber, Raubritter und immer wieder ins Land einfallende Feinde aus allen Seiten immer unsicherer werden.
Askirgals Reichsbund
Als Ilse 1248 nach Brandenburg zurückkehrt, bringt sie auch Kunde aus Preußen, eine Sammlung von Rinden, von denen heute aber nur noch wenige Bruchstücke erhalten sind. Aus den wenigen Teilstücken, die Albrecht von Magdeburg vor seinem Tode noch untersuchen konnte, geht lediglich hervor, daß sowohl Woleslav-Stephan wie Triglav im Laufe der Kämpfe mittlerweile in Starre gefallen sind und vom litauischen Großfürsten Askirgal sowie dem 1232 von Woleslav-Stephan bei einem Vorstoß der Pruzzen wider einen deutschritterlichen Heerzug nahe der Stadt Frankfurt an der Oder angenommenen Kind Eriana de Buckowîz in ein sicheres Versteck gebracht wurden, dabei unter heftigem Angriff der Deutschritter stehend, die in der entscheidenden Schlacht von Kainiten direkt unterstützt worden waren. Jaxa hat sich aus dem Kampf zurückgezogen, da Triglav ihn wenige Nächte vor seiner letzten Schlacht mit einer besonderen Aufgabe betraute, die Jaxa für lange Zeit aus den Aufzeichnungen der Heveller verschwinden läßt.
Der Kampf um Preußen wird nach Woleslav-Stephans und Triglavs Fall in Starre und die mysteriöse Abreise des Jaxa nun von Askirgal alleine weitergeführt, der sich in Gestalt der Brujah und der wenigen noch nicht in den Kämpfen zerstörten Gangrel, viele davon Nachkommen des Triglav und des Jaxa, neue Bündnispartner sucht. Eriana de Buckowîz verbringt indes den in Starre ruhenden Leib ihres Herren Woleslav-Stephan in ein Versteck unweit ihrer alten Heimat Buckow, wo sie sich ab 1280 einzig der Verteidigung seines in Starre gefangenen Leibes widmet, wozu sie ihren Einfluß auf die nähere Umgebung des Ortes im Laufe der folgenden Jahre ausdehnt.
1386 erzielt Askirgal die Vereinigung von Polen und Litauen. Er erlaubt es, daß sein Vasall Jogaila, der litauische Großfürst, sich ganz im Stile der Masquerade von Askirgals Erschaffer Ilse Reinegger taufen läßt, was diesem die Heirat mit der von den Brujah unterstützten polnischen Königin Hedwig (Polnisch: Jadwiga) gestattet. Die Brujah waren in engem Bündnis mit den Gangrel die vorherrschende Macht in Polen geworden, als die vormaligen polnischen Herrscher, die Tzimisce, sich zurückzuziehen begannen und schließlich unter dem kombinierten Ansturm der Tremere und der Anarchen aus ihren eigenen Rängen als Machtfaktor in Osteuropa förmlich ausgelöscht wurden.
Durch den von Askirgal vermittelten Reichsbund, getragen von den Ventrue und Gangrel hinter Askirgal (Jaxa hatte vor seiner Abreise das Oberkommando an Askirgal abgetreten) und den polnischen Kainiten – vor allem den Brujah – auf der anderen Seite, entsteht ein gewaltiges Doppelreich, das binnen kürzester Zeit und für das kainitische Europa völlig überraschend zur europäisch führenden politischen und militärischen Macht aufsteigt.
In einer gewaltigen Schlacht im nach Hevellerchronik genannten “Jahr des Sieges” 1410 schlagen Askirgal und seine Bündnispartner mit einem litauisch-polnischen Heer den Deutschen Ritterorden bei Grunwald / Tannenberg vernichtend, wodurch das über Jahre hart umkämpfte Heimatgebiet Askirgals (Schemaiten) endgültig an Litauen fällt. Nach, wie es in der Chronik heißt, “einer einjährigen Siegesfeier”, die von immer weiteren Vorstößen wider den Orden begleitet ist, gilt der Niedergang des Deutschen Ritterordens als gesichert, und so wendet sich Askirgal 1411 wieder Richtung Brandenburg an die Seite seiner Erschafferin Ilse Reinegger.
1400 – 1600
Die Quitzowherrschaft
Askirgal kehrt 1411 nach Brandenburg zurück, wo er das Wirken der Raubritter derer von Quitzow dazu verwendet, Unmut gegen den Markgrafen Jobst von Mähren zu schüren, der 1388 die Mark Brandenburg dem ungarischen König Siegmund für 565263 Goldgulden abgekauft hatte – und die dieser binnen kürzester Zeit aus dem brandenburgischen Lande zurückzupressen wünscht.
Schließlich alliieren sich mehrere Städte mit den Raubrittern, denn von den durch Jobst von Mähren eingesetzten Statthaltern ist keine Hilfe zu erwarten, nur immer höhere Steuerlasten. Askirgal ist erzürnt ob der “Gottergebenheit” und der Schwäche der einst so stolzen und wilden brandenburgischen Urbevölkerung, die unter dem stetigen Zuzug von deutschen, christlichen Siedlern total verweichlicht ist und sich ob ihrer Probleme nur klagend an ihren Christengott wenden oder – wie Askirgal selbst in den Chroniken niederschreibt – sich “weinend wie schwache Weiber, die in den meisten Häusern eh über den Mann regieren” ihrem Unglück mit aller Kraft hingeben.
Askirgal findet Gefallen an der Tatkraft und dem unbändigen Stolz der Raubritter, besonders derer von Quitzow, die über die Landesfürsten spotten und die Schwäche der Pfeffersäcke und Städter verhöhnen. Unter Askirgals Wirken und sanfter Unterstützung steigen die Quitzows zwar nicht zu legitimen, aber faktischen Herrschern in Brandenburg auf, woran auch König Siegmunds energische Aufforderungen an die brandenburgischen Stände 1412 nichts ändert, dem Unterhauptmann Wend von Ileburg gehorsam zu sein (der nebenbei bemerkt ein Vasall der Ilse Reinegger ist, mit dessen Hilfe sie Askirgals Wirken zu unterstützen sucht, indem sie das Volk zum Unwillen wider die Fremdherrschaft aufstachelt).
Im Zuge der Quitzowherrschaft kommen auch einige vormalig in Polen ansässige Brujah in die Mark Brandenburg, denen das gesetzlose Land zu rechtem Gefallen ist und die ihren Bundesgenossen Askirgal nur zu gerne bei der Verhöhnung der Reichsgewalt und der westlichen Ventrue unterstützen. Zusammen beeilen sich die “Gesetzlosen”, die ihnen nahestehenden Städte und Burgen mit Büchsen zu bestücken. Dietrich und Johann von Quitzow – zu jener Zeit bereits Ghule des Askirgal – freut dieses ungemein, so daß sie angesichts der unweit in der Stadt Brandenburg stattfindenden Ständeversammlung, die dem Burggraf Friedrich IV. von Nürnberg – ein Vasall Ferdinand von Hohenzollerns – huldigen soll, freimütig bekennen, daß sie von ihren Burgen keine herausgeben werden, “auch wenn es ein ganz jar Nurenberger regnede”.
Natürlich entzündet sich ob einer solchen Haltung ein heftiger Konflikt zwischen dem Nürnberger und den Quitzows, bedingt durch den schweren Konflikt mit Litauen-Polen muß aber zumindest der Deutsche Ritterorden das Ersuchen Friedrichs IV. um Unterstützung im Kampf wider die Quitzows sowohl 1412 als auch 1413 ablehnen.
Die Rechnung des Askirgaler Reichsbundes scheint zunächst aufzugehen: man erzielt eine Einigung mit dem Vasallen von Hohenzollerns, nimmt sogar gemeinsam an einem Zug gegen die Teltowburg Trebbin teil, aber erneut spotten die Quitzows über den Nürnberger, indem sie den Zug nach Teltow so ganz nebenbei zur Plünderung des Klosters Lehnin nutzen – eine Aktion, die auf Askirgals Wirken beruht und in nicht unerheblichen Maße den Zorn Ilse Reineggers erregt, die um eine Einigung mit Ferdinand von Hohenzollern aufs Äußerste bemüht war.
Dank einer glücklichen Fügung verweilt zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Schriftstückes der 1411 durch Askirgal erschaffene Johann von Quitzow in den Potsdamer Gemarkungen, so daß er verschiedene Zusammenhänge der Ereignisse jener Tage mir gegenüber ins rechte Licht setzen konnte.
Der werte Herr von Quitzow teilte mir mit, es habe sich in jenen Tagen ein endgültiges Zerwürfnis zwischen Ilse und Askirgal zugetragen, der seiner Erschafferin sowohl in der Handhabung der Christenfrage, in der Erschaffung und Handhabung des Gustav Breidenstein, im Festhalten an den Askaniern und schließlich dem Verkauf der Mark Brandenburg an die Saulusier solch schwerwiegende Verfehlungen und Versündigungen gegen Woleslav-Stephan, Triglav und Jaxa vorwarf, daß er eigenmächtig Ilse der Regentschaft der Mark Brandenburg enthob und samt ihrem Kinde Breidenstein nach Litauen ins Exil schickte.
Durch dieses Zerwürfnis mit Askirgal werden Ilse Reinegger und ihr Kind Breidenstein gezwungenermaßen in ihrem Schicksal vereint. Erschaffer und Kind nähern sich wieder an, und gemeinsam sind sie bestrebt, mittels wechselnder Bündnisse zu verschiedenen Brujahsippen in Polen die Einheit des Askirgaler Bundes zu zersplittern und zu schwächen, um so anderen Fraktionen den Zugriff auf Brandenburg zu erleichtern, die Herrschaft des Askirgal und der Quitzows zu brechen und im Gegenzuge wieder zu Macht in der Mark Brandenburg zu kommen. In dieser Politik scheint sie das Brechen der Quitzowburgen 1414 zu bestätigen, aber dieser erste Sieg hält nicht lange vor.
1427 befreit Askirgal die Mark Brandenburg endgültig aus dem Besitz Ferdinand von Hohenzollerns: zusammen mit seinen Bundesgenossen und seinem Kind Johann von Quitzow zerstört er alle im Lande befindlichen Vasallen und Ghule des Ventrue, vernichtet sogar zwei seiner Kinder, Kristin und Wilhelm von Hohenzollern. Da von Hohenzollern um die familiären Zwistigkeiten innerhalb der Linie Reinegger nichts weiß, vermutet er Ilse Reinegger und Gustav Breidenstein hinter dem Mord seiner Kinder – das zumindest würde seine zukünftig feindselige Haltung gegen Gustav Breidenstein erklären, von der Albrecht von Magdeburg an verschiedenen Stellen seiner Aufzeichnungen als späterer Berliner Chronist berichtet – und zieht sich nach Nürnberg zurück. Überhaupt ist außerhalb der Mark wenig bekannt von der familieninternen Fehde derer von Reinegger, und so bleibt auch die Aufhebung der Verbannung 1430 und die Wiedereinsetzung von Ilse Reinegger als brandenburgische Herrscherin durch Askirgal, der sich wachsenden internen und externen Konflikten in Polen und vor allem der schrittweisen “Verpolnisierung” Litauens zuwenden muß und die Mark verläßt, vom kainitischen Deutschland unbemerkt.
Die Ära Breidenstein beginnt
1437 kommt Janus Lukas, maßlos erzürnt über das vermeintliche Wirken Ilse Reineggers in der Mark Brandenburg, nach Beelitz, wo Reinegger wieder residiert, und fordert sie zum Duell. Der sich daraus entwickelnde Schlagabtausch zwischen den beiden Ventrue-Kriegern wird derart hitzig geführt, daß schließlich der in Beelitz verweilende Abt von erschreckten Bürgern herbeigerufen wird, der kurzerhand die Zugänge zu dem Gebäude mit Hostien versiegeln und Feuer an das Haus liegen läßt, aus dem nach den von Gustav Breidenstein erstellten Preußischen Chroniken fürchterliche, infernalische Laute zu hören waren. Die beiden Kainiten kämpfen verbissen noch im brennenden Hause weiter, bis ein gewaltiger Hieb Janus Lukas durch die Wand des Gebäudes hinausschleudert, wo er leblos niederfällt. Ilse will ihm nachsetzen und ihr Werk vollenden, da stellt sich der Abt vor sie und treibt sie mit Kreuz, Wasser und Feuer in das Haus zurück, das schließlich brennend über ihr zusammenstürzt und ihrem glorreichen Leben ein Ende setzt.
Die Preußischen Chroniken berichten weiter, daß bald darauf Gustav Breidenstein mit Verstärkung für seine Herrin am Schauplatz eintrifft, einstweilen aber wegen der noch immer anwesenden Inquisitoren und der infernalischen Feuersbrunst zurückweichen muß. Erst kurz vor Morgengrauen kann er zum Gebäude gelangen, wo er aber in einem nahe an einer Böschung hinter dem Haus gelegenen Buschwerk nur den in Starre ruhenden Janus Lukas findet.
Bemüht darum, die für alle verheerende Fehde um Brandenburg zu beenden und somit die Basis für den Wiederaufbau des Landes und die Vertreibung der Brujah und Askirgaler Gefolgsleute zu bereiten, überstellt er den leblosen Leib des Ventrue-Ahnen an Rheinhardt von Trotta als Unterpfand für ein Friedensabkommen, das Rheinhardt von Trotta natürlich eingeht. 1440 erschafft sich Gustav Breidenstein dann den Waldburgschen, um ihm beim Aufbau seiner Macht in Brandenburg hilfreich zur Seite zu stehen.
Ab hier, so könnte man mutmaßen, ist der Rest im wahrsten Sinne des Wortes “Geschichte”, denn wer wüßte nicht, daß es Breidenstein im Laufe der folgenden Jahre durch harte Regentschaft, eiserne Kontrolle, wagemutige Züge und nicht wenige Kriege gelingt, die unbedeutende brandenburgische Grenzregion zum preußischen Großstaat aufzubauen, bis endlich das Herz der Deutschen Nation wie es von erster Stunde an sein Streben war, in Berlin schlägt, ehe der Verrat des Waldburgschen alles zunichte macht, die Glorie Berlins und Preußens zusammenbrechen läßt und die geteilte Stadt Berlin zu einer traurigen Randexistenz im Grenzland zum feindlichen slawischen Rußland macht, es mithin also historisch 500 Jahre zurückwirft.
Wir wollen uns in der Betrachtung der weiteren Ereignisse also auf diejenigen Umstände und Ereignisse bescheiden, die dem kainitischen Geschichtskenner vermutlich unbekannt sind, denn weder erhob sich die Herrschaft des Breidenstein ohne ihren Zoll an Blut und Schmerzen, noch blieb sie bis zu ihrem Ende in Verrat und Mord unangefochten.
Eisenzahn
Indem er die Blutfehde mit den Saulusiern geschlichtet hat, wendet sich Gustav Breidenstein energisch den verbliebenen Bündnispartnern des Askirgal zu, die hinter Raubrittern oder den zahlreichen in den Jahren der Wirrnis eingesetzten Lehnsherren und geringeren Adligen und Rittern über zahlreiche kleine Landstriche und Städte in der Mark Brandenburg herrschen. Insbesondere der Brujah Damien Vladov, der Askirgal bei seinem Zug nach Brandenburg begleitete, und das von Askirgal in Brandenburg zurückgelassene Kind Johann von Quitzow leisten Breidenstein erbitterten Widerstand. 1440 bringt Breidenstein Friedrich II. aus dem Hause Hohenzollern im Einvernehmen mit Rheinhardt von Trotta unter seine Kontrolle. Unter Gustavs Zutun erhält der neue Kurfürst von Brandenburg schnell den Beinamen “Eisenzahn” oder “der Eiserne” – ein Beiname, der sich schnell auf Breidenstein überträgt.
Gustav läßt keinen Zweifel daran, was er von dem Kampf seiner Vorfahren wider die christliche Kirche hält: als eine seiner ersten Amtshandlungen läßt er Friedrich II. die “ritterliche Gesellschaft unserer lieben Frauen” gründen, die als Stift die von dem Wendenkönig Pribislav-Heinrich erbaute Kirche auf dem Berg bei Brandenburg erhält. Nach dem Ordenszeichen, einem von Sonne und Mond gerahmten Marienbild, an dem ein Schwan hängt, heißt die religiöse Vereinigung “Schwanenorden”. Dann wendet sich Gustav Breidenstein seiner zukünftigen Residenzstadt Berlin zu, die zu jenen Tagen von Johann von Quitzow als Prinz regiert wird, und bringt die Stadt nach zähem Ringen am 26. Februar 1442 unter seine – und Friedrichs – Kontrolle.
Am 16. Oktober 1443 verzichtet Breidensteins Vasall Friedrich II. zugunsten des Deutschen Ritterordens auf die an der Oder gelegene Neumark und schließt mit dem Ritterorden sogar ein Schutzbündnis, was den Ruheort Woleslav-Stephans und das Einflußgebiet der Eriana de Buckowîz kampflos in Feindeshand gibt. 1446 vertreibt Friedrich II. alle Juden aus der Mark Brandenburg.
1448 gelingt es Eriana de Buckowîz und Johann von Quitzow unter Mithilfe von mehreren in der Mark verbliebenen Brujah in Gustavs Residenzstadt Berlin den “Berliner Unwillen” zu entzünden, einen Bürgeraufstand gegen den autoritären Kurfürsten und sein Lieblingsprojekt in Berlin, die Erbauung des Berliner Schlosses. Die Aufständischen zerstören die Stauwehr der Spree, wodurch ein Teil des Schloß-Bauplatzes unter Wasser gesetzt wird, und einige von Gustavs Ghulen und Untergebenen finden nächtens einen schnellen, leisen Tod. Aufzeichnungen der Hevellerchronik legen den Schluß nahe, daß es vor allem der Rückhalt der märkischen Stände und der enge Verbund zur Hanse (in der Berlin Mitglied ist) ist, der es Gustav einstweilen unmöglich macht, militärisch gegen die Aufwiegler in seiner Stadt vorzugehen, und so muß er den “Unwillen” durch einen Ausgleich und territoriale Zugeständnisse zu Eriana und den ihren auf diplomatischen Wege beenden.
Im Zuge dieser Vereinbarungen muß Breidenstein 1454 auch die der Fürstin Eriana de Buckowîz per Einigungsvertrag unterstellte Neumark wieder in Besitz bringen, wozu Kurfürst Friedrich II. 40.000 Rheinische Gulden an den Deutschen Ritterorden bezahlen muß. Eriana de Buckowîz beansprucht die Regentschaft der Neumark für sich, um so die Grenze zum Feindgebiet des Ritterordens unter Kontrolle zu halten. Dafür erkennt sie Gustav Breidensteins Regentschaft über Berlin/Cölln und die Mittelmark an. Im Laufe der nächsten Jahre konzentrieren sich die Alt-Askirgalischen Kräfte in der Neumark, viele wandern aber auch Richtung Litauen/Polen oder in andere Richtungen ab.
Sieg über die Deutschritter
Westlich ab 1450 wieder bedrängt durch vereinzelte, aber schmerzvolle Vorstöße durch Eriana und den in der Neumark konzentrierten Kainiten, die sich gezielt nur gegen Kainiten und deren Ghule richten und kaum das Ausmaß militärischer Schlachten erreichen, und östlich förmlich umschlossen von Litauen/Polen, bricht die Macht des Deutschen Ordens nun schnell zusammen, bis er schließlich 1466 Polen lehensuntertänig wird.
Von den genauen Vorgängen in Polen ist in den Hevellerchroniken wenig zu erfahren, da aber aus der Geschichte hervorgeht, daß Askirgal sein Ziel – die Verhinderung des Unterganges der littauischen Kultur während der “Verpolnisierung” des Doppelreiches – wohl nicht erreicht hat, müssen wir davon ausgehen, daß es zwischen ihm und seinen kainitischen Bündnispartnern – hier vor allem den polnischen Brujah – ein Zerwürfnis gegeben hat, oder aber daß Askirgal aus anderen Gründen in den folgenden Jahrhunderten nicht ausreichend intervenieren konnte (vielleicht geriet er bei der Durchquerung des Ordenslandes in einen Kampf und fiel in Starre, die Quellen schweigen hierzu).
In polnisch-litauischen Doppelreich jedenfalls, das nun nur noch den Namen “Polen” trägt, beginnt nach dem ersten polnischen Reichstag in Piotrkow 1493 rasch eine Kulturblüte, deren “Goldenes Zeitalter” heute gemeinhin als die Zeit zwischen 1506 und 1572 angesehen wird. Unter dem Wirken des Clanes der Denker erblühen Literatur, Wissenschaft und Kunst, und bald schon gilt Polen als ein Hort humanistischen Gedankengutes und der Glaubenstoleranz.
Polen bleibt mit der von Eriana de Buckowîz still kontrollierten Neumark freundschaftlich verbunden, was zahlreiche Briefwechsel, Dankschreiben für überbrachte Geschenke oder Glückwünsche zu allerlei Anlässen aus jenen Tagen belegen, wenn der Kontakt im Laufe der Jahre auch abzuflauen scheint.
Die Mark Brandenburg vor dem Krieg
Das 16. Jahrhundert bildet den Auftakt zum Dreißigjährigen Krieg, der in jeder Hinsicht einen tiefen Einschnitt und Wendepunkt nicht nur der menschlichen, sondern auch der kainitischen Geschichte darstellen wird. Zwar werden die Hauptschlachten dieses Krieges – oder eher: die meisten der Hunderte von Einzelkriegen der Schlachtenserie, die man später unter dem Begriff “Dreißigjähriger Krieg” zusammengefaßt hat – nicht in der Mark Brandenburg geschlagen, aber die verschiedenen Kriegsparteien, vor allem aber die Schweden, benutzen Brandenburg als Durchzugsgebiet, und die Landsknechte aller durchziehenden Heere rauben, plündern und erpressen alles, was sie zum Leben brauchen, von der ohnehin armen Landbevölkerung der Mark. Im Schatten der großen Schlachten wird es Gustav Breidenstein, von allen unbeachtet, gelingen, die Mark Brandenburg mit Preußen zu verbinden, und so den Grundstein legen für die doninante Rolle der einstigen Grenzmark in der weiteren Geschichte Deutschlands.
Wie aber kam es zum Dreißigjährigen Krieg? Wie gelang es Gustav Breidenstein, aus dem Krieg als strahlender Sieger hervorzugehen, obgleich er und “seine” Mark an den Kriegen kaum beteiligt war? Er, den die meisten Kainiten noch immer für einen Krieger und Feldherren halten, ein Diplomat und Taktiker? Diese Vorstellung scheint absurd – trifft aber zu.
Ich möchte vorausschicken, daß meine Erkenntnisse über die Vorgehensweise von Gustav Breidenstein und die Involvierungen der Kainiten in den aufkommenden Dreißigjährigen Krieg sich im wesentlichen auf drei Quellen stützen: Zum ersten die Preußischen Chroniken des Gustav Breidenmstein, zum zweiten auf zahllose Erzählungen und Unterhaltungen, die ich im Laufe der Zeit mit Katarina Kornfeld, Vlad von Stolzenfels, Albrecht von Magdeburg, Wilhelm Waldburg, Damien Vladov und Nadja von Illburg führte, und schließlich meine eigenen Beobachtungen, denn es geschah im Dreißigjährigen Krieg, daß ich zum ersten Male märkischen Sand unter meinen Füßen hatte – und den ich seither nur noch für kurze Zeit verließ. Ab dem 16./17. Jahrhundert wird das Material der bisherigen Hauptquelle, die Hevellerchronik, ausgesprochen dünn, so daß kaum noch Nachrichten über Verbleib und Aktivitäten des Hevellerordens sich gewinnen lassen – und wenn doch, so doch meist durch vermerke innerhalb der breidensteinschen Preußenchronik.
Das 16. Jahrhundert wird von Gustav Breidenstein zur Konsolidierung seiner Macht benutzt. In dem Maße, wie sich sein Zugriff auf die Mark terrotorial verringert hat, intensiviert er die Kontrolle auf die ihm verbliebenen Territorien – weniger, was die Menschen und ihren eher an der Mark desinteressierten Herrscher Albrecht Achilles angeht, als vielmehr, was die Kainiten betrifft: Sein Griff auf die wenigen anderen in Alt- und Mittelmark resisdierenden oder das Land zu durchqueren wünschenden Kainiten wird stärker; wer sich nicht sofort bei ihm vorstellt, wird ohne weitere Diskussion getötet. Gustavs Rechtssprache ist einfach und klar wie der Hieb eines Schwertes: Befolge die Gesetze, oder stirb – und mit dieser klaren Jurisdiktion gilt er bei manchem anderen Regenten schnell als Vorbild, die wie “der Eiserne” danach streben, sich im intrigenspinnenden Filz ihres kainitischen Hofstaates zu befreien und als alleinige Herrscher über ihr Reich zu bestimmen.
Man erinnere sich: Die Camarilla war noch nicht entstanden, die Traditionen nicht verteidigt in den Ländern der Welt und Berlin – wie Albrecht von Magdeburg sich in seinen Entwürfen für eine Berliner Chronik ausdrückt – “schon damals im Griff eines Jyhad zwischen zwei Uralten, der sich erst viele hundert Jahre später lösen sollte” (womit er zweifelsohne ein weiteres Mal auf die Fehde der Setiten anspielt).
Die Camarilla
In die menschliche Politik involviert sich Gustav Breidenstein zwischen 1470 und 1486 nur wenig (lediglich die Dispositio Achillea” soll auf sein Betreiben in jenen Jahren erstellt worden sein), dafür hat er aber die Residenzstadt Berlin-Kölln um 1480 unter unangefochtener Kontrolle, so daß er sich fortan intensiv der im Entstehen begriffene Camarilla widmen kann. Nach den Preußischen Chroniken reist Gustav Breidenstein in den Jahren von 1480-1490 sehr viel. Vor allem unter den Ventrue findet der “Eiserne” ein offenes Ohr mit seinem Plädoyer für ein übergeordnetes Kainitenbündnis, das die traditionelle direkte und totale Kontrolle von Kirche und Staat durch vereinzelte Kainitensippen – der Hauptgrund für das entsetzliche Aufflammen der Inquisition – beenden soll.
Ich erlaube mir an dieser Stelle einen Auszug aus einem Schreiben des Gustav Breidenstein vom 23. September 1482 in übersetzter Form widerzugeben, das viel aussagt über Gustav Breidensteins Wirken zu jener Zeit:
“Wer wüßte nicht zu sagen, daß die Inquisition dieser Nächte reichhaltig Ähren schlägt unter den Vampyren. Wer wüßte zu leugnen, daß eine jede Familie, eine jede Sippe, ein jeder Clan seinen Anteil an Blutzoll zu entrichten hat an die Feuer der Jäger. Wir sehen hinaus in die Nacht, und wir sehen des Schnitters Ernte: Wo immer er eine Bresche in uns schlägt, wird sie allzu rasch gefüllt von den Rebellen und Briganten, den unseres Blutes Unwürdigen.
Wir sind eine sterbende Rasse. Familien zerfallen. Bünde lösen sich. Die Ahnen ziehen sich zurück und überlassen das Schlachtfeld mordgeifernden Kindern. Wo ist sie denn hin, unsere vampyrsche Kultur? Wohin die Stärke und die Einheit des Clanes, der Sippe, der Familie? Wohin der heilge Bund von Schöpfer und Werk?
Wahrlich. Wir alle haben unseren Blutzoll zu tragen. Aber ernten wir auch die Früchte? Unsere Alten lehren uns, daß nichts stirbt, was nicht einem anderen nutzt. Die Menschen jagen uns, weil sie sich vor unserem Grauen nicht verschließen können. Sie wissen, daß die dämonischen Fänge der Nachtkreaturen sich geschlagen haben in blaues Blut und in die Kirche selbst, daß ihr ganzes Leben umrankt ist von unserem Netz der Intrige und Verderbtheit. Ja, Verderbtheit. Wer wären wir, daß wir die Flüche der Engel zu leugnen wagten? Zu leugnen wagten den Fluch, den Gott uns auferlegt hat. Wir sind maßlos geworden in unserer Gier nach Macht, in unserem römischen, fränkischen, sächsischen, österreichischen, ungarischen, katholischen Wahn nach Macht.
Aber sind wir es alle, die mit unserer Maßlosigkeit den gerechten Zorn der Menschen wider unsere Ränke heraufbeschwören, die diese entsetzliche Feuersbrunst in unsere Ruheorte tragen und so zu Asche verderben alles, was wir, was das Geschlecht Kain, erschaffet hat?
Ich sage Euch, was Ihr längst wißt: Daß wir alle die Strafe ernten für die Hoffart einiger weniger. Daß wir alle verbrennen und zerfallen wegen dem ungebrochenen Machtwillen weniger. Das Streben zur Macht ist uns zueigen. Es ist das Herz, die Seele des Vampyrs. Aber wir müssen unsere Grenzen kennen und sie achten, ehe denn alles zu Asche verbrennt. Wir brauchen einen starken Bund aus Vampyren aller Clane, so vieler Sippen wie möglich. Eine starke Hand, die auslöscht, was maßlos ist, was unsere ehernen Traditionen der Herrschaft und Gastfreundschaft bricht, indem es seine Macht auf Kosten der anderen Edelen der Vampyre errichtet. Indem es seine Macht auf Kosten ALLER Vampyre errichtet. Indem es zu herrschen trachtet, und uns alle zerstört. Und zu blind ist, zu sehen, daß dereinst die Flammen der Menschen und die Fänge der Rebellen auch an ihrer Pforte ein Fest des Grauens halten werden.
Wir sind nicht Gottes Lämmer. Und nicht flehen können wir zu ihm um Hilfe. Möge also nicht Gott, sondern eine gottgleiche Gewalt uns schützen vor denjenigen, die maßlos sind. Und eines wissen wir: Daß neben Gott nur eine Macht solches vermag: Recht und Gesetz.
Laßt uns also ein Gesetz schaffen und uns ihm unterwerfen. Wir, die wir von Maße sind, die wir Herren unserer selbst und unserer Ländereien sind, haben nichts zu verlieren. Aber wer Europa unter sein alleinig Joch zu zwingen trachtet, wer um Land und Volk und Seele schachert über Maße und dabei seiner Sippe, seinem Clan und schließlich der Familie der Vampyre, der Brut des Einen und ersten, Kains edeler Brut, ihren Anteil verweigert, der muß gezwungen werden, wozu sein Herz nicht fähig ist. Ja, wir sind eine Brut. Die Brut des Einen, Brut des Kain. Verwandt sind wir in Herz und Blut, ein Volk geschmiedet durch Gottes Fluch und Kains Glorie. Nun laßt uns dies vollziehen und diesem Einen Volk ein Gesetz geben. Laßt uns begründen einen heiligen Bund, eine Wehr gegen unser aller Untergang. Churprinz Gustav Breidenstein von Berlin-Mittelmark.”
Mit der Gründung der Camarilla im Jahre 1486 verändern sich die Machtstrukturen in Europa schnell und endgültig: Unter dem Regulum der Masquerade sind die Ahnen Europas gezwungen, ihre bislang eher offen ausgetragene Herrschaft mehr in den Hintergrund zu verlegen und sich in den Werkzeugen ihrer Fehden auf unauffällige Mittel zu bescheiden. Zugleich werden machtvolle Kampfgruppen gebildet, die der Bedrohung der Anarchenrevolte entgegentreten und solche Kainiten, die nicht willens sind, sich der Masquerade zu beugen, unter das Joch der Camarilla zu bringen oder zu vernichten. Aus dieser Zeit der frühen camarillanischen Rechtssprechung sind noch heute einige “Sonderformen” der Justiz verblieben, einzelne Kainiten, die sich ihren Anspruch auf Anerkennung und Eigenständigkeit in jenen finsteren Nächten erworben haben, so etwa Karsh, der Kriegsherr, oder Wolf, das Schwert der Camarilla.
Niemals dürfen wir vergessen, daß die Geburtsstunde der Camarilla einen hohen Blutzoll erforderte, und Dank und Ehrfurcht soll uns überkommen, treffen wir auf diejenigen, die in jenen ersten Nächten der Camarilla unser aller Leben gerettet haben. Statt darüber zu streiten, aus welchem Clane mehr Verteidiger der Camarilla und Kämpfer gegen den Sabbat stammen, sollten wir das Ansehen all jener wahren, die in diesem Krieg gefallen sind, und wahrhaftig, es waren Zahllose aus ALLEN Clanen, und niemand sollte sich ein Recht daraus herleiten, zu einem Clan zu gehören, der viele Helden jener Nächte hgervorgebracht hat, denn die Einforderung eines solchen Rechtes ist Diebstahl am Ansehen der Überlebenden und Gefallenen und sollte uns alle mit Ekel erfüllen.
Die Geburt Preußens
Daheim in Berlin wendet sich Breidenstein der weiteren Konsolidierung seiner Hausmacht zu. 1513 wird der Bruder und Mitregent des Kurfüsten Joachims I. in Brandenburg, Albrecht, einstimmig vom Domkapitel zum Erzbischof zu Magdeburg gewählt. Schon ein Jahr später wird ebenjener Albrecht von Magdeburg vom Domkapitel – gleichfalls einstimmig – zum Erzbischof von Mainz und damit zum Kanzler des Reiches gewählt. Ganz entgegen den Bestimmungen der “Goldenen Bulle” führt damit das Haus Hohenzollern durch Joachim I. und Albrecht von Magdeburg 2 Kurstimmen, und beide unterstehen der Weisung Gustav Breidensteins.
In den Hevellerchroniken finden sich zwischen den Jahren 1500 und 1600 gerade einmal zwei handschriftliche Einträge und eine Ansammlung von Notizen, die Briefe durch Canissîm Enkiem und Eriana de Buckowîz, welche wenn auch nur sehr oberflächlich über das zweimalige Durchqueren einer großen Abordnung von “Mannen und Vampyren” aus dem fernen Ägypten berichten, die von einem gewissen “Count Anthonius” angeführt werden und mit denen besagte Personen sich getroffen haben. Unterdessen Albrecht von Magdeburg in einer Notiz vermutet, es habe sich bei jener Abordnung um Setiten gehandelt, legen Vergleiche mit anderen mir zur Verfügung stehenden Quellen den Verdacht nahe, daß es sich bei jenem Count Anthonius um einen sehr mächtigen Ravnos-Ahnen gehandelt hat, der die Mark mit seinen Leuten Richtung Stockholm durchquerte, wo 1512 ein “Count Anthonius” mit 30 Zigeunerfamilien eintrifft und siedelt, ehe diese in der Regierungszeit König Gustav Vasas (1521-1560) vertrieben werden, weil man sie für Spione hält. Sollte es Reibungen zwischen den Ravnos und Breidenstein gegeben haben, so finden diese jedenfalls keinen Eingang in die Preußenchroniken.
Gleichfalls in diese Zeit fällt nach ihren eigenen Angaben die Erschaffung Nadja von Illburgs 1522, was den Verdacht nahelegt, Askirgal sei wieder in die Mark Brandenburg gekommen. Da sein Wiedererscheinen in den Hevellerchroniken ebenso wie die Erschaffung der Nadja von Illburg jedoch keinen Eingang in die Hevellerchroniken findet (ebenso wie das weitere Wirken der Illburgischen und ihrer Nachkommen) ist davon auszugehen, daß betreffende Entwicklungen sich entweder nicht in Kenntnis der Heveller (außer Askirgal) befanden, die betreffenden Teile der Chronik verlorengingen oder aber die Heveller die betreffende Nadja von Illburg und ihre Nachkommen nicht als Heveller betrachteten – ganz ähnlich, wie Gustav Breidensteins Wirken bestenfalls peripheren Eingang in die Chroniken findet und das Wirken der gustavschen Nachkommen gänzlich unerwähnt bleibt.
Die verbleibenden Notizen der Hevellerchronik beschäftigen sich eingehend mit dem Ende des Ordensstaates der Deutschritter, welcher 1525 durch dessen Hochmeister Albrecht von Brandenburg nach dessen Konvertierung zur Lutherischen Lehre in ein weltliches Herzogtum unter polnischer Lehenshoheit umgewandelt wird. Offenbar wurde jener Akt von den verbliebenen Hevellern in einer 2 Jahre währenden Kampagne von den wenigen im Lande verbliebenen “Ordenskainiten” gereinigt. Die Chroniken sprechen weiterhin von einem “güldenen Siegeszirkel”, der von Canissîm Enkiem mit Runen bedeckt worden sei und hernach zum Zeichen des ewigen Bundes zwischen “den drei Siegmächten über die Christenritter” aufgeteilt wurde.
Erwähnt werden sollte vielleicht, daß zu diesem Zeitpunkte des Sieges über die Christenritter sowohl Polen wie Brandenburg als komplett christianisiert betrachtet werden dürften und der polnische König Siegmund von Polen besagten Albrecht von Brandenburg aus der fränkischen Linie mit dem Herzogtum Preußen belehnt – was übrigens interessanterweise weder von Kaiser und reich, noch von Joachim I. anerkannt wird. Die Hevellerchronik – genauer gesagt Enkiem – bemerkt, daß nun, “da das Pruzzenland befreit ist vom V.Carolus, man sich dem V.Gustav zuwenden würde.”
Joachim I., genannt Nestor, der Vasall Gustav Breidensteins, stirbt 1535 bei einem Jagdausflug in die brandenburgischen Wälder, nachdem er 1530 sechs Rädelsführer eines lutherischen Aufstandes hinrichten ließ und 1533 in Halle ein “bündnis zur aufrechterhaltung des alten loblichen christlichen glaubens” begründet hatte.
Die Mark zerfällt
Mit dem Tode Kurfürst Joachims I. tritt die “Väterliche Disposition”- eine Übereinkunft zwischen dem “Neumärker Bund” (dem vermutlich neben Eriana de Buckowîz und Canissîm Enkiem auch Damien Vladov und ein tschechischer Gangrel namens “Drapac” angehören) und dem Haus Breidenstein (Gustav und seine Brut, zu jener Zeit bestehend aus Wilhelm Waldburg (seit 1440), Katarina Kornfeld (seit 1507), Karl Gerlach (seit 1507), Matthias von Jagow (ab 1544) und Matthias Ansgardt (seit 1531)) in Kraft, die eine Landesteilung zwischen seinen beiden Söhnen Joachim II. und Johann vorsieht.
Das Neumärkische geht dabei samt dem Herzogtum Crossen, dem Land Sternberg und der Stadt Cottbus an den Neumärker Bund unter dem Vasall Eriana de Buckowîz’ Johann (fortan: Johann I., Herzog zu Küstrin), während die Kurwürde zusammen mit den verbliebenen Landesteilen dem breidensteinischen Vasallen Joachim II. (später genannt Hektor) zufällt.
Genaue Aufzeichnungen in der Hevellerchronik fehlen zwar, aber Eriana de Buckowîz zufolge unterteilte sich der Neumärker Bund das unter ihrer Kontrolle stehende Land wie folgt: Das Herzogtum Crossen an den Gangrel Drapac, das Land Sternberg an Damien Vladov, die Neumark in den Grenzen von 1455 – ein riesiges, bis weit ins heutige Polen ragende Gebiet – an Eriana de Buckowîz, die jedoch den größeren Teil der Geschäfte an Johann von Quitzow übertrug, während sie sich selbst auf ihren Stammsitz in Buckow zurückzog.
Unter Quitzows Führung nimmt Markgraf Johann Ostern 1538 schon das Abendmahl in lutherischer Form ein – offenbar sehen die Heveller in der Unterstützung der Reformation den einzig gangbaren Weg, den Krieg wenn schon nicht gegen die gesamte Christenheit so doch wenigstens wieder in die Machtpfründe der Kainiten hinter der katholischen Kirche zu tragen – so jedenfalls deutet es ein Brief von Askirgal aus dem Jahr 1613 an, in welchem selbiger von den Erfolgen seiner Person kündet, die Litauer durch Abrahamus Culvensis zum Evangelium zu bringen. Auch Gustav Breidenstein läßt seinen Vasall gewähren, der unter starker Bedrängnis von Adeligen wie auch den zunehmend wichtigen Handelsfamilien (die zu großen Teilen von Nadja von Illburgs Hausmacht dominiert werden) am 1. November 1539 durch den Bischof von Brandenburg, Matthias von Jagow, den ersten Gottesdienst in evangelischer Form (mit dem Laienkelch) vollziehen läßt.
Schnell heizen sich die Konflikte auf, nicht nur in Brandenburg, sondern überall: Der Papst verschärft die Inquisition, die Pest überrollt das Land – in Brandenburg ist es schon die vierte (1516, 1527, 1538, 1549) von insgesamt acht Wellen alleine innerhalb des 16. Jahrhunderts, die über die Mark noch hereinbrechen sollen (1566, 1576/77, 1584/85 und die letzte große Welle 1598).
Während 1559 Gustav die alte Burg Spandau durch italienische Experten zu einer ausgesprochen modernen bastionären Zitadelle umbauen läßt, erweitert auch Johann von Quitzow die Burg Peitz zu einer Festung, wofür er ab 1579 den wohlbekannten Kriegsbaumeister Rochus Graf zu Lynar hinzuzieht, der später (1612) von Katarina Kornfeld erschaffen wird.
1564 leben laut einer Erhebung in Brandenburg in 16.500 Häusern in den Städten etwa 100.000 Einwohner, in den rund 33.000 Häusern auf dem Lande um die 165.000 Einwohner. Die größte Stadt ist bereits Berlin mit 1.316 Häusern, gefolgt von Stendal mit 1.210 Häusern und Brandenburg (Havel) mit 1.174 Häusern – nach dem Dreißigjährigen Krieg wird so gut wie nichts mehr davon übrig sein.
Der Gustavsche Streich
1569 ist vielleicht das entscheidendste Jahr in der breidensteinischen Ära, denn in diesem Jahr legt Gustav Breidenstein das Fundament für die spätere Macht Preußens: Im Jahr der Erschaffung des “Feldherren des Spandauer Knüppelkrieges” Bartholomäus durch Johann von Quitzow, im gleichen Jahr, in dem die Kräfte der Askirgaler in Polen durch die Erschaffung der Lubliner Union gebunden sind (mit der Lubliner Union wird das litauische Kulturerbe unaufhaltsam dem Untergang geweiht, es kommt zum Bruch zwischen den Hevellern und den polnischen Kainiten), sorgt Gustav Breidenstein dafür, daß sein Vasall Joachim II. mit dem Herzogtum Preußen mitbelehnt wird.
Aufgrund dieses Bruches des Toleranzabkommen mit den Neumärkern kommt es zu einem offenen Schlagabtausch der kainitischen Kräfte, in dessen Folge und binnen lediglich 10 Tagen die weltlichen Vasallen beider Parteien dahingerafft werden: Kurfürst Joachim II. stirbt am 3. Januar 1571 in Köpenick, angeblich verhext und vergiftet durch einen jüdischen Hexer namens Lippold (dessen Hinrichtung den Auftakt bildet für die Vertreibung der Juden aus der Mark für die nächsten 100 Jahre), sein Bruder Markgraf Johann von Küstrin stirbt – zum Neumärker Groll ohne männliche Nachkommen – nur 10 Tage später am 13. Januar, bis zuletzt erfolglos darum bemüht, einen selbständigen Lehnsempfang beim Kaiser zu erreichen (der vermutlich durch Breidensteinische Alliierte aus Reihen der Saulusier verhindert wurde).
Was im übrigen den von wilhelmscher Seite vielbeschrienen Vorfall mit jenem Tremere betrifft, welcher sich 1575 Gustav Breidenstein nicht vorstellte und von ihm deswegen vernichtet wurde, so sei gesagt, daß besagter Tremere (Elias von Nachten) sich nicht einfach nur nicht vorgestellt hatte, sondern bereits seit mindestens 1570 unerkannt wie ein Dieb in Berlin Umtrieb hielt und tatsächlich der wahre Urheber der schwarzmagischen Zauber war, die Gustavs Vasall Joachim II. töteten und den Auftakt zur Judenverfolgung zu Berlin bildeten. Aus diesem Vorfall erklärt sich die gelinde gesagt “erregte” Reaktion des “Eisernen” Gustav Breidenstein auf die unsägliche Unverschämtheit, für die Hinrichtung dieses Spiones und Verräters auch noch eine Entschuldigung zu fordern – die sie mit der Entsendung von Pestgeistern noch zu verstärken wagten: So heißt es denn in den Archiven Venedigs, die Tremere hätten, vertreten durch Justicar Karl Schrekt, in Gestalt der Pest 1576 eine deutliche Warnung an Gustav geschickt, der 4.000 Menschen zum Opfer fielen. Dies zum Ziele, die Verfügbarkeit von Blut einzuschränken. 4.000 Seelen für die Öfen der Feuer Oblivions – in denen Albrecht von Magdeburg während der Aufklärung der merkwürdigen magischen Phänomene in Berlin schon die Wurzel des Schwarzen Windes vermutete (zusammengenommen mit der Chorknaben-Legende, die er um 1250 einordnet). Gustav Breidenstein aber ließ sich niemals, nicht in früherer, noch in neuerer Zeit drohen. Er beantwortete der Tremere Warnung zwar mit einer formellen Entschuldigung, brachte sie aber an einem Pflock durch Karls Herz an, den er so zurück nach Wien schaffen ließ.
Vom Tod der Menschen und den Affront durch die selbsterschaffenen Hexer vergrämt, wurde seine Regentschaft noch strenger, wollte er so jedwedem Kainiten mit finsterem Sinn überdeutlich machen, daß in seiner Domäne die ehernen Traditionen und sein eigen Willen die einzigen Reichsinsignien sind.
Durch den auffälligen Doppeltod der brandenburgischen Herrscher wird Brandenburg wieder vereint unter einem Kurfürsten, dem Sohn Joachims II., Johann Georg. Der Kampf um die Kontrolle des neuen Kurfürsten wird von beiden Seiten erbittert geführt, am Ende gelingt es den Neumärkern zwar, testamentarisch die Teilung der Mark Brandenburg durch Johann Georg verfügen zu lassen, nach seinem Tode 1598 kann Gustav Breidensteins Vasall Joachim Friedrich jedoch diese verfügte Teilung der Mark verhindern und sich selbst zum unangefochtenen Alleinherren aufschwingen.
Das Toleranzedikt von 1600
Die Preußenchroniken jener Tage erwähnen ab und an das Erscheinen der Nadja von Illburg am Hofe Gustavs, die eine Tolerierung der Askirgaler und Erianer in den Weiten der Mark im Austausch für die Bereitstellung von Geldern aus ihren Handelskontoren sowie im Austausch für eine Beratung in wirtschaftlichen Dingen anbietet. Die zu jener Zeit auch aus Richtung Polen bedrängten Neumärker akzeptieren den Abschluß eines neuen Toleranzediktes auch deshalb, weil Breidenstein über reichhaltige Unterstützung aus den westlichen Gebieten verfügte (in einem Eintrag der Preußenchroniken ist von der Entsendung einer großzügigen Entourage aus 50 saulusischen Ghulen die Rede).
Die Heveller – so bedrängt – geloben sich in die kurfürstlichen Geschäfte nicht mehr direkt einzumischen, fordern und erhalten aber im Austausch dafür ABSOLUT freie Hand in der Verwaltung und Gestaltung der brandenburgischen Provinz, ob Alt-, Mittel- oder Neumark oder Preußen. “Gustav die Städte, das Land aber den Wächtern” steht unter dem Titel des Ediktums.
Beide Vertragsexemplare des “Toleranzediktes von 1600″ liegen als Originaldokument mittlerweile in den Kellern von Sanssoucis, unterzeichnet auf gustavianer Seite von “Gustav Breidenstein, Churprinz zu Berlin und Preußen” und seinen Kindern Waldburg und Kornfeld sowie Rheinhardt von Trotta als Zeugen, auf Hevellerseite durch “Fürstin Aryana zu Buckow und Neumark, Erbfürstin zu Preußen”, “Fürst Danilov Drapac de Triglav, Nachtfürst zu Crossen”, “Prinz Damien Vladov zu Sternberg und Südpreußen, Blutvogt zu Polen”, sowie als Zeugen “Johann von Quitzow Prinz zu Cottbus” und “Canissîm Enkiem im Namen des Hohen Herren und wahren Großfürsten Stephan zu Sprewen, Hevelland, Odranbort, Pruzzen, Litauen und Pommern”.
Mit diesem Toleranzedikt wurden die Gebiete abgesteckt und die Modalitäten der weiteren Koexistenz begründet, und wie Eriana de Buckowîz mir mitteilte bildete jenes Edikt die Basis des Zusammenlebens für die Heveller und die Gustavianer seit jenen Nächten bis zu Breidensteins Tod im Jahre 1995 und ist uns nun eine einleuchtende Erklärung für manches Verhalten des Großfürsten Woleslav-Stephan in den 90er Jahren dieses ausgehenden Jahrhunderts, der sich trotz größerer Macht und Kraft mit der Regentschaft zu Potsdam beschied und trotz mancher Beleidigung, die ihm die Berliner Kainiten berieten, sich weder gegen Wilhelm Waldburg noch Gustav Breidenstein stellte, noch die Herrschaft über die verkommene Stadt Berlin in jenen dunklen Stunden übernahm.
Wehe den Kindern Berlins, wenn er erwacht! Die Träger der breidensteinischen Macht sind nicht mehr, das Edikt somit in seiner Kraft erloschen. Nichts hinderte ihn nun mehr, Genugtuung für all die Schmähungen zu fordern und Berlin dem Regiment der Heveller zu unterwerfen!
1600-1800
Der Dreißigjährige Krieg
In den Berliner Chroniken des Wilhelm Waldburg, zuletzt geführt und an einigen Stellen korrigiert durch Siegmund Striebeck heißt es zum Dreißigjährigen Krieg:
“Im Dreißigjährigen Krieg mußten Ventrue und Tremere ihre Zwistigkeiten beiseite legen, als sie wahre Horden von Brujah, Toreador und Sabbat bekämpfen mußten. Die meisten damals existenten deutschen Vampire verstarben, so auch der Sire von Sophia von Habsburg, der sie ohne Wissen um die Gesetze von Gustav zurückließ. Bezaubert von ihrer Schönheit, nahm sich Vladimir ihrer an. Gustav warf den Tremere fehlende Unterstützung vor, die direkt zu der Vernichtung Berlins geführt hätten. Er kontrollierte die Region hinter Georg Wilhelm, dem menschlichen Regenten von Brandenburg, und arbeitete von da an an der Stärke Berlins. Ende des Krieges durchquerte auch der Gangrel Wolf das Berliner Gebiet, wurde aber von den Häschern Gustavs vertrieben.”
Nun, ich weiß nicht, auf welchen Unterlagen und Quellen diese lächerlich primitive Beschreibung des Dreißigjährigen Krieges beruhen soll, offenbar aber dient sie dem alleinigen Zweck, die wahrhaftigen Ereignisse völlig zu verkehren und zu verschleiern, weshalb ich hier einige Dinge in aller Kürze darlegen möchte (da ich selbst den Dreißigjährigen Krieg als tschechischer Söldner und Landsknecht miterlebte und mich auch später intensiv mit der Thematik dieses Krieges beschäftigte, könnte ich wahrhaft mehrere Bücher zu diesem Thema alleine füllen). Nicht eingehen will ich hierbei auf die Umstände, die den Krieg ausgelöst haben, und warum er von einem Religionskrieg zu einem politischen Krieg wurde, sondern ich will mich einzig auf die Konsequenzen für Brandenburg bescheiden und die mannigfaltigen Verstrickungen der Kainiten unerwähnt lassen – es sei lediglich gesagt, daß während des Dreißigjährigen Krieges auf Seiten der katholischen Liga die ‘Ventrue und Tremere’ nicht nur ihre Zwistigkeiten beseitigten, sondern im Gegenteil ein enges Bündnis eingingen (besonders in Wien, wo dies bis heute so ist), und daß ich es als äußerst bedenklich finde, leichtfertig ‘Brujah, Toreador und Sabbat’ in einen Topf zu werfen und überdies von zwei Clanen der Camarilla als “Horde” zu sprechen. Wahr ist, daß es vor allem Brujah und Toreador waren, die die calvinistische und lutherische Lehre (inkl. betreffender Regenten) unterstützten, aber meines Erachtens haben Kainiten aller Clane auf allen Seite zum ungeheuren Chaos beigetragen, das das Wesen des Dreißigjährigen Krieges ausmachte und den Malkavianern sicherlich wohlgefällig war.
Aber zu den brandenburgischen Konsequenzen des Krieges:
Zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges verfügt Brandenburg über keinerlei Heer, mit dem es sich in den kommenden Streitigkeiten beteiligen könnte. Kurfürst Johann Sigismund (seit 1608) beklagt dies am 24. Februar 1610 in einem Schreiben an den Landeshauptmann der Altmark wie folgt:
“kleine schwache Klepper, oder auch Kutscher, Vögete, Fischer und dergleichen schlimb und unversucht Lumpen gesinde, die ihrer viel wie bei den vorigen Musterungen geschehen, an statt guther starker hengste und versuchter ehrlicher reißiger Knechte mit zur Stelle bringen pflegen, wollen wir unter den hauffen durchaus nicht wissen.”
1613 versucht Kurfürst Johann Sigismund sich zum Calvinismus zu bekennen, als er aber vom “Provinzvolk” (…) auf die Aufforderung hin, es ihm gleichzutun, eine Abfuhr erhält, nimmt er diesen Schritt 1615 wieder zurück.
1618 verstirbt der letzte fränkische Hohenzollern als Herzog von Preußen; damit fällt den brandenburgisch-gustavschen Kurfürsten die nominelle und alleinige Herrschaft über Preußen zu – ein Resultat, das Gustav Breidenstein während des 16. Jahrhunderts durch eine kluge und vorausschauende Heiratspolitik und Mitbelehnung herbeigeführt hat.
In den Jahren von 1618 bis 1648 durchziehen zahllose Heere die Mark Brandenburg, nicht um mit Brandenburg Krieg zu führen (gegen wen sollten sie auch kämpfen, wo kein vernünftiges Heer ist und das Geld für Landsknechte fehlt), sondern einfach um von Schlacht zu Schlacht mit anderen Parteien zu gelangen.
Zum ersten Mal geschieht dies im Juni 1620, als englische Hilfstruppen für den Böhmenkönig die westliche Hälfte der Mark durchqueren. Bei jeder Durchquerung der Mark brandschatzen und plündern die Truppen der verschiedenen Heerbanner, denn sie erhalten keinen Sold, dürfen aber wo immer sie hingehen sich ihren Sold erplündern, so daß die Landbevölkerung Brandenburgs bald schon nichts mehr hat.
Hinzu kommt ab 1625 die Pest, die besonders in der Neumark schlimm wütet.
1627 wird Brandenburg von Wallenstein trotz eines Abkommens zwischen Schwarzenberg und dem Kaiser zur Unterhaltung von 10.000 Mann herangezogen, hierfür in Quartierbezirke eingeteilt und ausgebeutet. Schon 1629 kommt es zu Unruhen innerhalb der Landbevölkerung, die dem Kurfürsten die Steuern verweigern, weil sie selbst nichts mehr besitzen. Am 13. April 1631 fallen die auf dem Weg nach Süden befindlichen Schweden in der Mark ein und plündern Frankfurt (Oder). Die Verwüstungen in Frankfurt sind so grauenerregend, daß sie europäische Aufmerksamkeit erregen: 1.722 Tote zählt man liegend in den Straßen, die tagelang unbeerdigt bleiben. Am 1. Mai erpreßt der schwedische König das Bündnis mit dem brandenburgischen Kurfürst, die Alternative wäre die Besetzung Berlin/Cöllns gewesen. Ab 1632 zieht es den Kurfürsten immer öfter und dauerhafter in das Herzogtum Preußen, wohin er sich – nach Johann von Quitzows Ansicht samt Gustav Breidenstein – vor den Schweden zurückzog.
Ab 1639 kommt es zu großen Flüchtlingsbewegungen in Brandenburg, wer irgendwie kann, verläßt die Mark, wobei die Neumärker vor allem Richtung Polen fliehen.
1640, am 1. Dezember, stirbt Kurfürst Georg Wilhelm, Nachfolger wird sein 20 Jahre alter Sohn Friedrich Wilhelm, der von Gustav Breidenstein ähnlich wie schon früher Eisenzahn seit frühester Kindheit auf sein Leben als Vasall vorbereitet wurde.
Zwischen 1640 und 1641 marschieren die Schweden 194 mal (!!!) durch die Mark Brandenburg, plündern und verwüsten und töten aus Frustration darüber, daß das Volk ihnen absolut nichts mehr geben kann.
Unter Kurfürst Friedrich Wilhelm beginnt Brandenburg ab 1641 erstmals einen eigenständigen politischen Kurs zu fahren: Am 24. Juli schließt der junge Gustavs-Vasall einen Waffenstillstand mit den Schweden und beginnt mit einer Truppenreduzierung, während die Bauern des Drömling, eines altmärkischen Waldsumpfgebietes bei Haldensleben, die nach der Preußenchronik unter Führung des 1602 zurückgekehrten Woleslav-Stephan nebst seinem 1600 erschaffenen Kind Alberich schon eine Bauernwehr gegen die Schweden gebildet hatten, zu einem allgemeinen Aufstand aufrufen.
Die Verwüstungen in der Mark sind unbeschreiblich: 1642 wohnen in Neuruppin noch ganze 600 Einwohner in 150 Häusern, während es vor Kriegsbeginn noch 3.500 in 623 Häusern waren. 1643 leben in Brandenburg von 12.000 Einwohnern noch ganze 2.500, in der Altstadt stehen von einst 365 Häusern nur noch 75. Am Ende des Krieges erst aber wird das ganze Ausmaß der Verwüstung sichtbar: Eine Volkszählung ergibt 1652, daß der Bevölkerungsverlust Brandenburgs bei etwa 50% liegt. In Prignitz, Uckermarck, Barnim und der nördlichen Neumark liegt er sogar bei über 90%. Zahllose Dörfer und selbst einige Städte sind wüst und leer.
Ab 1647 holt Kurfürst Friedrich Wilhelm niederländische und friesische Bauern ins Land, die mit weitreichenden Privilegien ausgestattet werden – sehr zum Zorn der eingesessenen und oft besitzlosen Bauern.
Brandenburg-Preußen
So verheerend die Verwüstungen in der Mark Brandenburg auch sind, am Ende des Krieges besitzt das inzwischen zum Doppelreich gewordene Brandenburg-Preußen eine exzellente Position, um sich in den kommenden Jahren zum absolut dominanten Machtfaktor zu erheben. Während die politischen und herrschaftlichen Strukturen im Rest von Deutschland total zusammengebrochen sind, mit Ausnahme weniger Zweckbündnisse nur noch Kleinststaaten und isolierte Herrschaftsgebiete bestehen, liegt im Nordosten des Reiches ein riesiges Gebiet, das in den Folgejahren dank der Politik der Heirat, Belehnung und Vererbung immer weiter wachsen wird: Brandenburg-Preußen.
Gustav Breidenstein bricht das Toleranzedikt zwar nicht, sucht sich aber zunehmend der Macht der nun wieder von Woleslav-Stephan direkt geführten Heveller zu entziehen. Er fürchtet seinen Großsire – und das zu Recht – aber Woleslav-Stephan hält sich an das Edikt und bleibt Berlin und Cottbus (wo Gustav jener Tage oft in der Festung Peitz residiert) fern. Im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges hat Gustav Breidenstein bei vielen Gelegenheiten die Gastfreundschaft seiner Familie in der Mark Brandenburg in Anspruch nehmen müssen, und die Heveller lassen sich das erwiesene Beschützen von Gustav und seinem so wichtigen Kurfürsten teuer mit zusätzlichen Privilegien und einer Beteiligung an der Politik der Mark bezahlen.
Indes, Gustav wähnt zu Recht seine Stunde gekommen und willigt in alle Forderungen Woleslav-Stephans und seiner Brut ein, die sich – wie mehrere Hevellerschriften belegen – dieser Tage oft in der Zitadelle Spandau versammelt, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Eine Rolle vom 23. September 1666 kündet so etwa von einer großen Zusammenkunft anläßlich einer Freya-Huldigung, an der neben Woleslav-Stephan, Askirgal und Alberich auch Adela, Johann von Quitzow, Eriana de Buckowîz, Drapac, Jaczo de Copnic, Damien Vladov, eine namentlich nicht bezeichnete “Botin der Göttin” und einige mehr teilnehmen.
So bedrängt sucht Gustav wo immer es geht eine Einmischung in die kurfürstlichen Geschäfte zu verhindern: 1660 zieht Friedrich Wilhelm zur Besetzung der Ämter der brandenburgischen landesherrlichen Behörden von Geheimen Rat, Amts- und Hofkammer, Kammergericht und Konsistorien nahezu ausschließlich Kräfte aus anderen Regionen heran: Von 74 Ämtern im Geheimen Rat etwa gehen nur 20 an Brandenburger, 20 kommen aus dem Reich und dem Ausland – 24 allerdings kommen aus dem Herzogtum Preußen, so daß nach Angaben der Preußenchroniken in den landesherrlichen Behörden die Heveller und ihre Bündnispartner nun wieder gut 50% aller Stellen unter Kontrolle halten.
Gustav Breidenstein sucht sein Heil in der Flucht nach vorn, im Begehen neuer Wege: In einer unglaublichen Geschwindigkeit – und indem er sich neue und gelehrte Leute an seinen Hof holt und bestehende Ghule in andere Städte schickt, um die sich überall auftuenden Künste und Handwerke zu lernen (darunter auch ich selbst) – modernisiert Gustav den Brandenburgischen Staat.
Er beendet im Dezember 1667 die bisherige auf Förderung der Sorben bedachte Politik der vormaligen Kurfürsten, holt sich 1671 mit einem Edikt 50 jüdische Familien aus Wien in die Stadt, heißt das spätere Kind Katarina Kornfelds Memhardt 1650 einen umfangreichen Stadtplan Berlins erstellen und die Stadt von selbigem großen Manne, der uns unter dem Namen Albrecht von Magdeburg bekannt wurde, 1658-1683 zur Festung ausbauen, läßt 1674 die Dorotheenstadt errichten und – vielleicht eine seiner größten Leistungen – mit seiner neuorganisierten Ghulschaft, zu der auch ich gehörte, besiegen die brandenburgischen Truppen dank Disziplin und neuartiger Heerführung mit nur 5.700 Mann ein weit überlegenes schwedisches Heer aus 11.000 Mann beim Dorf Hakenberg südöstlich von Fehrbellin.
Wir – die Brandenburger – verlieren dabei gerade einmal 500 Mann, der Schwede aber schmerzliche 2.100. Unser Kurfürst aber wird ebenso wie der hinter ihm stehende Prinz Gustav Breidenstein fortan “Der Große” genannt (als Hinweis sei gesagt, daß der gemeinhin bekannte “Friedrich der Große” allerdings nicht mit Friedrich Wilhelm I., dem “Großen Kurfürst”, sondern mit Friedrich II. (1740-1786) identisch ist).
Preußens Gloria
In allem Tun und Streben ist Breidenstein auf das Fördern der Städte bedacht. Ab 1684 etwa wird die Infanterie ausschließlich in Städten konzentriert, ab 1718 wird dies auch für die Kavallerie gelten. Die Städte werden befestigt, das Straßennetz verbessert (bzw. in vielen Gegenden erst erschaffen), ein stehendes Heer bildet das Rückgrat der neuen preußisch-brandenburgischen Führung, während die städtischen Stände entmachtet werden.
Die Heveller besitzen zwar theoretisch großen Einfluß, können diesen aber genausowenig wie die anderen deutschen Ahnen geltend machen. Das neue Machtsystem in Brandenburg wird belächelt, verspottet – und nicht verstanden. Binnen eines halben Jahrhunderts ist Gustav Breidensteins Macht ausgehend von Berlin und Potsdam derart weitreichend gesichert, daß eine Übernahme des Kurfürsten als Vasall am Einfluß Gustavs nichts oder nur noch wenig ändern würde.
Von dem im Lichte des Nationalsozialismus durch Waldburg später vielbeschrienen Nationalismus und Rassismus Gustavs kann indes überhaupt keine Rede sein: Ob Juden oder Hugenotten oder Böhmen, ob Niederländer oder Italiener, er duldet diese nicht nur in der Mark, sondern wirbt sie sogar mit zahllosen Privilegien und Vergünstigungen, das entvölkerte Land wieder aufzubauen und in nie dagewesener Rekordzeit zur Blüte zu bringen.
Unter Gustav erblüht Brandenburg. 1696 wird die Akademie der Künste gegründet, 1700 die Akademie der Wissenschaften, 1742 wird das Opernhaus mit dem laut Albrecht von Magdeburg “bezeichnenden” Stück “Cäsar und Cleopatra” eröffnet – all dies ohne Zutun von Toreador oder Tremere oder sonst eines nicht aus breidensteinischem Blut entstammenden Kainiten, ein ewiger Beweis für die Schaffenskraft der Ventrue und ein Denkmal für die Herrlichkeit unseres edelen Blutes.
Der Leser möge mir verzeihen, daß ich über jene Zeit ins Schwärmen gerate, aber es ist meine Jugend als Ghul im Dienste eines hohen Herrens, von der ich hier künden muß. Niemand vermag die Verzückung nachzufühlen, der nicht selbst gesehen hat, wie sich ein Land aus Trümmern und Tod erhebt und erblüht zu einem kainitischen Kulturreich, um das andere Jahrhunderte fochten, ohne es je zu erreichen.
Die erblühende Stadt, die unter Albrecht von Magdeburg geformten neuen Prachtstraßen, das Glänzen der Uniformen, die herrlichen Treibjagden auf die Werwölfe, es waren wunderbare Zeiten, die in der Krönung Friedrichs I. zum König von Preußen ihren Höhepunkt fand.
Unmittelbar nach dem Tod von König Friedrich I. 1713 wird durch den neuen König Friedrich Wilhelm I. das stehende brandenburgisch-preußische Heer von 9.000 auf zunächst 50.000 Mann erhöht, im selben Jahr ziehen 600 Soldaten der “Roten Grenadiere”, der Leibgarde des neuen Königs, nach Potsdam, angeführt von dem 2,14m großen Iren Kirkland, den der “Soldatenkönig” für 9.000 Taler angeworben hat und der zu den noch immer in Starre unter Berlin ruhenden Kindern Gustav Breidensteins zählt (Ghul seit 1722, Kainit seit 1801, in Starre seit 1917).
Auch unter dem Soldatenkönig beweist sich, daß Gustav Breidenstein keineswegs das inhumane Monster war, daß der waldburgsche Verräter aus ihm zu machen trachtete: 1714 verbietet der König den Mißbrauch der Hexenprozesse, 1717 verkündet er die Ritter-, Schulzen- und Bauernslehen zu freiem Eigentum der Inhaber, er führt die allgemeine Schulpflicht ein und läßt zwischen 1718 und 1739 durch die Hilfe niederländischer Ingenieure 40,8 Quadratkilometer fruchtbares Ackerland durch Entwässerung von Sumpfboden entstehen.
Der gute Herrscher
Gustav Breidenstein läßt seinen König Friedrich Wilhelm I. die breidensteinische Herrschaftsauffassung zueigen werden: “Ein Regente, der mit Honeur in der Welt regieren will, muß seine Affairen alle selbst tun”, und wie Breidenstein als Kleidung die Gewandung der Soldaten bevorzugt, trägt nun auch sein König stets den schlichten blauen Uniformrock.
Zugleich fördert er die Künste, läßt seinen Kronprinzen Friedrich (der spätere Friedrich der Große) in der 1734 gekauften Stadt Rheinsberg mit einem anspruchsvollen Freundeskreis von Musikern, Philosophen und Musikern aufwachsen.
Außen- wie innenpolitisch öffnet Gustav Breidenstein Berlin, stellt aber jedem der zahlreichen die Stadt bereisenden Kainiten – darunter viele Toreador, die schier sprachlos vor Preußens Glanz und Gloria sind – unmißverständlich klar, daß ein Bruch der Traditionen in seiner Stadt nur eine Strafe kennt: Den endgültigen Tod.
Gustav verzichtet auf die Errichtung eines Primogensrates, wie er in jenen Tagen in vielen anderen Städten anzutreffen ist. Von einer Beteiligung anderer Kainiten an der Macht hält er nichts. Zufrieden darüber, auch von den Hevellern nicht mehr bedrängt zu werden, die sich mit den kulturellen Umwälzungen des 16. und 17. Jahrhunderts ausreichend beschäftigt sehen und – zumindest seitens Askirgals, Alberichs und Woleslav-Stephans selbst, aber auch seitens Eriana de Buckowîz – von einer zunehmenden Kultur- und Weltmüdigkeit erfaßt werden, weiß Gustav sich und die seinen ungestört in Brandenburg und Preußen, das weit über die Grenzen hinaus Vorbildfunktion genießt.
Zum Regierungsgebiet Gustav Breidensteins gehören neben dem brandenburgischen Kernland aus Alt-, Mittel- und Neumark inzwischen auch Ruppin (seit 1524), Magdeburg (seit 1680), Halberstadt (seit 1648), Mansfeld (seit 1780), Saalkreis (seit 1680), Luckenwalde (ab 1773), Vorpommern (seit 1720) und Hinterpommern (seit 1648), Westpreußen (ab 1772) und Südpreußen (ab 1793) sollen bald hinzukommen.
Nach Ende des Zweiten Schlesischen Krieges gegen Böhmen 1745 wird Friedrich II. zum ersten Mal “Der Große” genannt und erhält somit wieder den Beinamen seines Blutgebers Gustav Breidenstein.
1756 beginnt der Siebenjährige Krieg – damals noch besser bekannt als “Dritter Schlesischer Krieg”, der wiederum durch den Einfall preußischer Truppen nach Böhmen beginnt. Auch in diesem Kriege triumphiert erneut die blendende militärische Strategie Gustav Breidensteins, die durch seine Ghule im Feld durchgesetzt wird. Um ein Ereignis meines Lebensweges in aller Kürze zu nennen, sei erwähnt, daß eine der blutigsten Schlachten jenes Krieges am 25. August in der Nähe des Ortes “Zorndorf” stattfand, rund sieben Kilometer östlich der Oder. Nach einer längeren Verfolgung stellten wir mit 36.000 Mann ein russisches Heer von 44.000 Mann. Die Russen versuchten dieser Tage über die Neumark in die märkischen Kernlande vorzustoßen, und groß war die Tapferkeit etwa der Garnison der Küstriner Festungsbastion, die sich der Kapitulation wiedersetzte, obgleich die Russen die Altstadt Küstrins in langem Bombardement völlig eingeäschert hatten. Aber ich schweife ab.
Uns gelang es bei jener Schlacht, den Russen und ihre Ravnos-Herrscherin Katarina die Große zurückzuwerfen, wenn auch unter Verlusten: Der Russe verlor die Hälfte seiner Truppen, wir gerade ein Drittel.
Während des Siebenjährigen Krieges versterben vor allem in der Neumark insgesamt 50.000 Personen, der Vorkriegsstand von 570.000 Brandenburgern 1756 wird aber schon 1766 wieder übertroffen. Im Krieg fiel die Grafschaft Glatz endgültig an Preußen, wodurch sich Gustav der Große endgültig im europäischen Ränkespiel um die Macht durchsetzte.
Einschub: Die Friedrichse
Es mag der Klärung und Beseitigung einiger Verwirrung dienen, wenn ich an dieser Stelle die Reihenfolge der diversen Kurfürsten mit den Namen “Friedrich” und “Wilhelm” einmal zusammenfasse, da sie dem Nicht-Zeitzeugen oftmals große Probleme bereiten (und selbst ich verwechsele sie ab und an):
- Friedrich I., Kurfürst von Brandenburg 1417, Vater von
- Friedrich II., der Eiserne, Kurfürst 1440, Vater von
- Johann Cicero, Kurfürst 1486, Vater von
- Joachim I. , Nestor, Kurfürst 1499, Vater von
- Joachim II. , Hektor, Kurfürst 1535, Vater von
- Johann Georg, Kurfürst 1571, Vater von
- Joachim Friedrich, Kurfürst 1598, Vater von
- Johann Sigismund, Kurfürst 1606, Vater von
- Georg Wilhelm, Kurfürst 1619, Vater von
- Friedrich Wilhelm, (der Große) Kurfürst 1640, Vater von
- Friedrich I., Kurfürst 1688 ACHTUNG: Als Kurfürst: Friedrich III., König in Preußen, Vater von
- Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, König in Preußen 1713, Vater von
- Friedrich II., der Große König in Preußen 1740, König von Preußen 1772, Onkel von
- Friedrich Wilhelm II., König 1786, Vater von
- Friedrich Wilhelm III., König 1797, Vater von
- Friedrich Wilhelm IV., König 1840 (1861 gestorben) und
- Wilhelm I., nach Tod seines Bruders König 1861, Dt. Kaiser 1871, Vater von
- Friedrich III., Kaiser 1888, Vater von
- Wilhelm II., Kaiser 1888-1918, gestorben 1941, Vater von
- Wilhelm, Kronprinz, gestorben 1951 und
- Viktoria Luise, Mutter von
- Friedericke, 1938 verheiratet mit Paul I., dem König von Griechenland
1800-1900
Napoleon
Ich darf diesem Kapitel vorausschicken, daß ich hinfort und da der größte Teil der Stadtgeschichte von nun an im wesentlichen mit den Berichten der Waldburgischen Geschichte übereinstimmt (nimmt man die walburgische Propaganda hinweg) nur noch sehr grob über die weiteren Ereignisse berichten will, vor allem da die Situation in Brandenburg selbst bis zum offenen Verrat des Waldburg Anfang des 20. Jahrhunderts im wesentlichen stabil ist:
Gustav Breidenstein konzentriert seine Macht auf Berlin und Potsdam, wo er unangefochten herrscht, aber andere Kainiten als Gäste durchaus duldet. Er behält seine einfache und klare Rechtssprechung bei: “Achte die Gesetze, und sei willkommen, verletze die Gesetze, und stirb”.
Das brandenburgische Umland ebenso wie die Weiten Preußens inklusive der neuen Gebiete, die Preußen etwa durch die Teilung Polens zufallen, gehören nominell zwar zu Gustavs Einflußgebiet, gemäß dem Toleranzedikt von 1600 (s.d.) gehören diese Gebiete aber den Hevellern. Formell betrachtet träfe dies auch auf Potsdam zu, aber da keiner der Heveller Anspruch auf dieses Gebiet erhebt – zumindest bis 1884, als Woleslav-Stephan Potsdam zu seiner Residenzstadt erwählt, wo er sich 1886 in Starre versenkt, um dann 1932 als Prinz zu Potsdam zu erwachen – wechselt Gustav häufig zwischen Berlin und Potsdam und plant sogar eine spätere Eingemeindung – ein Vorhaben, das Albrecht von Magdeburg in Gedenken an seinen Großsire bis zuletzt mit der Berliner Verfassung zu verwirklichen bestrebt war.
Leider habe ich die Hevellerchroniken und die anderen Quellen noch nicht detailliert untersuchen können auf Spuren vom Verbleib der Heveller in den folgenden Jahren, werde dies aber soweit meine Amtsgeschäfte mir Zeit lassen – und meine Fürstin die Zeit findet, mich bei der Übersetzung der alten Texte zu unterstützen – baldmöglichst nachholen. Nach meinem jetzigen Wissensstand scheint es so zu sein, daß die Heveller in den kommenden Jahrhunderten zunehmend seßhaft werden und nur noch selten den Standort wechseln: Damien Vladov bleibt im Frankfurter Raum, Eriana de Buckowîz verbleibt zunehmend in den unwegsamen Bergen der Märkischen Schweiz unweit ihres prächtigen Heimatortes und Woleslav-Stephan kehrt ins Havelländische zurück. Einzig die Gangrel verschwinden im Dunkel der Geschichte, um nur ab und an im Berliner Raum aufzutauchen: Der Gangrelfürst Drapac, der Gangrelfürst Wolf, der Gangrelfürst Jaczo de Copnic, allsamt Nachkommen des Triglav, sie bereisen Europa und tauchen an mancher Stelle in den Chroniken der Domänen auf, niemals im Zentrum, immer nur peripher, “wie ein Nebelschwaden in einem finsteren Wald”.
Aber zu Napoleon:
Der Tod einiger Autarki des Clanes Toreador war jenem seit Jahren schon mit Neid gefüllten Clan der willkommene Anlaß, eine offene Attacke gegen die Herrschaft der Ventrue zu Preußen zu starten: Napoleon marschierte am 27.10.1806 in Berlin ein. Soweit stimmen die preußischen Chroniken mit den waldburger Machwerken überein, das folgende hingegen ist wieder einmal blanke Beschönigung, teils freie Erfindung:
“Die Toreador sorgten dafür, daß seine (Napoleons) Herrschaft anhielt, während sie viele Kunstschätze aus Berlin entfernten und in ihre Metropole Paris schafften, überwacht von Lessing, der 1781 in den Kreis der Toreador aufgenommen wurde und die Berliner Kunstschätze für sich beanspruchte. Vor Napoleons Weiterzug nach Rußland entschlossen sich die Toreador, Gustavs Kapitulation zu akzeptieren, der vor den Toreador 3 seiner Kinder töten mußte und den Toreador völlige Bewegungsfreiheit in seinem Reich gestattete.”
Wahrheit ist vielmehr, daß das Auftauchen des Napoleon eine mehre Randnotiz in der brandenburgischen Geschichte war: Die Besatzung der Franzosen dauerte in der Mark gerade einmal 2 Jahre, mit vereinzelten längeren Besetzungen von Festungen für die Sicherung des Rußlandfeldzuges (so Spandau von 1812 bis zum 23. Mai 1813).
Wie wahrscheinlich ist es wohl, daß der Herrscher, der die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges überstand und jahrelang gegen weit würdigere Gegner focht nach einer Besatzung von lachhaften 2 Jahren derart demoralisiert war, daß er drei seiner Kinder vernichtete und den Toreador derartige Zugeständnisse machte? Und vor allem: wer sollen diese drei Kinder gewesen sein?
Die Toreador hatten zwar mehr denn einen Grund, Preußen zu beneiden, auch plünderten sie viele der Kunstschätze, aber die napoleonischen Kriege hatten doch weit andere Ziele als kleinbürgerliche Rachsucht und richteten sich in erster Linie gegen andere Ziele als Berlin.
Dunkle Machenschaften
Natürlich hatten die napoleonischen Zwischenfälle Gustav verärgert. Er war – so kurz wie es sein mochte – auf seinem Heimatboden herausgefordert worden, eine Ungeheuerlichkeit, die seit 1633 nicht mehr vorgekommen war. So erklären sich wahrhaftig die zorngrollenden Gedanken, die Gustav in jenen Jahren hegte, und die sich in der “Kurtzen Chronik des 18. und 19. Jahrhunderts zu Berlin und Potsdam” des inzwischen verstorbenen, exzellenten Herren Theodor Vermoldt wie folgt lesen:
“Wütend über seinen Racheplänen übertrug seine Majestät Gustav der Große zahlreiche Aufgaben auf sein vertrautes Kinde, den Geheimrat Waldburg, der jedoch durchaus eigene Pläne für Berlin hatte, in denen kein Platz für seinen Sire war. Im Laufe des nächsten Jahrhunderts führte er die Regierungsgeschäfte und lernte so die wichtigen Vertreter der anderen Clane kennen, die er mit mannigfaltigem Geloben und Versprechen für seine sinisteren Absichten zu gewinnen vermochte, indes sein Schöpfer und Herr in Vertrauen zu seinem Kinde hinter verschlossenen Türen brütete.
Der Waldburgsche errang ihr Vertrauen und baute somit überdies Gustavs Vertrauen in seine diplomatischen Fähigkeiten aus, so daß Gustav bald überhaupt kein Auge mehr auf die Vorgänge in der Stadt warf, denn also war seine List und Tücke.
Durch die lange Beobachtung der Vorgänge in der Stadt wachsam geworden, versuchte das liebe Kind des Großen, die Rätin und Majoresse Katarina Kornfeld ihren Sire zu warnen, jedoch galt diesem sein nunmehr erstes Kinde Waldburg als so vertrauenswürdig, daß er ihre Bedenken ignorierte.”
Tatsächlich beauftragte Katarina Kornfeld, das vermutlich loyalste Kind Breidensteins neben dem späteren Wolf von der Nachten, nach einem weiteren erfolglosen Anflehen ihres Sires um Gehör in jenen Tagen, ihr Kind Albrecht von Magdeburg mit der Entwicklung einer Strategie, das Reich Gustav vor der Übernahme durch Waldburg zu schützen und einige der Ungereimtheiten aufzuklären (wie etwa den “glücklichen Zufall”, daß Waldburg durch den unglücklichen Tod des einstigen Favoriten Gustavs, Herrn Alexander von Merseburg, der in einem Scharmützel mit toreadorisch-napoleonischen Kräften unweit Küstrins fiel, Gustavs Thronerbe wurde und fortan eine offene Freundschaft zu den Toreador pflegte).
Das Imperium der Ventrue
Die Waldburgische Chronik Berlins schreibt:
“Seinen Einfluß bei den anderen Ventrue-Prinzen Deutschlands nutzend, formte Gustav die Vereinigung der deutschen Einzelstaaten zu einem Land, bestrebt, einen Gegenpol zu den imperialistischen Trieben der Tremere und Toreador zu bilden. Gewaltsame Vorstöße der beiden Clane im französisch-preußischen Krieg 1870-1871 und dem österreichisch-preußischen Krieg 1866 zeigten den zerstrittenen deutschen Prinzen, daß Einigkeit die Notwendigkeit für das Überleben darstellte, und in einem Vertrag unter den deutschen Prinzen wurde aus den Dutzenden verfeindeter Reiche das Deutsche Reich geschaffen. Die Ventrue übernahmen die Führung der Camarilla, und Gustav hatte die volle Unterstützung seines Clanes. Stephan kehrt 1884 nach Berlin zurück, sich formell bei Gustav als dem Anführer seines Clans vorstellend. Als ebenfalls alter und mächtiger Ventrue hieß Gustav ihn willkommen, mit der Absicht, ihn als Verbündeten zu gewinnen.”
Wie schon typisch für die grauenhaft unpräzise und beschämend offenkundig verfälschte Geschichtsbeschreibung dieses anarchistischen Machwerkes tun sich auch hier zahllose Vergröberungen und Verfälschungen auf, die ich aber erst im Zuge der endgültigen Chronik der Mark Brandenburg, von der ich eingangs sprach, auszuführen und zu kommentieren gedenke. Der in der Chronik erwähnte fehlgeschlagene Rekrutierungsversuch des Otto von Bismarck ist zwar korrekt, von den Waldburgschen Fälschern aber zeitlich “versehentlich” falsch eingeordnet worden: Jenes Ereignis trug sich nämlich bereits 1501 zu, als Gustav Breidenstein in der Tat erfolglos versuchte, den Bischof von Havelberg, Otto von Bismarck, zu seinem Kind zu machen.
1900-1950
Der Erste Weltkrieg
Wilhelm Waldburg indes setzte ab 1900 intensiver als zuvor die Räder für seine Pläne in Bewegung, traf sich im geheimen mit Repräsentanten der Toreador und der Tremere und mit dunkleren Elementen, die von einer Schwäche Berlins und der Ventrue profitieren konnten. Ein U-Bahn-Netz wurde an das Kanalnetz angeschlossen, was den Nosferati – Wilhelms Verbündeten – ein reiches Informationsnetz erschloß. So kam Ellison Humboldt, ein Ahn der Nosferatu und – wie wir später erfuhren – eiserner Streiter der Babayagisten, zu großer Macht in Berlin. Er handelte mit Informationen – egal an wen, aber für die entsprechende Gegenleistung. Wilhelm unterdessen wartete ab, wissend, daß seine Zeit bald kommen würde.
Der folgende Text entstammt wieder der vermoldtschen “Kurtzen Chronik des 18. und 19. Jahrhunderts zu Berlin und Potsdam”, die zwar ausgesprochen kurz und bisweilen stark simplifizierend (bisweilen auch pathetisch) abgefaßt wurde (und deren Titel eher schlecht gewählt wurde), im Kern aber korrekt ist:
“1914 überzeugte seine Majestät Gustav der Große bei einem hochherrschaftlichen Clanestreffen zu Potsdam die Ventrue der anderen europäischen Domänen davon, daß die Streitsucht der anderen Clane den Untergang der Camarilla bedeuten könnte, wenn die Herrschaft der Ventrue nicht endlich von allen akzeptiert würde. Überall aus Europa trafen zu jenen Nächten Schreckensmeldungen von sich erhebenden Kindern und Neonaten ein, manche auf Seiten der Autarki, manche auf Seiten des Sabbat. In einem verzweifelten Versuch, die abtrünnigen Städte mit sterblichen Armeen zurückzuerorbern, starteten die Ventrue gemeinsam mit den Tremere den Ersten Weltkrieg. Nach anfänglichen Erfolgen in der Befreiung einzelner Städte vom Klammergriff autarker Gewalt und Sabbatterrors sah der Waldburgsche endlich seine Stunde gekommen – auf sein Geheiß hin wandten sich die britischen Ventrue plötzlich ab und paktierten mit den Gegnern. Waldburg hatte in ihnen die Angst geschürt, die deutschen Ventrue seien viel zu stark geworden. Nur der flinken Zunge eines Waldburg mochte es möglich gewesen sein, den Clan der Ventrue so zu zersplittern, daß ihre geeinte Macht sich gegeneinander richtete, Bruder gegen Bruder, und das Imperium der Ventrue unterging, das preußische Reich zerrissen und zerfetzt wurde und um mehr denn ein halb Jahrtausend zurückgeworfen werden sollte. 1917 trat Amerika in das Kriegsgeschehen ein, nachdem einige Vampyren zusammen mit der Lusitania durch deutsche U-Boote vernichtet worden waren (am Kriegseintritt waren primär die Ravnos und Brujah beteiligt, aller Wahrscheinlichkeit nach auf Geheiß Waldburgs handelnd, der die Eskalation des Krieges und die totale Niederlage Deutschlands anstrebte, um die Macht seines Sires und der ihm loyalen Brut brechen zu können). Die seinerzeit zu Dresden residierende Prinzessin Katarina Kornfeld zeigte hinsichtlich der Versenkung dieses Schiffes Unverständnis, denn kein ihr bekannter Kainit hatte die Versenkung angeordnet, und zu langsam erwuchs aus den Akten ihres Childes Albrecht von Magdeburg das Bild der wahren Hintergründe für den Wahnsinn des Krieges. Bedrängt von inneren und äußeren Feinden, fochten wir mit unserem großen Herren Gustav Breidenstein einen verzweifelten Kampf, doch alleine Berlin war von Schlangen umgeben und mußte untergehen.”
In die Zeit des Ersten Weltkrieges fiel auch die Gründung des “LeSang”, einem Vampir-Ballsaal unter Leitung der seit 1785 in Berlin verweilenden Michelle LaRoche, der Waldburg für “geleistete Dienste” diese Bruthöhle der Dekadenz als Tribut überließ.
Zwischen den Kriegen
Man möge es mir nachhaltig verzeihen, daß ich zum Zwecke der Übersicht einstweilen wiederum nur andere Geschichtswerke zitiere, bin ich mir auch schmerzlich bewußt, hiermit zugleich manches falsch, manches – etwa die internen Clanskämpfe der Brujah zu Polen und Rußland – unerwähnt zu lassen. Ich fahre fort mit Zitaten aus der vermoldtschen “Kurtzen Chronik des 18. und 19. Jahrhunderts zu Berlin und Potsdam”, die auch in den waldburgischen Chroniken wenn auch an mancher Stelle leicht verfälscht gerne wiedergegeben wird:
“Nach dem Sieg über Deutschland und der Machtübernahme der Brujah in Rußland erkannte (Wilhelm), daß das Zentrum der Ventrue-Macht in Europa in Gefahr geraten war, endgültig unterzugehen. Er erkannte, daß er sein Heimatland seines Schutzes beraubt hatte und daß in seinem Schatten andere die Macht in Europa übernommen hatten. Schon damals hätte der Waldburgsche erkennen müssen, (…) daß seine Sache, die Machtübernahme wider seinen Schöpfer, nicht zu erlangen war, aber starr (…) (hielt er) an seinem irren Streben fest. Ganz der “loyale und besorgte Sohn” überzeugte er den vom totalen Zerfall des Ventruebundes schwer gezeichneten Gustav Breidenstein, daß Deutschland dringend Veränderung brauchte. (…) Kein Jahr nach Ende des Krieges wurde Deutschland zur Republik, dessen Regierung aber aufgrund der Kriegsforderungen bankrott und somit nicht handlungsfähig war. (…) Unser Herr Gustav erkannte, was Wilhelm Waldburg verwehrt blieb: Daß nicht nur er, Gustav, die Macht verloren hatte, sondern daß auch der (…) Waldburgsche, ja, der ganze große und herrliche Clan Ventrue sein Fundament verloren hatte und drohte unterzugehen. Seine einstigen Alliierten wandten sich gegen ihn, schachernd und geifernd nur ihrem eigenen kleinen Reiche zugewandt, und konferierten fortan direkt mit Wilhelm, in dem sie den Mann der Stunde sehen mochten. Gustav Breidenstein – von nun an ohne seinen Beinamen, wie er selbst befahl – war zwar noch Prinz, jedoch lag die Macht nunmehr in (Wilhelms) Hand, der ein ihn unterstützendes Primogen errichtete. Michelle LaRoche, Mitglied dieses Primogens, genoß unterdessen die freieren Gesetze und verhalf dem (…) ‘LeSang’ durch ihren Einfluß im Primogen zu mehr Offenheit und stadtbekanntem Ruhm, der jederzeit die Masquerade zu durchbrechen drohte. (…) (Jedoch) hatte der Verräter andere Probleme und beachtete das ‘LeSang’ nicht weiter.
Allerdings war unser Herr Gustav Breidenstein weitsichtig genug, nach Erkenntnis der veränderten Machtlage in Berlin diese für den Moment als gegeben zu akzeptieren. Er hatte immer noch großen Einfluß auf die menschlichen Entscheidungsträger in Berlin, die er zu seinen Zwecken benutzen wollte. Nachdem (Katarina Kornfeld) – bei der unser Herr Gustav sich oft und lang entschuldigte, da er ihren weisen Rat und ihre Warnungen ignoriert hatte – ihrem Schöpfer die gesammelten Geheimunterlagen ihres Kindes, des geheimen Sekretarius Albrecht von Magdeburg präsentierte, geriet Gustav so außer sich vor Scham und Zorn auf (Wilhelm), daß er folgenden Ausspruch tätigte: ‘So sei es denn. Da mein eigen Blut mit den Kriegshunden des Sabbat paktiert, mir die Ravnos auf den Hals hetzt und über seine Marionetten das Geld und das Blut der Stadt regiert, so will ich ihm seine eigene Klinge zu kosten geben.’”
Das Dritte Reich
Auch die folgenden Texte entnahm ich der “Kurtzen Chronik des 18. und 19. Jahrhunderts zu Berlin und Potsdam” von Theodor Vermoldt, bis ich mit der besser recherchierten und vervollständigten brandenburgischen Chronik soweit voran bin, daß ich die von mir geschaffenen Endergebnisse meiner Historienforschung für präsentationswürdig erachte:
“Gustav Breidenstein, voller Grimm ob des unsäglichen Verrates seines Kindes, das nun offen und in verblendeter (…) Hoffart sich gleich einem eitlen Pfau (…) als neuer Herr (…) (feiern ließ), plazierte mit kühlem Sinn seine Verbündete, Ghule und Diener in den richtigen Positionen. 1932 beauftragt Gustav Breidenstein sein jüngstes Kinde Wolf von der Nachten, das er im Verborgenen erschuf, und Albrecht von Magdeburg, das Kind seines Kindes Katarina Kornfeld, mit der Erschaffung einer Geheimpolizei, um den Einfluß des Prinzen Wilhelm Waldburg und seines Rats der Erstgeborenen zu brechen. (…) Für diese Aufgabe stellt er dem Herren Albrecht von Magdeburg seinen Ghul, den Herren Grael, zur Seite, der schon geübt war in solchem Unterfangen, und bald herauf gewann er auch den Potsdamer Prinzen für seine Sache, der ihm sein eigen Kind Wilhelm von Stornbeck zur Seite stellte.
Am 23. Mai 1935 also führten wir für unseren Herren und um unseren lieben Clan vor dem Untergange, das Deutsche Reich vor dem Zerfall zu retten, Operation “Königstreu” durch: Die unter dem Kommando des Herren Wolf von der Nachten stehenden Einheiten der Order stürmen eine Versammlung des Rats der Erstgeborenen und lösen ihn auf. (…) Wilhelm Waldburg wurde in seiner Residenz angegriffen, ist aber bereits zuvor von den verruchten Nosferati gewarnt worden und entkommen. Gustav Breidenstein, unser aller Herr, ist wieder Prinz von Berlin, und es erhebt sich Freude überall im Reich, besonders in Dortmund, wo der edele Clansruder Westhofen eben auch wieder an die Macht gekommen war.
Durch die finanziellen Wirren unter Wilhelms Regierung wurden nämlich auch im Reich derer Vampyren die Rückkehr des edelen, starken und großen Mannes Gustav Breidenstein gefordert, denn auch die (anderen) erkannten, daß an ihrem Geschäft mit dem Waldburgschen das deutsche Ventruewesen erkranket war.
Unser Reichsherr Gustav Breidenstein verstärkte seinen Einfluß, übernahm die Macht in Berlin und hatte 1940 genug Freiräume, um seinen Blick wieder nach draußen schweifen zu lassen.”
An dieser Stelle sei mir eine Einfügung gestattet, die ich auch in einem groben Geschichtsüberblick wie diesem hier nicht unerwähnt lassen will, denn die Tapferkeit auch des Feindes vermag in mir große Bewunderung zu erzeugen:
Es geht um die deutsche Invasion in Polen: 1,8 Millionen deutsche Truppen dringen mit 2.600 Panzern (gegen 180 polnische) und 2.000 Flugzeugen (gegen 420 polnische) auf drei Fronten nach Polen vor. Die Deutsche Blitzkrieg-Taktik richtet sich dabei auch gegen verteidigungslose Zivilziele, man will den Vorstoß so schnell wie möglich und unter so geringen Verlusten wie möglich beenden. Die polnische Armee ist zu Beginn des Vorstoßes nur zu 1/3 einsatzfähig, da die Verbündeten von Polen (England und Frankreich) von einer Mobilmachung abgeraten hatten, die als Zeichen von Aggressivität gegen Hitlerdeutschland hätte gedeutet werden können. Trotz all dieser Umstände liefern die Polen, deren Heer gerade eben erst dabei ist modernisiert zu werden einen harten Kampf, der die siegessicheren Deutschen überraschend hart trifft und sie sehr schnell dazu bringt, das strahlendweiße Kreuz-Insignium auf den deutschen Panzern zu entfernen, das von den polnischen Grenadieren mit neu entwickelten Panzerabwehrgeschützen aufs Korn genommen wird. Erst am 5. Oktober 1939 kapituliert Warschau und die zwischen zwei Fronten gefangene polnische Armee (Polesie Defense Group). Damit hielten die Polen doppelt solange durch, wie unsere Strategen (mich selbst eingeschlossen) und unsere russischen Verbündeten angenommen hatten, und hatten uns dabei weit stärker zugesetzt und mehr Schaden verursacht als britische und französische Kräfte bis 1940 (!). Wir verloren 50.000 Mann, 697 Flugzeuge und 993 Panzer und Panzerfahrzeuge. In Polen gehen viele Zivilisten wie auch ehemalige polnische Soldaten in den Untergrund oder fliehen nach England oder Frankreich. In England wird eine polnische Exilregierung gegründet, mit Wladyslaw Sikorski als Premier. Anders als in anderen besetzten Staaten gab es keine polnischen Kollaborateure! Die polnische Armee – verteilt auf alle Fronten des Krieges – setzt uns weiterhin stark zu. Im Kampf um England erzielen die polnischen Flieger 12% aller deutschen Abschüsse, bei einem Verlust von gerade 33 eigenen Leuten. Bis Kriegsende flog die im Exil operierende polnische Luftwaffe 86.527 Missionen, verlor 1669 Männer und schoß 500 deutsche Flugzeuge und 190 V1-Raketen ab. Der polnischen Navy war es gelungen intakt zu fliehen (2 Kreuzer, 9 Zerstörer, 5 U-Boote); sie absolvierte 665 See-Missionen.
Wie gesagt, ich erkenne große Leistungen bei jedem Mann des Heeres an, auch wenn er mein Feind ist, vor den polnischen Kämpfern aber bin ich jederzeit bereit, meinen Hut zu ziehen, und fühle mich noch heute angesichts dieser Kampfesklraft an den alten Kampfessinn der Pruzzen gemahnt, die im frühen Mittelalter ebenso verbissen um ihre Heimat kämpften.
Nun aber weiter mit der vermoldtschen Chronik:
“Frau Kornfeld und Herr von Magdeburg betrachteten die Situation im Land mit wachsender Besorgnis. Wo vor wenigen Jahren noch die geeinten Ventrue über Kainiten und Kine wachten, da brannte Europa nun in Fehden und Blutkriegen – und auch ihre Heimstatt Berlin drohte unterzugehen, da Gustav Breidenstein wie sein abtrünniges Kind sich in blindem Haß aufeinander verzehrten und ihre Verpflichtungen dem Volk gegenüber vergaßen.
1943 traf der Tremere Canissîm Enkiem in Berlin ein und wurde zunächst Gustav Breidenstein, dann Wilhelm Waldburg vorstellig, der dem mächtigen Tremere gelobte, ihm einen Platz im Primogen zu verschaffen, sollte er wieder an die Macht kommen. Fest wie wir alle davon überzeugt, daß unsere Siegeschancen gut waren, war unser Herr von der drohenden Niederlage Deutschlands überrascht, und vermutete alles von Werwölfen über Magier und selbst Dämonen hinter dem Versagen der deutschen Expansion. Ein Faktor war sicherlich der Einfluß der waldburghörigen Nosferati-Schergen, die mit falsch weitergegebenen Anweisungen, Sabotage an Nachschub und ähnlichen unehrbaren Methoden der plötzlichen Wiedergewinnung von Macht in Gustavs Breidensteins Hand entgegenwirken wollten, was auch das Ziel der Aktivitäten der barbarischen (…) Gangrel Danielle Diron war, deren Akte der Zerstörung gegen die Machenschaften Hitlers sich von Berlin aus immer weiter Richtung der KZs ausdehnten. (…) Sie ebenso wie den verfehmte Ravnos Alexej bringt man auch mit der Rabenlegende in Verbindung, die davon berichtet, wie sich in einer dunklen Nacht hunderte Gefangene des Lagers Auschwitz in Raben verwandelten und wegflogen.”
Der folgende Text entstammt der Feder Albrecht von Magdeburgs, aus seinen Potsdamer Briefen, die dereinst in einem “Erklärungsversuch zum Zweiten Weltkrieg” zusammengefaßt werden sollten:
“Im Zweiten Weltkrieg entlud sich der gesamte Haß zwischen den Clanen, die im Schutze der menschlichen Greueltaten ihre offenen Kämpfe austrugen. Wollte Gustav die Zigeuner deshalb vernichten, weil die Ravnos Amerika in den Ersten Weltkrieg gehetzt hatten, wollten die Tremere die totale Auslöschung des Clanes Ravnos. Wollte Gustav die Juden aus dem Weg räumen, um sowohl Waldburgs Verbündete im Geldgeschäft zu beseitigen wie seiner eigenen Organisation schnell Geld zu verschaffen, hatten es die Toreador auf die Kunstwerke der Juden abgesehen. Und überdem versuchten die deutschen Ventrue, ihre Brüder in England zur Aufgabe zu bringen, wie diese, weiterhin den Einflüsterungen Wilhelms lauschend, zurückschlugen. Die Brujah in Rußland suchten die Expansion gen Westen, unterdessen die Toreador zu Frankreich wußten, daß Gustav ihnen keine Gnade gewähren würde, daß er den Mord an seinem Thronerben rächen würde. Es zerflossen die Fronten, und nur die Feuer der Inquisition mögen an das Chaos dieser Jahre heranreichen, in denen mehr und mehr Kainiten starben, unterdessen viele der Alten Europa gen Amerika verließen oder in Starre gingen und eine Generation von jungen Kainiten zurückließ, die in ihrem kurzen Leben nur Gewalt und Haß kennengelernt hatten – welches Vorbild hätten ihnen die Wege der Ahnen noch sein sollten, die Waldburg zu einem Zerrbild ihrer selbst verformt hatte? “
1950-1990
Nach dem Krieg
Mit dem Machtverlust Deutschlands kehren die Werwölfe nach Berlin zurück. Da die meisten Berliner Vampire im Bombenhagel umgekommen waren übernehmen sie – unterstützt von einigen Gangrel – die totale Kontrolle über den Grunewald. Die wenigen Vampire in Berlin haben der Gewalt der Werwölfe nichts entgegenzusetzen, einzig der ungebrochene Einsatz des Wolf von der Nachten und seiner auf den Kampf wider die Werwölfe speziell trainierten Kader vermögen das Schlimmste zu verhindern und der totalen Entvölkerung Berlins entgegenzuwirken – ein Umstand, der später von Wilgelm gerne verheimlicht wird.
Der Gangrel Daryl Lutz schafft Frieden zwischen Werwölfen und Vampiren mit dem Gesetz, daß kein Vampir bei Androhung der Todesstrafe den Grunewald betreten dürfe. Zeitgleich mit den Werwölfen kehrt auch Stephan nach Berlin zurück, hält sich aber vorerst im Verborgenen, wie uns eines der wenigen erhaltenen Stücke der Hevellerchronik der Neuzeit wissen läßt.
Breidensteins Regentschaft wird mit der Aufsplittung Berlins durch die Alliierten endgültig beendet. Berlin ist keine freie Stadt mehr, sondern steht unter der Kontrolle der Alliierten – allesamt Fremde, auf die weder Wilhelm noch Gustav nennenswerten Einfluß haben. In der großen Fehde gegeneinander haben sie beide alles verloren – haben den Einfluß des Clanes Ventrue um ihrer eigenen Fehde willen verspielt. Die Handlanger beider Prinzen finden in den Kriegsprozessen oder durch Flucht aus Berlin ihr Ende.
Am 16. Juni 1949 brechen die Brujah, die die Sowjetunion kontrollieren, mit ihren westlichen Verbündeten und errichten die Berliner Blockade. Deutschland und Berlin werden geteilt, und Gustav Breidenstein wird von Woleslav-Stephan angewiesen, nach Ostberlin überzusiedeln.
In der Ära Waldburg wurde oft die Geschichte erzählt, daß Gustav versucht habe, über die schwerbewachte Grenze in den Westteil zu gelangen, was ihm angeblich 100 Einschüsse in seinem Körper eingebracht hatte. Die Legende aus den Reihen des Waldburgschen erzählt weiter, daß jene Kugeln sicherlich zu seinem Tode geführt hätten, wäre er nicht durch das Einschreiten des Brujah Friedrich Kraus gerettet worden, worin der Bund zwischen Gustav und Brujah begründet läge.
Nun, wer das Wesen Gustavs kennt, der weiß, daß er jenen Fluchtversuch niemals unternommen hat. Jeder, der die Macht der Fortitude kennt, weiß, daß jene Geschichte eine Lüge sein muß, denn Kugeln vermochten das Leben Gustavs nicht zu bedrohen. Nicht Zwang oder Lebensschuld ist es, was Gustav und die Brujah verbindet, sondern die Erkenntnis in den Brujah und in Gustav, daß nun die Camarilla gerettet werden muß. In den Jahren, da die Ventrue ihren Blick für die Pflicht und die Ehre zunehmend verlieren, finden Gustav und die seinen Unterstützung im Gelehrten Clan der Brujah. Eine Unterstützung, aus der ein mächtiger Pakt erwachsen soll, gegen den der anarchistischen Söldlingshaufen um Waldburg nur ein Haufen Dreck war.
Am 30. November 1948 wird die Teilung Deutschlands offiziell, dank des Einflusses der Clane, die sich gegen die deutschen Ventrue verbündet haben. Die Brujah beschließen, ihrer Hälfte Deutschlands das Geschenk des Kommunismus zu geben, trotz scharfen Protestes seitens der Ventrue unter Wilhelm. Die Ventrue, zusammen mit den Tremere und den Toreador, verhindern gemeinsam die komplette Eroberung Deutschlands durch die Brujah, auch dadurch, daß Wilhelm einen totalen “Ausverkauf Deutschlands” betreibt und binnen weniger Jahre einer unüberschaubar riesigen Anzahl von Kainiten ungeheure Mengen an Gefallen schuldet, was seine spätere desolate und desorganisierte Politik erklärt. Die von den Brujah “geretteten” Gebiete jedenfalls erlangten so die Freiheit, sich auch weiterhin in ihren sinnlosen Fehden untereinander ergehen zu können.
Bestärkt durch die Macht, die nun zum ersten Male süß durch seine Adern rinnt, offenbart Waldburg bald sein wahres Gesicht: Canissîm Enkiem und anderen ehemaligen Verbündeten wird ihr Anspruch auf einen Platz im Primogen in Westberlin verwehrt, stattdessen werden auswärtige Kainiten im Gegenzug für geleistete Dienste aufgenommen. Canissîm Enkiem wird – offiziell aus moralischen Gründen – von Wilhelm aus Berlin verbannt und läßt sich alsbald im Schloß am Düsteren Teich an der Seite seines Herren Woleslav-Stephan in Potsdam nieder, auf Rache sinnend. Ein ähnliches Schicksal ereilt Michelle LaRoche, deren Club “LeSang” Waldburg mit einem Male unbequem geworden ist – auch wenn er ihr gnädigst den Aufenthalt in West-Berlin gestattet. Allerdings erfüllt sie die Schließung ihres Hurenhauses mit tiefem Groll gegen Wilhelm.
Zusammen mit dem Befehlshaber der Brujah Christoph Durier arbeitet Gustav indes an der Widererrichtung einer Kontrolle über die versprengten Kainiten. Engsten Kontakt zu den Brujah aber hat Albrecht von Magdeburg, dem Gustav ob dessen Verhandlungsgeschick und auf Woleslav-Stephans Anregung hin den Beinamen “Loki” gibt, wie er seinem Krieger gegen die Werwölfe Wolf von der Nachten den Beinamen “Fenris” gibt.
Das Vierte Reich
Für viele der jungen Kainiten, die in ihrem jungen Leben nur Haß und Gewalt kennengelernt haben und denen die edlen Wege der Ahnen fremd und angesichts des Krieges nur mehr eine Lüge der Älteren ist, ist die Teilung Deutschlands absolut indiskutabel. Voll Zorn und ohne Sinn und Ziel rotten sie sich zusammen und erschaffen so Autarkigruppen überall im Westen der Republik. Ein in jeder Hinsicht typischer Vertreter ihrer Reihen ist Dieter Kotlar. Erschaffen während des Zweiten Weltkrieges, ist er der Auffassung, daß Hitlers Ideen von einem “reinen” Deutschland zu wichtig sind, zuviel Wahrheit enthalten, um sie in Vergessenheit versinken zu lassen. Geboren aus dem Blut des Krieges brennt die Bestie heiß in ihm, und jede ideologische Parole ist ihm gerade recht, um eine wilde Jagd und freie Gewalt zu rechtfertigen. Er stellt seine Ideen des Vierten Reiches den anderen West-Berliner Vampiren vor, die ihn ob seiner Jugend und Dummheit auslachen – und nicht wenige fordern sogar seine Bestrafung für solcherlei wirre Ideen. Er entschuldigt sich jedoch offiziell und zieht sich zurück – insgeheim seine Pläne schmiedend. Mit dem Wachsen der Berliner Mauer wächst auch Kotlars Einfluß – zu viele Vampire waren während des Zweiten Weltkriegs erschaffen worden, und bald schon kommt in ihnen Unwillen gegenüber der neuen Situation, gegenüber der Herrschaft der Alliierten und deren Gehirnwäsche an den Deutschen auf. Kotlar verspricht, daß, wenn die Zeit reif sein sollte, die Prinzen fallen und ein neuer Führer ihren Platz einnehmen sollte.
Trotz Kotlars Stärke ist er jedoch nicht der einzige Quell anarchistischer Willkür und Gewalt in Westberlin: Konkurrenz gibt es durch den “Jagdclub”, einen chaotischen, diablerie-gierigen Haufen junger Vampire, sowie die Anarchen der ‘Schwarzen Rose’ unter Danielle Diron und Alexej, die im Gegenteil den faschistischen Tendenzen Kotlars wie auch der Menschen entgegenwirken wollten und in den 60ern/70ern die Studentenschaft Berlins gegen Krieg und Faschismus und den Kalten Krieg mobilisierten.
Der liberale Tyrann
Wie die Krämerseele, die er wahrhaftig schon immer war, herrscht Wilhelm nun mit laxer Hand über die Weststadt. Der süße Duft der Macht machte ihn träge, und lieber lädt er sich europäisches Publikum ein und läßt sich an der Seite der Toreador-Ahnin Antoinette beim Empfang huldigen und als Befreier feiern, als daß er die Schreie der Kainiten oder der Menschen in seiner Stadt beachtet hätte. Regiert überhaupt jemand in jenen Tagen seiner so vielgepriesenen neuen Ära so ist dies Peter Kleist, der mit aller Macht versucht, im dreigeteilten Westberlin mittels harten Polizeizugriffs die Ordnung und Masquerade aufrecht zu erhalten.
Die Brujah indes haben Pläne für Ost-Berlin und Ostdeutschland, und einer jener Pläne umfaßt den Prinzen von Berlin. Sie brauchen eine starke Führerpersönlichkeit an der Spitze, und finden die ideale Figur in Gustav, welcher Durier als Regenten 1959 ablöst. Waldburg sieht in diesem Zuge ein perfektes Mittel, die Ventrue weiter von Gustav zu entfernen – etwa indem er wiederholt behauptete, Gustav sei an den Clan der Brujah blutgebunden. Zusammen beginnen die Brujah und Gustav die Rückeroberung West-Berlins zu planen.
Im Westteil unterdessen übernimmt Wilhelm – durch seinen Bruder Peter Kleist und sein Childe Striebeck – schnell die Kontrolle der Stadt. Waldburg selbst verkriecht sich von 1945-1951 noch bei den Nosferati, da er – zu Recht – um sein Leben fürchtet, sollte Gustav ihn dereinst stellen.
Ebenfalls in dieser Zeit übernimmt Woleslav-Stephan endgültig die Macht in. Die Brujah unternehmen keine Schritte gegen Stephan, denn schnell macht ihnen Gustav Breidenstein klar, welche Konsequenzen ein Bruch des Toleranzediktes von 1600 für ihren neuen gemeinsamen Staat im Osten Deutschlands hätte – zudem in zahlreichen ostdeutschen Städten weiterhin Nachkommen der Heveller residieren.
Die Mauer
Der Waldburgsche lockert die Gesetze im Westteil unter den zahllosen Forderungen der Kainiten, bei denen er in hohen Schulden steht, zunehmend, und obgleich die Zahl der permanenten Vampir-Bewohner Berlins immer noch kontrolliert wird, förderte Wilhelm den Besuch durch verschiedene Vampire (vor allem der unabhängigen Clane wie der Assamiten, Giovanni und Ravnos, deren Dienste er bei seiner Machtübernahme überreich eingesetzt hatte), die er in der “freien” Stadthälfte willkommen heißt.
Nachdem 1961 in Ostberlin in Nachfolge zum “Provisoriumsrat” ein endgültiger Rat der Erstgeborenen eingerichtet wird, bei dem auch Thomas De Lutrius Mitglied ist, beginnen die Brujah bald mit dem Bau der Mauer. Im neuen Rat der Erstgeborenen ist einer der wenigen pro-gustavianischen Nosferati, Sergej Razhd, weiterhin Vertreter der Nosferati, neu dabei sind der Tremere Frederick Werther (aka Heinrich Himmler) und Edward Hyde für die Malkavianer. Nicht länger dabei ist Durier, der die Stadt Richtung Potsdam verläßt. Damit und mit der Abreise Vladovs nach Frankfurt/Oder sind Stephan Rutigar, Wolodja Kruzow und Simone Jaspard die einzigen verbliebenen Brujah im Rat der Erstgeborenen.
Die Mauer soll Übergriffen und Spionage der Nosferati und den Anschlägen der Assamiten auf Kainiten im Ostteil ein Ende setzen. Es gelingt den Nosferati aber, auch durch diese Barriere Schleichwege unter der Erde zu finden, und so findet dieser Clan in ganz Berlin bald eine weitaus breitere Akzeptanz als irgendwo sonst, sind doch beide Prinzen auf ihre Dienste als Spione angewiesen.
Schließlich ignorieren die Prinzen sich, unfähig, die andere Hälfte zu übernehmen. Und doch planen beide für den Tag der Entscheidung. In Potsdam unterdessen finden alle Vampire Schutz und Unterkunft, die aus Berlin vertrieben wurden oder der Stadt den Rücken kehrten.
1990-1993
Baba Yaga
1990 erwacht Baba Yaga, Kind von Nosferatu selbst, aus ihrem Tiefschlaf und vernichtet das Regime der Brujah im Osten. Schon während ihrer Starre spann sie ihr Netz, um ihr Wiedererstarken zu sichern. Der Schock war gigantisch für alle Vampire der Welt. Die Nosferati ihrerseits fütterten Gustav gezielt mit falschen Informationen und sorgten durch ihren Einfluß auf die Menschen für das Feuer der deutschen Revolution gegen die Gewaltherrschaft im Osten. Bestrebt, herauszufinden, was eigentlich los ist, erlaubte Gustav die Öffnung der Grenzen und die Demontage der Mauer. Die Brujah verschwanden, einige fliehend, andere ihren Genossen in Moskau zu Hilfe eilend (und nie wiederkehrend). Ohne Unterstützung der Brujah stand nunmehr Gustav relativ verloren da, konnte nun allerdings wieder an seine eigene Politik anknüpfen und ohne den Ballast von endlosen Sitzungen und Abstimmungen in kürzester Zeit auch harte Entscheidungen treffen. Viele Vampire in Deutschland hatten ihn schon fast vergessen, aber für die Westberliner Vampire stellte sein Wiedererstarken eine ungeheure Bedrohung dar. Die beiden Prinzen haßten sich, und keiner würde auch nur einen Schritt zurückweichen – und sowohl Kleist wie Kornfeld sahen der direkten Konfrontation mit Grauen entgegen.
Stornbeck, Laudrance & das Buch des Teufels
1991 erwacht Stornbeck, Childe des Woleslav-Stephan und einer der Hauptakteure im Zweiten Weltkrieg auf Seiten Gustavs, aus seinem Topor und sieht ein Berlin, das ihm fremd ist. Zugleich erkennt er das gewaltige Potential, das Berlin bietet, endlich sieht er seine Stunde gekommen. Sofort schließt er sich dem Kreis Potsdamer Kainiten unter seinem Sire an, bestrebt, sich selbst zum Prinzen zu machen. In Berlin indes nimmt die Kritik an Waldburg zu. In der Westhälfte eskaliert die Gewalt unter den Kainiten, und angelockt durch offene Gesetze reisen ständig neue Kainiten zu. Auch in den Folgejahren kann Gustav stets für sich in Anspruch nehmen, daß der Osten der Stadt trotz Wegfall der Mauer sicher und ruhig ist, unterdessen Kainiten ohne Vorstellung bei Waldburg frei in der Westdomäne Umtrieb halten – unter ihnen auch Giovanni, Ravnos, Setiten und Sabbat-Kainiten.
1992 erwacht ein machtvoller Vampir aus dem Torpor in der Nähe von Glindow, wird aber auf Geheiß Stephans, der eine Gefährdung der Masquerade oder eine Verbündung dieses Vampirs mit einem der Prinzen befürchtet, zurück in den Topor geschickt. Er ruht jetzt in den Tiefen des Kellers von Sanssouci. Alle Kainiten, die sein Erwachen erlebten, wurden mittlerweile beseitigt, Stephan darselbst liegt in Starre, so daß alleine eine Angst zurückbleibt, was passieren könnte, wenn der Schläfer dereinst erwacht.
Auch die folgenden Jahre in Berlin sind stets gekennzeichnet von plötzlich sich aus dem Schutt und der Asche des Berliner Untergrundes erhebenden Kainiten, die in den zahllosen Bombardements oder den sich anschließenden Straßenschlachten in Starre getrieben wurden. Berlin hat ein reichhaltiges Feld in Starre ruhender Kainiten unter sich begraben, und es steht zu erwarten, daß sich auch in Zukunft noch so mancher verschollene oder verstorben geglaubte Kainit aus der Starre erhebt und das moderne Berlin erblicken muß.
1993 wird ein mächtiges magisches Buch, das legendäre “Buch des Teufels”, aus der Nikolaikirche gestohlen, wo es dereinst festgekettet wurde. Im Zuge der Suche nach diesem Buch entstehen erste Reibereien zwischen Ravnos und Tremere, nachdem der Elder der Ravnos Alexej behauptet, Canissim hätte das Buch an sich genommen. Gefunden von einem Ventrue (von Steinau), wird das Buch Wilhelm Waldburg überstellt, der sich mit heftigen Forderungen der Tremere nach der Übergabe konfrontiert sieht.
1994
Vladimir erscheint
1994 eröffnet Vladimir – sich als Nosferatu-Elder und einstigen Knappen des Königs Barbarossa ausgebend und geschützt durch seine gewaltigen Obfuscate-Kräfte – allen Vampiren der Stadt seine Präsenz in Berlin, was zu starken Unruhen führt – vor allem bei Gustav, der Vladimir sofort als die “feindliche” Präsenz erkennt, die ihn in vergangenen Jahrhunderten schon mehrfach heimgesucht hat. Berlin leidet indes unter dem Krieg, denn mit zwei Prinzen hat es auch zwei Primogene, und zwei Bevölkerungen von Vampiren, die völlige verschiedene Lebensstile ihr eigen nennen.
Die neue Saat des Krieges
Für Aufruhr im März 1994 sorgt der Angriff von 3 Tremere auf den Gangrel Jaalan, eine Ventrue namens Rose und den Ravnos-Elder Alexej. Während des folgenden Kampfes unmittelbar vor dem Arcanoa, einer heruntergekommenen Anarchen-Kneipe im berüchtigten SO36, wird die Masquerade aufs Schwerste gebrochen. Die Tremere machen sich sogleich daran, diesen “Verrat” ihrer Clanbrüder aufzudecken, und entlarven den bei diesem Vorfall verstorbenen angeblichen Tremere “Oppenheimer” als Tzimisce, als Kainiten des Sabbat. Der Ravnos Alexej spielt hernach des öfteren darauf an, daß dies eine infame Lüge der Tremere sei, mit der sie ihr Ansehen retten wollten.
Im folgenden Monat besucht der Elder der Ventrue Nep-Che-Peru-Ra mit seinem Childe Laudine Berlin. In der Nähe des sogenannten V.E.B. bei Kladow werden beide von mehreren Kainiten angegriffen, entkommen jedoch wie durch ein Wunder. Der Gangrel Wolf, der es im Verlauf der Jahrhunderte durch eiserne Loyalität zu enormen Ansehen in der Camarilla gebracht hat und den man zuweilen sogar das ‘Schwert’ derselben nennt, beeilt sich, diese Tat, an der auch er beteiligt war, schnellstens aufzuklären. Seine Vermutungen über den Grund des Angriffes aber – obwohl gestützt durch immer stärker werdende merkwürdige Vorkommnisse wie Rattenplagen, Morde etc. in dieser Gegend – nämlich eine “Dunkle Präsenz” als Auslöser des Angriffs, stoßen bei allen drei Prinzen auf taube Ohren. Niemand fühlt sich zuständig für das am Rand Berlins gelegene Gebäude.
Obgleich Nep-Che-Peru-Ra seither nicht mehr in Berlin weilt, sind doch alle außer einem der Beteiligten jenes Angriffs (Wolf) auf scheinbar zusammenhangslose Art und Weise verstorben – insgesamt 8 Kainiten. Außerdem verstarb in jenem Monat der Setite Jonny Cash, auch er Beteiligter jenes V.E.B.-Anschlags. Seither befürchtet Prinz Wilhelm einen Vergeltungsschlag der für ihre Subtilität und Heimtücke legendären Setiten.
In jenem Monat findet auch zum ersten Male ein DANSE MACABRE unter Prinz Wilhelm Waldburg statt. Dies ist eine eher lokal gebräuchliche Form einer Einladung des Prinzen vor allem an die jüngeren Kainiten der Stadt zum gegenseitigen Kennenlernen, zum Vorführen von Kunstwerken oder Vortragen von Poemen und Liedern sowie – nicht zuletzt – um Recht zu sprechen und Gerüchten auf den Grund zu gehen.
Mit der Schließung des Arcanoa im Juni entstehen starke Spannungen zwischen den linksgerichteten Anarchen der Westhälfte Berlins (der Schwarzen Rose) und Prinz Wilhelm, da der Besitzer jenes Etablissements der Toreador Vincent ist, der ebenfalls zur Schwarzen Rose gehört. Die Schwarze Rose stellt an den Prinzen ein Ultimatum, eine beispiellose Unverfrorenheit, die lediglich durch das Nachgeben des Waldburg noch übertroffen wird. Zur Entschädigung für die Schließung dieses Herdes an Masqueradebrüchen nimmt er sogar den Anarchen Vincent ins Primogen.
Neben der Schließung des Arcanoas häufen sich im Juni und Juli diverse Anschläge gegen den Clan der Toreador, von Bombenanschlägen auf Ausstellungen bis hin zu Mord. Die Toreador reagieren sehr aufgebracht, und die Intervention von Paris hängt gleich Damokles’ Schwert über der Stadt. Hierin mochten manche vielleicht eine (schwache) Entschuldigung für Wilhelm Waldburgs Verhalten sehen, aber mit der Nachsicht der Camarilla für die an Absurdität grenzende Regierung Waldburgs ist es im August vorbei: Detonationen zerstören ein Gebäude der FU und eine Villa in Dahlem vollständig. Nahezu in Panik wird nach den Schuldigen gesucht, die endlich im September auf Befehl Waldburgs gefaßt und vernichtet werden. Doch nach dieser Hexenjagd bleiben Zweifel, ob die Verurteilten wirklich die Urheber des Terroranschlages waren. Zu schnell, zu glatt und hinter verschlossenen Türen fanden Gericht und Exekution statt, und zu häufig schon waren es plötzlich ‘Baali’ oder ‘Sabbat-Kainiten’, die sich hinter ehrenhaften Camarilla-Kainiten verbargen. Eine Ahnung streift die Stadt, wie tief das Intrigenwerk der Prinzen reicht, wie schmutzig der Krieg um den Thron wahrhaftig geführt wird.
Stärke zeigen
Im September findet ein DANSE MACABRE des Gustav Breidenstein statt, den er primär zur uneingeschränkten Demonstration von Härte und Autorität benutzt – Eigenschaften, die insbesondere nach den Vorkommnissen der letzten Monate sehr hoch im Kurs stehen. Provoziert durch Beleidigungen eines britischen Abgeordneten kommt es zum Duell ‘mit allen Waffen, die Kain uns gab’. Nachdem er dem Abgeordneten befiehlt, still zu stehen, trennt Gustav mit einem Hieb dessen Kopf von den Schultern. Dieser Akt indes gibt Waldburg Gelegenheit, politisches Geschick zu beweisen, indem er nach Großbritannien reist, um den Zorn des Königshauses zu beschwichtigen, was ihm dank seiner engen Verflechtungen zu seinen Komplizen von der Insel nicht schwerfällt.
Merkwürdige Umstände umranken auch den Tod des Ahnen der Brujah Rafferty in jenem Monat. Nachdem er seine Geliebte vernichtet, wird er in einem Gewitter von Kugeln aus den Waffen der anderen Kainiten niedergestreckt und hernach von einem weiteren Ahn der Brujah, dem Polen Vlad von Stolzenfels, vernichtet.
Ein Ventrue namens Nekron Kabalek ruft im November im Namen des Gustav zur Gerichtsverhandlung, die jäh durch das Auftauchen von gut einem Dutzend Werwölfen unterbrochen wird, die die sofortige Auslieferung des Ventrues Kabalek fordern. Hinsichtlich des Vorwurfs der wutentbrannten Wölfe, Kabalek habe Giftmüll in den Grunewald geschafft, gibt der unter Justicar Karl Schrekt dienende Archon Tylerius ihnen den “Benefit of the doubt”: Kabalek stirbt. Jenes dubiose Urteil des Archons sorgt in den Folgemonaten für scharfe Kritik und überregionale Repressalien gegen die Tremere, die einen hochrangigen Kainiten der Jurisdiktion der Werkreaturen ausgeliefert haben. Der verantwortliche Archon wurde seither nur noch sehr selten im Raum Deutschland gesehen.
Im Dezember sieht sich die Schwarze Rose durch das plötzliche Verschwinden ihrer Rädelsführerin Danielle Diron schwer in die Enge getrieben. Unter der wilden Behauptung, der Sabbat sei für diesen und andere Übergriffe verantwortlich, verbreitet die Schwarze Rose Chaos und Zerstörung.
1995
Das Triumvirat
Das neue Jahr 1995 bringt eine wahre Flut von Ansprachen der Elder. Wilde Gerüchte machen die Runde, daß noch in diesem Jahr eine Conclave über Wohl und Weh der Stadt entscheiden soll. Die Ventrue ihrerseits versuchen nunmehr um jeden Preis, Ruhe in die Stadt zu bringen. Andere Fraktionen versuchen dies zu sabotieren, allen voran die vermehrt aus westlichen Gebieten – auch den USA – angereisten Brujah, die bestrebt sind, alte Pfründe innerhalb der Stadt wieder unter ihre Kontrolle zu bekommen. Als Reaktion auf Terror der Brujah erlassen die Ventrue einen Stapel von “Blutgesetzen”, welche die Verfügbarkeit von Blut durch Einschränkung der Jagdrechte stark vermindern. Zugleich kaufen die Ventrue alles Blut der freischaffenden Bluthändler, der Krankenhäuser sowie der Giovanni auf, bestrebt, ein Monopol zu errichten. Solche Bestrebungen stoßen auf heftigen Protest der Kainiten.
Die verschiedenen oppositionellen Fraktionen werden auf dem Münchner Schwarz-Weiß-Ball unter der Hand Gustav Breidensteins vereinigt, als die Berliner Kainiten sich von Gastgebern wie anderen Gästen verraten sehen und Horden des Sabbat über das Fest herfallen. Besonders der Prinz zu Frankfurt, von Karben vom Clan der Toreador, zieht sich durch seine Anschuldigungen gegen einen Berliner Brujah die Feindschaft Gustav Breidensteins zu. Ähnliches gilt für die Herrscher zu München, denen Gustav Schwäche, Uninformiertheit und Inkompetenz anlastet. Zurück in Berlin verhärten sich die Fronten im Westen zusehends. Die Brujah rotten sich häufiger zu Rants zusammen, unterdessen die Prinzen immer wieder durch Kenntnisse dieser Treffen überraschen. Gerüchte machen die Runde, die Berliner Prinzen wollen sich zu einem Triumvirat zusammenschließen. Solche Bestrebungen scheinen gerechtfertigt, da der Tod eines wenig bekannten Kainiten (Barracuda) auf einer Brujah-Party für einen der schwersten Masquerade-Brüche der Nachkriegszeit sorgt. Ein Schrei, ausgestoßen von einer “Geister-Frau”, die Barracudas Leiche entsteigt, läßt in 300m Umkreis Glas zerspringen und Menschen wie Kainiten wie Pflanzen äußerlich altern. Der Bruch der Masquerade kann zwar größtenteils behoben werden, doch neben der Camarilla beginnen sich nun auch die Werwölfe zunehmend für die Belange der Kainiten zu interessieren, was bereits im April des Jahres ’95 zu einigen Toden führt, allen voran der des Arthur Mortlake, eines Gesandten des britischen Königshauses.
Nach dem Dahinscheiden des Maverick durch die Klinge Breidensteins ist dies der zweite Botschafter, der sein Leben läßt – ein Dritter, Sir Richard Stone, erreicht die Stadt noch im April, Forderungen der Auslieferung des Mörders aussprechend. Darum bemüht, die Lage zu befrieden, verkünden die Ventrue die freie Vergabe von Blut an alle Bedürftigen, unterdessen das neugegründete Triumvirat strikte Regelungen der Einwohnerzahl in Berlin einleitet. Zusätzlich belastet wird die Situation in der Stadt durch wiederholte Übergriffe – “Scherze” – der Malkavianer.
Die zweite Reichskristallnacht
Der 1. Mai 1995 sieht das Ende der rechtsextremen Anarchengruppierung des Vierten Reiches, als schemenhafte Gestalten über Kotlar und Geiger herfallen und sie vernichten. Die Führungsriege des Reiches war im SO36 (Kreuzberg) unterwegs, wissend, daß die Anarchen der Rose in Straßenkämpfe ungeahnten Ausmaßes in Katarina Kornfelds Bezirk ‘Prenzlauer Berg’ verstrickt sind. Amenophis, in Berlin-Mitte residierender Ahn der Setiten, bekennt sich zu dem Anschlag, obgleich die Kainiten von einer Involvierung der Rose ausgehen. Dieses Geständnis des Amenophis ist vielen vor allem hinsichtlich der offenbar engen Verbindung von Rose und dem Setiten-Diener Vladimir ein weiteres Indiz für eine spekulative “Unheilige Allianz”. Nach Kotlars Tod übernimmt ein Kainit namens ‘Time’ die Führung des Reiches, wendet sich aber deutlich von Gewalt und Rassenhetze ab, benennt das Vierte Reich sogar in ‘Das Schwarze Netz’ um. Nach einem Jahr des Operierens im Verborgenen muß das Schwarze Netz schließlich aufgeben – der intelektuelle Ansatz scheitert kläglich, Time verschwindet von der Bildfläche. Ebenfalls im Mai werden zum ersten Male Wohnrechte verkündet, die nur einem elitären Kreise die Residenz in Berlin gestatten.
Ordnung um jeden Preis
Langsam beginnt Berlin sich zu wandeln. Unter der Herrschaft des Triumvirates werden die Truppen der “Order”, einer Art Polizei aus Ghulen und Kainiten unter Führung von Albrecht von Magdeburg in Anzahl und Kompetenzen bestärkt. Als übertrieben geltende Gerüchte sprechen anfangs von 100, später sogar von 1.000 Ghulen und 50 Childern des Gustav. Bei jedem Zusammentreffen stehen die Ghule der Order mit Scharfschützengewehren bereit, Masqueradebrüche um jeden Preis zu verhindern. Gekleidet in schwarze Uniformen, erinnern die Order-Ghule viele Kainiten an die Zeiten der SS – besonders, natürlich, die Anarchen der Rose, die sich gewalttätige Scharmützel mit den Ordnungshütern liefert, dabei aber nur selten Erfolge erzielen können.
In Berlin inzwischen macht die Sorge um nächtliche Blutriten einer Kainitensekte in Lübars die Runde, die die Tremere nach einem gescheiterten Versuch weiterhin bestrebt sind zu verhindern. Doch anfänglicher Enthusiasmus und Vertrauen in die Kräfte der Tremere verschwinden im Laufe der Zeit, und obgleich die Tremere wiederholt die Bereitschaft bekunden, Lübars mit anderen Kainiten zusammen zu stürmen, geschieht nichts. Besonders das Childe Tylerius Veltyens, Andrew Redburn, versucht wiederholt, Prinz Waldburg zum Einschreiten zu bewegen, doch dieser vermag die Angelegenheit nicht im Triumvirat zur Entscheidung kommen zu lassen – wichtigere Dinge sorgen für eine stetige Vertagung des Punktes.
Verstärkte Aktivitäten des Sabbat in der Gestalt einiger Lasombra, Gerüchte einer Sabbat-Involvierung des Lasombra antitribu und Schwarze-Rose-Mitgliedes Vortex und eine neugegründete Anarchengruppe (The Edge) liefern den Prinzen im Juli 1995 hinreichenden Anlaß, die Order weiterhin zu bestärken und eine zusätzliche “Geheimpolizei” zu gründen.
Im August zeigt sich die neue Führung Berlins. Bei einem Treffen im Schiller-Park, bei dem camarillaoppositionelle Kräfte Unruhe verbreiten, schlägt die geballte Macht der Order zu: Mit MGs bewaffnet stürmen Order-Ghule das Areal, das den ganzen Abend schon mit Infrarot-Kameras beobachtet worden war. Kainiten ohne bekannte Aufenthaltsgenehmigung werden ohne Diskussion gepfählt und zum Prinzen Waldburg, in dessen Domäne der Park liegt, geschafft, der in dieser einen Nacht ohne Verhandlungen 4 Blutjagden ausruft.
Projekt Reichsschlaf
Seit der Verkündung der Wohn- und Gastrechte im Mai gehört auch der Elder der Setiten Amenophis zu den Fakten des Lebens in Berlin. Aus Angst vor der Rache der Setiten hatte er auf Drängen Waldburgs hin Gastrecht erhalten und schritt bei edleren Zusammenkünften stolz zwischen den Kainiten. English sprechend, trat er als Gentleman auf, die bleichen Hände in Handschuhen aus schwarzem Leder verborgen, keinen Ärger machend, leichte Konversation betreibend. Man ignorierte ihn, ging ihm aus dem Weg. Doch im September mußten die berliner Kainiten erkennen, welch entsetzlicher Fehler ihnen mit der Ignorierung der Schlange unterlaufen war. Der ‘offizielle Gast’ war im Frühjahr in den Dienst Gustav Breidensteins getreten, in dessen Auftrag er ein Projekt, ‘Reichsschlaf’ genannt, in Bewegung setzen sollte.
Das Projekt sah vor, eine alchimistische Droge über das Wassernetz in Berlin zu verbreiten, auf daß die uneingewihten Kainiten durch das Blut der Menschen der Westhälfte ihre ungehemmten und schon an Wahnsinn grenzenden gewalttätigen Aggressionen verlieren sollten. Bei einer öffentlichen Befragung im Sommer 1997 durch Waldburg gestand von Magdeburg, “wie alle ostberliner Ahnen” von dem Projekt gewußt zu haben, trotz eigener Bedenken aber “Befehle ausgeführt” zu haben – ein Prinzp der Loyalität, das Waldburg sicherlich unbekannt sei.
Unterdessen man im Osten der Stadt nicht begreifen wollte, was solcher Unternehmung vorzuwerfen sei – immerhin sei Amenophis ja dank Waldburg mit Gastrecht ein respektierter Ahnen wie jeder andere Ahn mit zweifelhaftem Rufe auch, den Waldburg an seinem Hofe hält – wie etwa den bekennenden Anarchen Alexej – ereifert man sich nach Bekanntwerden des Vertrages zwischen Ventrue und Setiten im Westen in Zorn und Entsetzen, das besonders von den Anarchen der Schwarzen Rose geschürt wird.
Amenophis indes, der die Entrüstung der WestKainiten mit spöttischem Lächeln angesichts der offenkundigen Falschheit derselben bedenkt, überstellt Wilhelm Waldburg ein ‘Geschenk’, für das er sich freien Abzug nach Kairo ausbittet – was ihm in guter Waldburgscher Tradition bei aller öffentlichen moralischen Entrüstung natürlich gewährt wird. Und dennoch: Auch nach seiner Abreise hält eine unheimliche Stimmung in der Stadt Einzug. Merkwürdige Träume von Zerstörung und Tod plagen die Kainiten, und immer wieder taucht ein schakalartiger schwarzer Wolf wie ein Unheilsbote an der Peripherie von Kainiten-Treffen auf.
Wie eine Krähe den Sturm ankündigt, taucht im Oktober der ‘Rabe’ Alexej wieder in Berlin auf. Seinen vermeintlichen Tod bestreitend, mischt er sich unter das Volk und beunruhigt die Anwesenden mit Weissagungen aus Händen, Karten und Kristallkugeln. Die Tremere bedrängen ihn mit Fragen um den Verbleib des ‘Buchs des Teufels’, welches damals in Vladimirs Obhut gegeben worden war, Gerüchten zufolge aber von Alexej gestohlen worden war. Alle ungläubigen Blicke, alle Fragen bedenkt der Elder der Ravnos mit dem ihm eigenen Lächeln. Und schweigt.
Der Schwarze Krieg
Im November verschärfen sich die Konflikte zwischen Order und Schwarzer Rose, und auch Waldburg strebt nun darum, eine eigene, vom Triumvirat unabhängige Streitmacht aufzubauen, die aber durch seine mangelnde Erfahrung mehr das Aussehen eines dahergelaufenen Söldnerhaufens annimmt.
Hinter den Blicken des Triumvirates baut er seine eigenen Streitkräfte auf, Gerüchten zufolge aus Renegaten (durch Tod ihres Sires herrenlos gewordene Ghule) und Ghulen der Giovanni, die seit Jahrhunderten wegen dem Deutschen Dom, ihrer Familiengruft in Berlin, ernste Konflikte mit Gustav Breidenstein haben. In einem offenen Brief meldet sich dann völlig überraschend der sonst stets schweigsame Nosferatu-Elder Nikolai Schrottkoff zu Wort und warnt eindringlich vor den dunklen Wolken, die auf Berlin zukommen.
Die Nachrichten aus der Stadt werden immer verworrener. Schwarze Wölfe halten nun gleichfalls in Lübars Blutriten ab, die vom Anti-Werwolf-Kommando der Order zerschlagen werden. Mit Gift rückt man den Lupinen zuleibe, verbrennt das Areal, vergiftet alles, und dennoch ziehen sich die schwarzbepelzten Wermonster erst nach Vollendung des Ritus zurück. Bei einem Treffen sehen sich die Kainiten mit einem Ghul des Anti-Werwolf-Kommandos konfrontiert, der sich im Laufe des Abends selbst als Werwolf herausstellt. Die Gangrel geraten aufgrund dieser Erkenntnis in Panik. Im Gefolge des Amenophis, in den fast vergessenen Gerüchten über die Kainiten von Lübars haben andere Kräfte als die der Kainiten die Macht übernommen.
Verzweifelt ob des bösen Einfluß, den der Setite Amenophis auf Gustav hat, wendet sich Katarina Kornfeld in ihrer Not an Peter Kleist, den sie beschwört, ihr dabei behilflich zu sein, die magisch hervorgerufene Korruptheit ihres Sires zu brechen. Gemeinsam entwickeln sie den Plan, Gustav zu pfählen, bis Amenophis vernichtet ist und Albrecht von Magdeburg ein Ritual entwickelt hat, den Einfluß des Setiten auf den Prinzen der Oststadt zu brechen.
Nachdem ein Helikopter, der den Ventrue Gabriel Mies, Leiter der Order-West, sowie den Giovanni Nino an Bord hatte, im Dezember im Grunewaldsee zerschellt, rufen die Werwölfe zum Krieg. In dieser kritischen Phase, da das Kriegsheulen der Werwölfe über der Stadt hängt, tut Waldburg etwas, was ihm später auch überregional und auf dem folgenden Ventrue-Domänentreffen als schwerer Fehler vorgeworfen wird:
Bei einer Anhörung betreffs der kritischen Lage reizt er durch Widerworte, durch Andeutungen und zuletzt durch den Ausspruch einer Einladung gegenüber dem Gangrel Dancer, auf den kurz zuvor seitens Gustav die Blutjagd ausgerufen wurde, seinen Sire so lange, bis dieser aus Protest den Saal verläßt. Woleslav-Stephan, der bis zuletzt den Fortbestand des Triumvirates erhalten will, verurteilt das Verhalten Waldburgs schwer. Auch er verläßt die Versammlung. Nur Wilhelm alleine mochte die Gründe für diesen Akt am Beginn eines Krieges verstehen. Er rief umgehend ein Übergangs-Primogen aus, noch ehe das Ende des Triumvirates offiziell bestätigt worden war – eine weitere Tat, die Stephans und Gustavs Groll erregte.
Ausgelöst durch die Entzweiung des Triumvirates sieht nun auch der Sabbat die Stunde seines Angriffs gekommen. Sabbatrudel rennen durch die Straßen und verbreiten Chaos und Zerstörung. Entsetzliche Riten werden abgehalten, angesehene Camarilla-Kainiten langsam zu Tode gefoltert. Nichole, Vertraute Waldburgs, wird an ihren Sessel genagelt aufgefunden, Vroenik angebunden an Autos gevierteilt, nachdem er dem Tod seiner engsten Vertrauten und Künstlerfreunde beiwohnen mußte. Inzwischen umkämpfen die Werwölfe das vom AWK gesicherte Gelände in Lübars. Dann konzentriert der Sabbat seine Terrorakte gegen die Gildenhäuser der Tremere, die nacheinander alle vernichtet werden – zuerst Potsdam, dann Ostberlin, dann Westberlin.
Westberlin wird von einem Prinzen regiert, der auf der Flucht ist. Wie viele andere Kainiten kommt er im Schloß Sanssouci in Potsdam bei Prinz Woleslav-Stephan unter, unterdessen in den Banden seiner Stadt seine Untertanen sterben. Im Zentrum Berlins, am Gendarmenmarkt, wütet ein entsetzlicher Kampf verschiedener Fraktionen. Giovanni gegen Ost-Order, West-Order gegen Ost-Order, Schwarze Rose gegen Ost-Order, Schwarze Rose gegen Giovanni – und eine weitere Fraktion gegen die Giovanni, deren Zugehörigkeit nie geklärt werden konnte.
In der Schlacht um den Platz, an dessen Rand das Presse- und Informationszentrum angesiedelt ist, brechen die Fronten bald völlig auseinander. Die Masquerade wird von von den Anarchen und den Giovanni aufs Schwerste gebrochen. Granaten und dunkle Gestalten fliegen umher, Feuersbrünste toben rund um den Platz, aufgebrachte Punks stürzen Polizeiwagen um, Militärlaster rasen durch die Straßen des weithin abgeriegelten Areals. Am Ende der Nacht sind zahllose Personen tot.
Verstorben auch Gustav Breidenstein, der von seinem Childe Kornfeld durch einen geheimen Tunnel in vermeintliche Sicherheit geführt wird. Nach ihrem Plan soll Kleist im Tunnel mit einem Pflock warten, um Gustav vor sich selbst zu schützen – doch Peter Kleist hintergeht seine Schwester und fetzt mit den geraubten Kräften eines Gangrel, den er diableriert hatte, dem einstigen Prinzen Deutschlands den Kopf von den Schultern – später versucht Waldburg dann den ganzen Vorfall inklusive dem Mord am rechtmäßigen Berliner Prinzen den Giovanni in die Schuhe zu schieben.
Nach dieser Schlacht, die zweifelsohne den Höhepunkt des Krieges darstellte, kehrt schon in der dritten Kriegswoche Ruhe ein. Einzig die Werwölfe erleben ihre große Schlacht erst jetzt, doch über den Ausgang ist nichts bekannt. Die Gangrel berichten, daß in der zweiten Kriegswoche der ganze Grunewald von ungezählten Werwölfen erfüllt war. Ja, selbst jeder Strauch, jeder Baum, jede Wurzel schien vor Kraft nur so zu strotzen. Aber mit dem Ende des Krieges, mit dem Ende der Schlacht um Lübars, schwand jedes Leben aus dem Grunewald.
Nach Kriegsende, nachdem sich die Elder aus ihren Schlupfwinkeln herauswagen, feiert Wilhelm Waldburg ‘seinen’ Sieg über Gustav Breidenstein. Das Triumvirat – auf Ostseite vertreten durch Katarina Kornfeld – tritt erneut zusammen, um seine Auflösung zu beschließen. Eine Wahl soll über das Wohl der Stadt erscheinen, eine ‘kleine’ Conclave statt einer von Justicar Karl Schrekt ausgerufenen großen, die nach diesem Krieg nicht mehr zu verhindern gewesen wäre. Die Wahl kann Wilhelm Waldburg klar mit 5 Clanstimmen gegen eine für Christoph Durier und null für das Paar Kleist-Kornfeld entscheiden. Die Nosferati, die sich während des Krieges im Streit um die Clanhaltung betreffs Baba Yaga beinahe gegenseitig ausgelöscht haben (Insider sprechen von mehr als 30 toten Nosaferati, darunter Humboldt), enthielten sich.
1996
Das verlorene Jahr
Die ersten 7 Monate des Jahres 1996 sind in Berlin eine Zeit der Regeneration. Schockiert ob der Ausmaße des Krieges versammeln sich die Kainiten in kleinen Gruppen und versuchen zu ergründen, wie es zu dieser Eskalation hatte kommen können. Verschiedene Ahnen wenden sich mahnend an die jüngeren Kainiten und warnen eindringlich vor der ständigen Gefahr durch externe Kräfte und verborgene Feinde, vor der nur die Einheit und das Engagement der Camarilla und eines jeden Mitgliedes Schutz bieten kann.
Unterdessen stellen die Kainiten fest, daß die Werwölfe aus Berlin verschwunden sind. Der Grunewald liegt still und tot da, und der ein oder andere mutige Kainiten kann nachts beim Flanieren durch das einstige Reich der Werwölfe gesehen werden. Nach Ende des Krieges macht der immer noch in seiner Ehre verletzte Prinz Stephan umfangreiche Forderungen gegen Berlin geltend, denen Wilhelm Waldburg ausnahmslos entspricht: Spandau, Zehlendorf und das Areal des Grunewaldes fallen der Domäne Stephans zu, der sich in der Folgezeit von Waldburg distanziert, da er ihn als einen “unehrenhaften, wortbrüchigen Schandfleck” betrachtet.
Waldburg, nunmehr zum ersten Male in alleiniger Kontrolle der Stadt, scheitert in seiner Politik am Desinteresse der jüngeren Kainiten und dem Egoismus der älteren Kainiten. Offenbar betrachtet niemand den “Prinz der Einheit” als Dauerregenten, und der Schwarze Krieg hat den Kindern der Stadt die Lektion eingebrannt, sich alleine um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern. So sind Primogenstreffen meist stark unterbesetzt, und die Funktion der Bezirksregenten bleibt bestenfalls auf dem Papier erkenntlich. Umgekehrt gerät die schwarze Rose nach Vernichtung aller proklamierten Feinde (Viertes Reich, Kotlar, Gustav) in eine Identitätskrise, die die Mitglieder der Autarkigruppe in alle Winde zerstreut, unterdessen Danielle Diron ihren Platz im Primogen einnimmt.
So hoch die Erwartungen an das neue System auch sind, so enttäuschend stellt sich die “neue Ära” unter Waldburg tatsächlich dar. In der Ära nach dem Schwarzen Krieg zerfällt das politische Geschehen der Stadt zusehends, bis allmählich ein Stadium totaler Handlungsunfähigkeit eintritt. Es darf als Segen erachtet werden, daß der Sabbat diese Schwäche in Berlin nicht auszunutzen wußte, da er anderenorts in Europa zu stark beschäftigt war. Nach der gescheiterten Wahl des Paares Kornfeld/Kleist zieht sich Katarina Kornfeld ganz nach Sanssouci zurück, einzig begleitet von ihrem Kind Albrecht von Magdeburg und meiner eigenen Person. Peter Kleist indes sieht sich der Anklage gegenüber, seinen Sire Gustav getötet zu haben, und nach einem ganz offensichtlich fingierten Duell mit Wilhelm Waldburg stößt dieser Peter Kleist aus dem Clan Ventrue aus.
Tote Bäume
Nachdem bereits im letzten Jahr um Halloween herum merkwürdige magische Phänomene beobachtet wurden, kündigt der Beginn dieses Herbstes erneut von dem, was ein Jahr zuvor als “Der Schwarze Wind” bezeichnet wurde: Im Grunewald breitet sich eine “Baum-Pest” aus, die mit wahren Heerscharen von Ratten einhergeht. Die wenigen Werwölfe, die noch in der Stadt existent sind, greifen in blindem Haß die Kainiten an und beschuldigen sie, hinter der Baumkrankheit zu stecken. Da Halloween naht, ist in den Straßen ein unnatürlicher Verfall zu sehen. Erneut warnt der Nosferatu-Elder Schrottkoff eindringlich vor dem “Schwarzen Wind”.
In dieser Zeit der Unruhe kehrt Amenophis nach Berlin zurück, um “Geschäfte abzuwickeln”, während Theodor Vermoldt mit massivem Einsatz von Entlaubungsmittel im Grunewald die letzten Reste der Werwolfpopulation austilgt. Ein letzter Versuch der Rache der Werwölfe scheitert kläglich auf der Spitze des Kreuzberges, als der offenbar mit seinen Brüdern in Fehde liegende Werwolf Jahweh hinterrücks die letzten 5 in Berlin gesichteten Werwölfe auslöscht, ehe er selbst von Christoph Durier vernichtet wird.
Bei einem öffentlichen Empfang rechtfertigt Amenophis sich für das Projekt Reichsschlaf und beeilt sich herauszustellen, daß er lediglich ausführendes Organ gewesen sei, “so the darkness is yours, not mine”. Mehrere Kainiten versuchen ihn zu vernichten, doch der Setiten-Ahn wurde durch Peter Kleist vorgewarnt und zudem von zwei Samedi verteidigt. Bei dem Angriff finden mehrere Kainiten den Tod – die meisten aufgrund der Tatsache, daß man sie mit der Person des Amenophis verwechselt.
Kurz nach diesem Vorfall fordert Waldburg Vermoldt zu einem Schwertduell heraus und siegt – Vermoldt stirbt.
Gemeinsam verlagern Kornfeld und von Magdeburg und ich unseren Wohnsitz endgültig nach Potsdam, zu Recht davon überzeugt, daß Waldburg die gesamte verbleibende gustavloyale “Brut” auslöschen will.
Mittlerweile sind die Vorbereitungen voll im Gange, die Ausbreitung der Baumkrankheit durch einen magischen Ritus nahe Halloweens einzudämmen. Der von Waldburg beaufsichtigte Ritus ruft einige der Hintermänner der Ereignisse der letzten Zeit auf den Plan, die sich offen während des Ritus bekämpfen, jedenfalls, soweit man Albrecht von Magdeburgs Ausführungen zu den Vorfällen heranzieht:
“Auf der einen Seite beginnen zwei jüngere Kainiten plötzlich in fremder Zunge miteinander zu sprechen, wobei sich die eine als die “Kaiserin” (Lycia) und die andere sich als “Sklavin” (Fatima) bezeichnet. Die beiden Kainiten liefern sich ein “Duell der wahren Namen”, das für Fatima mit einer Niederlage endet. Zeitgleich bekämpfen sich Prinz Stephan und ein zugereister Ventrue-Elder namens Timmuz, welcher behauptet, das erste Childe vor Stephan desselben Sires (Verquillius) gewesen zu sein, den der germanische Barbar Stephan selbstsüchtig seines Blutes beraubt hätte, um mit der “Macht des untoten Dämons” seine germanischen Männer gegen Karl den Großen und die hinter ihm steckenden Dämonen in die Schlacht führen zu können. Stephan umgekehrt entlarvt den einstigen Druiden Timmuz als den Urheber der Baumkrankheit, und in einem gewaltigen Kampf vernichtet er seinen Bruder (nicht ohne die Hilfe von Gabriel Mies und Waldburg, die Stephan beistehen, nachdem Timmuz die Beine Stephans miteinander verschmelzen läßt).
Mit Timmuz in Blut zerlaufen und in den Boden gesunken und Stephan von seinen Bediensteten vom Ort des Geschehens entfernt (er zieht sich in die Umarmung der Starre zurück und ruht heute irgendwo in Brandenburg, während alle Markgrafen von ihm im Amt des Prinzen bestätigt wurden, mit meiner Person als Prinz zu Potsdam) fordert die “Kaiserin” die kristallene Rose, die das Herzstück des Ritus bildet. Zur Unterstützung befielt sie Vladimir, ihr zu Diensten zu sein, und wenn auch widerwillig gehorcht die Gargyle, die an jenem Abend erstmalig ihre wahre Natur offenbart.”
Gleichsam an jenem Halloween verschwindet Nikolai Schrottkoff, die mahnende Stimme des Clanes Nosferatu, spurlos aus der Stadt. Offenbar paktierte der Nosferatu Autarki Luther mit einem infernalischen Wesen, um den unliebsamen freundlichen alten Kainiten aus dem Weg zu schaffen.
Generation Z
In der Folge der merkwürdigen Ereignisse um Halloween, bei denen neben Schrottkoff auch der Gangrel Dancer stirbt taucht der Ravnos Santiago in der Stadt auf, der zusammen mit Luther eine Anarchengruppe namens “Generation Z” als Nachfolgeorganisation der faktisch nicht mehr existenten Schwarzen Rose aufzieht. Die Generation Z ist extrem gewaltbereit und schert sich wenig um die Masquerade – und wiederum ist es die Ich-Fixiertheit der Kainiten, die ein frühzeitiges Ausschalten der Generation Z unmöglich macht.
Im Februar 1997 gehören gut ein Dutzend Kainiten zur Generation Z, die offene Attacken vor allem gegen Banken und Baukräne veranstalten. Verschärft wird die Situation durch die umstrittene TV-Serie “Kindred – The Embrace” auf RTL2, die offen gewisse Vampirkräfte zur Schau stellt.
Um die Situation unter Kontrolle zu bekommen, erscheinen neue Ahnen in der Stadt, darunter der Lord Ostdeutschlands Vincento Belial (Tremere), Jeremiah ( Nosferatu und Sire Schrottkoffs) und William Adams (Gangrel und langjähriger Freund Waldburgs). Noch im Februar entführt die Generation Z die Toreador-Elder und Prinzengattin Antoinette. Welche Forderungen sie stellen, wird nie bekannt, aber Verhandlungen scheitern und Antoinette wird diableriert. Viele Kainiten beginnen an Wilhelms Integrität zu zweifeln, der seine eigene Frau, an die er angeblich blutgebunden war (auf Gegenseitigkeit) den Autarki überläßt und diese sogar offen angreift und so ihren Tod direkt provoziert hat.
Diese merkwürdige Haltung zu seiner Frau hindert Waldburg aber nicht daran, an einem der beiden Anführer der Generation Z – Santiago – Rache zu nehmen, den er öffentlich hinrichten läßt. In seinen letzten Worten warnt Santiago eindringlich vor einer Sabbatunterwanderung der gesamten Camarilla und auch der Autarki (Luther).
1997
Das Ende der Ära Waldburg
im März 1997 wird das Regierungssystem in Berlin reformiert. Waldburg und von Magdeburg bilden ein Diumvirat, dessen Regierungsgewalt fest auf dem vom Bürgerrat gewählten Primogen fußt. Unterstützt wird die neue Regierung von einer verminderten Anzahl handverlesener Bezirksregenten der neuen und größeren berliner Bezirke. Schon in dieser Ära ist der Stern Wilhelms deutlich am sinken – ob nun getroffen durch den Tod seiner Frau, wie es offiziell heißt, oder weil er spätestens beim Toreadorball in Zeilitzheim erkennen muß, daß er niemals an die Größe seines Sires heranreichen wird und die westdeutschen Prinzen sich nicht für ihn interessieren, wird niemals endgültig geklärt werden.
Die Harpyien wittern die Schwäche des Prinzen, und unverhohlene Forderungen werden laut: Die Toreador fordern den Distrikt Neu-Dorotheenstadt ein (zu dem auch Teile des Regierungsviertels gehören) und fordern einen Beweis dafür, daß die vielgepriesene Freundschaft des Prinzen zu den Toreador tatsächlich aus mehr besteht denn seiner Ehe zu Antoinette – und der Prinz gibt nach.
Die Gunst der Stunde witternd, tragen zum 1. Mai 1997 viele Fraktionen ihre Konflikte offen in der Stadt aus, und schon ist von einem neuen “Schwarzen Krieg” die Rede. Als Konsequenz der Streitigkeiten wird ein Einreiseverbot für Brujah verhängt, und da auch die Gangrel öfter und öfter mit dem Prinzen Berlins aneinandergeraten, kündigt sich eine Clan-Allianz zwischen Brujah und Gangrel an.
Im Juni entspannt sich die Situation in der Stadt trotz einer neu zugereisten Anarchengruppe (“Kains Rache”) schnell, was vor allem der vorzüglichen Kooperation zwischen Waldburgs Majordomus Sigmund Striebeck und Prinz Albrecht von Magdeburg in der Abwesenheit des auf Reisen befindlichen Waldburg liegt. Wie schon so oft in der Vergangenheit begegnet Waldburg dem wachsenden Widerstand gegen seine Person mit einem Versuch, von sich auf andere abzulenken. Die Gefahr einer Verbrüderung von Striebeck und Magdeburg witternd, befiehlt er sein Kind Striebeck aus der Stadt und taucht uneingeladen bei einem Danse des Magdeburg im Juli 1997 auf, in dessen Verlauf er ihn tödlich beleidigt: Nach mehreren Unverschämtheiten und Brüchen der Etiquette befielt er allen Anwesenden, ihn nach Berlin zu begleiten, und läßt Albrecht alleine nur mit der noch immer in Berlin größtenteils unbekannten Eriana de Buckowîz in Potsdam zurück. Zudem beeilt er sich, Magdeburg schlecht dastehen zu lassen, indem er nahezu verzweifelt versucht, an Magdeburgs Wissen von Projekt Reichsschlaf zu erinnern.
Indes, Waldburg erkennt, daß seine Zeit abgelaufen ist. Bei einem Treffen im Schloß Charlottenburg ist von dem einstigen “Führer Westdeutschlands und Schmied der Stadt Berlin”, wie er sich hat gerne nennen lassen, nicht mehr übrig als ein wimmernder, in Pathos schwelgender Mann, der mit seinem langjährigen Freund Alexej (zu dessen Freundschaft er sich nunmehr offen bekennt, obgleich dieses Geständnis gegenüber einem Ravnos und Anführer einer der einflußreichsten Autarkigruppen Europas sein politisches Aus bedeutet) in Erinnerungen ergeht. Zur Krönung des Affronts gegen die Camarilla gestattet er Alexej, das “Berliner Manifest der Anarchie” zu verteilen, und deutet an, daß er sich den Autarki anschließen möchte. Bei diesem Treffen ist nach langer Abwesenheit auch erstmals wieder der Vatermörder und Clanlose Peter Kleist anwesend, offensichtlich von Waldburg eingeladen.
Das Kleist-Reich
Keine 14 Tage später verschwindet Waldburg zusammen mit dem von ihm blutgejagten Autarki Luther in Richtung Paris, unterdessen in Berlin hinter verschlossenen Türen und in aller Hast Peter Kleist als neuer Prinz (formell korrekt: Statthalter) eingeführt wird. In einem offenen Brief im Mai 1998 wird Albrecht von Magdeburg später zugeben, daß “der Clanentscheid” des Clanes Ventrue, dem Entehrten Kleist wieder die Clanrechte zu geben, tatsächlich nur von Sigmund Striebeck und seiner Person getroffen wurde, und dies alleine vor dem Hintergrund, die Regentschaft Berlins für den Clan Ventrue zu erhalten. Und tatsächlich wird zu jener Zeit schnell offenkundig, daß der übergelaufene Waldburg innerhalb der Ventrue eine Krise ausgelöst hat: Nicht mehr nur Berlin steht bald auf dem Spiel, sondern der Ruf des Clanes Ventrue in der Camarilla an und für sich.
Die neue Regierung Kleist beeilt sich mittels mehrerer harter Manöver, jede Regung von Protest oder Opportunistentum seitens der anderen Würdenträger der Stadt im Keim zu ersticken und Waldburg in ganz Europa die Verbindungen zu entziehen: Waldburg wird – welch Ironie des Schicksals – von Peter Kleist, seinem einstigen Leingardisten, aus dem Clan ausgestoßen und es wird sofort eine Blutjagd eröffnet, während sein Primogen und seine Bezirksregenten binnen einer Woche ihres Postens enthoben werden – und viele verlassen die Stadt.
Als weitere Maßnahme erklärt Peter Kleist alle von Waldburg einst vergebenen, “auf ewig geltenden” Wohnrechte für nichtig. Die momentane Schwäche der Camarilla und die Unzufriedenheit der anderen Clanführer werden von den Autarki der unter Alexej erneut belebten Schwarzen Rose schamlos ausgenutzt: Mehrere Autarki überfallen ein Treffen, auf dem sich Statthalter Peter Kleist erstmals den anderen Ahnen als Regent präsentiert und seine Politik erörtert, bestrebt darum, die Unterstützung der Clane zurückzugewinnen. Zwar können mehrere der Autarki vernichtet werden, aber auch der politisch zu jener Zeit höchst bedeutsame Führer der Toreador Lilloth de Marco findet den Tod, unterdessen die ehemalige Archontin der Tremere Claudia de Montclaire nur knapp dem Tod durch die Klauen des Alexej entgeht.
An jenem Abend entzündet sich ein Krieg zwischen Autarki und Camarilla, der die Reserven beider Seiten binnen kurzer Zeit erschöpft – die Konfrontationen nehmen an Intensität ab, bis schließlich im Oktober die militärischen Kräfte beider Seiten völlig erschöpft sind und der Krieg stillschweigend beendet wird. Im Endergebnis konnten die Autarki einen geringen Sieg verbuchen, da sie die kleistsche Regierungsbildung immens verzögerten und in Verbindung mit den ohnehin durch Waldburgs Flucht bestehenden Schwächungen die Kontrolle der Berliner Polizei durch Kainiten der Camarilla brechen konnten. Der Preis hierfür war aber – darüber sind sich alle einig – zu hoch.
Der Setitenkrieg
Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das folgende Kapitel in die Chronik aufnehme, denn die hierin von Albrecht von Magdeburg niedergelegten Umstände entziehen sich was die thaumaturgische Theorie angeht meiner Kenntnis und erscheinen mir wenig glaubhaft. Wie ich an anderer Stelle aber bereits erklärte, wünsche ich nicht den Eindruck zu erwecken, dem geneigten Leser Informationen vorzuenthalten oder gar Zensur zu betreiben, und also füge ich hier Auszüge aus den sehr umfangreichen Texten Magdeburgs zum Thema der Setiten in der Mark Brandenburg unkommentiert ein:
“(…) seit Jahrhunderten schon war Berlin der Schauplatz einer gewaltigen Konfrontation zwischen zwei sehr alten Setiten: Fatima und Lycia. Offenbar stammten beide aus dem Alten Ägypten, wo ‘Lycia’ – nach meiner Erkenntnis mit der Königsmutter Ahmes-Nefertari identisch, wenngleich nicht notwendigerweise aus der entsprechenden Dynastie – die Tochter des Pharaos und Fatima ihre Sklavin war. Zu jener Zeit überfielen die Setiten Ägypten, und da der Pharao dem Zugriff der Schlangen durch den Freitod entging, erwählte Sutekh darselbst die junge Pharaonin Ahmes-Nefertari als sein Kinde und als der Setiten Herrscherin über das obere Ägypten. Diese wiederum machte ihre Sklavin Fatima zunächst zu ihrem Ghul und dann zu ihrem eigenen Kinde, das ihrer “Göttin” und Jugendfreundin bereitwillig zu Diensten war.
Wie das schwarze Blut Sutekhs aber selbst die reinste Liebe zu verderben vermag, wandte sich Fatima von ihrer Herrin ab, und wohlwissend, ihrer Herrschsucht niemals ohne Hilfe entgehen zu können, verführte sie den “Steinernen Wächter” dazu, ihr bei der Flucht zu helfen. Jener steinerne Wächter gilt als “Vorfahre” der heutigen Gargyle, und gerüchteweise stützten sich die arkanen Formeln der Tremere tatsächlich auf altägyptische Texte des Magiers, der diesen Steinernen Wächter als Beschützer der Pharaonengräber erschuf. Die tumbe Kreatur erlag sofort den Disziplinen und der hingeheuchelten Liebe der Fatima und war ihr fortan in ihrem Jyhad, ihrem Trennungsversuch von ihrer Herrin, zu Diensten.
Mit Kräften der Verdunkelung, mit denen sich nur Nosferatu selbst messen konnte, errichtete der Wächter, Gargiil-Fatar, unauffindbare Verstecke für seine Herrin, während er in ihren Diensten in Berlin den Schlachtplatz für die finale Konfrontation bereitete. Mit seinem wirren Genie und einer dem Stein gleichen Geduld manövrierte Gargiil-Fatar alle wichtigen Figuren zur rechten Zeit zum rechten Ort. Durch Träume vom Garten und verborgene Hinweise, sorgsam inszenierte Zufälle und freigiebige Geschenke (wie dem verdunkelten Rosengarten, dem unauffindbaren Versteck der Autarki der Schwarzen Rose) erschuf er eine Front von Kainiten, die im Namen der Güte und der Liebe geeint gegen die Machenschaften der Lycia stehen sollten. Zugleich bestärkte er die Position der Kaiserin, indem er über ihr Kind Amenophis wachte und ihn vor den Augen seiner Feinde verbarg, denn noch war es zu früh, die Konfrontation herbeizuführen:
Um den teuflischen Plan der Altgargyle, die den Kainiten der Stadt als Nosferatu-Elder Vladimir vorstellig wurde, vollendet zu sehen, bedurfte es einer “Aufweichung” der Realität, eine Schwächung der Grenze zwischen Realität und Traum, Geist und Materie, auf daß die überlegene Kenntnis der altägyptischen Magie (eine um Namen und verschiedene Aspekte des Geistes konzentrierte Magie) der Fatima den Vorteil verschaffen würde, den Lycia in der Macht ihres Blutes gegeben ward. Er erreichte dieses durch Manipulation des Ravnos-Elders Alexej sowie durch den Ravnos-Ancilla Santiago, beide bestrebt, die Realität zu schwächen, wo dies nur möglich sei. Den Tremere schickte er wirre Träume seltsamer Formeln, die der ehemalige Archon Tylerius Veltyen über der Asche seines Childes aussprach und so Andrew Redburn das Leben zurückgab – und ihn von seinem Khaibit, seinem Schatten, trennte. Redburn selbst arbeitete von nun an aktiv an einer Zersetzung der Geistergrenze, die es ihm gestatten sollte, sich wieder mit seinem Schatten zu vereinigen, während andere Elemente dasselbe Ziel aus ihren eigenen – und Vladimirs – Gründen verfolgten.
Vladimir wollte nur eines: Einen Kampf der beiden Altsetiten gegeneinander, mit gleicher Macht, gleicher Kraft, auf daß für ihn entschieden würde, worin mehr Ehre zu finden sei: In der Loyalität zur Liebsten oder in der Loyalität zum Herrscher. Fatima, ihrerseits, hatte nur eines gewollt: Den Vorteil, den ihr Vladimir in Berlin verschaffen würde erbarmungslos auszunutzen und den Kampf zu gewinnen, den sie allein niemals hätte gewinnen können: den gegen ihren Sire Lycia.
In den vergangenen Jahren, ja, Jahrhunderten, sind zahllose Kainiten für diesen Jyhad erschaffen und vernichtet worden – alle, ohne zu wissen, warum – doch der Kampf wurde aller Erkenntnis nach im Herbst 1997 entschieden: Vladimir hatte die Macht der Ahmes-Nefertari und ihres Childes Amenophis gründlich unterschätzt. Diese hatte ihre eigenen dunklen Agenten nach Berlin geschickt, bereits vom Verrat der Gargyle wissend und bestrebt, sowohl sie wie auch ihr Childe in die Arme des Clanes zurückzubringen. Unter ihren zahllosen Agenten sind sicherlich der Werwolf Jahweh und der Ventrue Timmuz die bedeutendsten – ihrem Einfluß war es zu verdanken, daß der Ort Berlin und die ihn umgebende Geisterwelt zunehmend vergiftet wurde – ein Effekt, der den Verlust des “Buch des Teufels” kompensieren sollte, der in den Jahrhunderten zuvor jene Aufgabe gehabt hatte.
Fatima, die als Magierin den Äther der Stadt trank und sich von ihm nährte, erkrankte an den Geschwülsten der toten Bäume und dem aufbrausenden Schwarzen Wind, und so traf sie der plötzliche Angriff ihres Sires im Herbst 1996 überraschend und unvorbereitet: Zwei geringere Kainiten benutzend, lieferten sich die Alten ein Duell der wahren Namen, das Fatima verlor. Hierdurch bereits geschwächt, arrangierte es Lycia über ihre Agenten, daß der Gangrel Jaalan getötet wurde, an den Fatima mit einer Lebensschuld gebunden war. Die vergessenen Kräfte, die Fatima heraufbeschwören mußte, um die ins Inferno stürzende Seele des Jaalan aufzufangen und ihm einen neuen Leib zu weben, verlangten ihr einen großen Teil ihrer eigenen Lebenskraft ab.
Vladimir sah die nahende Katastrophe, aber seine Reaktion war zu langsam, das Ärgste zu verhindern. Nach dem Fiasko im Herbst 1996 verbrachte er fast ein ganzes Jahr mit Grübeln über diese unerwartete Wendung der Dinge, doch als er endlich Mitte Oktober vor die Kainiten der Stadt tritt, um sie zu warnen und auf Seite Fatimas zu ziehen ist es bereits zu spät: Lycia benutzt einen anderen Agenten und konfrontiert die Altgargyle mit ihrer Untreue, und vor den Augen seiner Gebieterin bricht das ohnehin schwache Rückgrat des Steindämons und er kehrt an ihre Seite zurück. Und obwohl wir nicht wissen können, was in Folge genau geschieht, so wissen wir doch, daß im Frühjahr 1998 die Todesschreie der Fatima durch Berlin gellen, und das seither weder von Lycia noch von Vladimir ein Sterbenswort zu hören war.
Die Folgezeit von Halloween sieht wie in den Jahren zuvor eine Zeit der Stille, des bangen Wartens und der Orientierungslosigkeit. Es ist, als würden die Kainiten ahnen, daß im Dunkel um sie Puppenspieler lauern, und bange warten sie auf die Fortsetzung des Trauerspieles, das ihr Leben ist. Doch nichts geschieht.- Ahmes-Nefertari – hat ihren Krieg gewonnen – Fatima so schwach, daß sie nichts mehr unternehmen kann. Die Agenten beider Seiten sind plötzlich wieder ihrem eigenen Willen unterworfen – und obgleich sie nie wußten, daß sie benutzt worden waren, haben sie eine nahezu instinktive Regung in sich, daß da etwas in ihrem Geiste fehlt.”
1998
Das neue Berlin entsteht
In den Monaten nach Halloween, bis in den Januar 1998 hinein, spielt es keine Rolle, wer wessen Clanes Blut ist oder welcher Gruppe er angehört. Die Kainiten treffen sich und versuchen zu ergründen, was geschehen ist, während die neueren Gäste der Stadt nur verwundert schauen können auf die Unsitten, die sich in der Stadt breitmachen. Besonders die schon regelmäßig zu nennenden Autarki-Camarilla-Treffen erregen auch über die Grenzen der Stadt hinaus Aufsehen – und kommen Albrecht von Magdeburg zu Ohren.
Prinz Albrecht von Magdeburg zu Potsdam ist zu dieser Zeit primär mit der Aufklärung der ungewöhnlichen magischen Phänomene in der Stadt beschäftigt, aber seine Arbeit an einem Ritus, der – so seine Aussage – die Grenze zwischen den Welten stärken soll, kann ihn doch nicht so stark einnehmen, daß er nicht über die Zustände in der Stadt besorgt ist. Die politische Struktur der Camarilla liegt im Jänner 1998 in Trümmern in Berlin. Über Jahrhunderte gewachsene Clanstrukturen zerstört, wo Ahnen dem Setitenkrieg oder den Fängen der Autarki zum Opfer gefallen sind. Politisches Leben erloschen, wo kein Primogen und kein Bürgerrat mehr ist. Und all dies unter einem Statthalter, der sich zwar “Prinz” nennen läßt, der aber hauptsächlich außerhalb Berlins unterwegs ist oder seinen eigenen Geschäften nachgeht, die in einer weiteren Festigung seiner Kontrolle der Stadt bestehen.
Einem “Prinzen”, der erst einige Wochen zuvor Amenophis auf seinem Treffen als seinen Ehrengast präsentiert hatte. Magdeburg sieht in die Augen Kleists – und er kennt diesen Blick nur zu gut. Es ist der gleiche Blick, den Gustav Breidenstein hatte in jenen letzten Jahren, da er dem Haß auf sein Childe und den Ränken der Schlangen erlegen war.
Magdeburg trifft sich mit den anderen Ahnen – und wo es keine gibt, ersucht er die Clane, sich einen zu bestimmen, der für den Clan sprechen kann, und gemeinsam mit ihnen bespricht er die Berliner Verfassung auf der Basis der im Frühjahr 1997 bekanntgegebenen Berliner Verkündigung. Es soll ein von allen Clanen gemeinsam unterzeichnete Verfassung werden, auf dem ein allgemeingültiges Rechtsystem aufgebaut werden kann – und auf dem eine geeinte Camarilla gedeihen kann, die nicht nur für einige wenige, sondern alle ihre Anhänger spricht. Aber wie schon in der Ära Waldburg wird Magdeburg von der Interessenlosigkeit breiter Bevölkerungskreise überrascht.
Es entstehen in der Folgezeit mehrere Diskussionen über das Verfassungspapier, die schnelle Eroberung der Herzen der Bevölkerung – und damit letztlich Berlins – findet aber nicht statt. Umgekehrt behindert Peter Kleist, der seine Machtposition von der Verfassungsidee bedroht sieht, über seine Agenten Cassandra, Claudia de Montclaire und Thilo Lübbard das Voranschreiten der Arbeit am Verfassungspapier. Lübbard und Cassandra als offizielle Vertreter ihres Clanes fordern Bedenkzeiten, Vertagungen und Neuformulierungen, und als Magdeburg schließlich die Clane um eine offiziellen Erklärung ersucht, daß sie die Verfassung im Grundsatz unterstützen, entziehen beide die Unterstützung ihrer Clane – im Falle Cassandras gegen den Willen der Toreador.
Die Stimmung heizt sich auf, und die weiteren Treffen zur Verfassung finden zunächst bewacht, dann geheim und schließlich im Schloß Sanssouci selbst statt.
Schnell wird offenkundig, daß Kleist bereits seit Wochen dabei war, ein neues Schattenprimogen um sich zu scharen, das er endlich im Schillerpark im April 1998 vorstellt. Zugleich erklärt er die Arbeit an der Verfassung als Bruch der Tradition der Domäne und droht heftige Strafen an, wenn sich diese Unsitte weiter in Berlin verbreiten sollte. Jedem Clane bietet er fünf Wohnrechte an, überzählige Kainiten haben die Stadt zu verlassen.
Magdeburg reagiert sofort: Er kündigt seinem Statthalter zu Berlin Kleist die Kooperation auf und läßt ihn bei der Kontrolle der Stadt am berüchtigten 1.Mai allein, schleust gar bekennende Autarki von außerhalb durch die Polizeisperren in die Stadt. Striebeck, der zu jener Zeit oft im Schloß Sanssouci anzutreffen ist und in enger Zusammenarbeit mit Mageburg an der Verfassung wirkt, macht sich seinerseits auf den Weg zu Kleists Regierungssitz, um ihm die Erklärung des Clanes Ventrue zu Berlin zu überbringen, in welchem sich dieser für die Verfassung ausspricht und Kleist die Kooperation naheliegt – doch Striebeck wird direkt vor Schloß Charlottenburg in seiner Limousine getötet, geköpft mit einem Katana und von Wolfklauen zerfetzt.
Geschwächt durch die Flucht Waldburgs, den Autarkikrieg ’97, die behördliche Sabotage seitens Magdeburg und das plötzliche Dahinscheiden Striebecks hat die von Kleist notdürftig kontrollierte Polizei dem Angriff der Autarki am 1. Mai nichts entgegenzusetzen, unterdessen Magdeburg seinen Einfluß auch auf die Berliner Behörden und die Polizei weiter ausbauen kann – vor allem, indem er Striebecks Ghule übernimmt.
Dennoch steht die Sache zu jenen Tagen nicht gut für die Verfassung, und Kleist kündigt im kleineren Kreise bereits aktive Schritte gegen die Unterstützer der Verfassung an, von denen viele in jenen Nächten nach Potsdam übersiedeln. Magdeburgs Reaktion ist schnell und endgültig: In einem offenen Brief legt er die wahren Hintergründe des Todes Breidensteins sowie der widerrechtlichen Wiederaufnahme Kleists in den Clan Ventrue dar und gibt seine eigene Beteiligung daran unverhohlen zu. Er warnt Kleist und seinen “machthungrigen Abschaum” davor, das Schwert gegen die Verfassungsförderer zu erheben, und kündigt öffentlich seine Bereitschaft an, auf den Thron der Stadt verzichten zu wollen, wenn nur die Verfassung Gültigkeit erlangen würde.
Der Niedergang des Hauses Breidenstein
Die Stimmung in Berlin heizt sich weiter auf – und Kleist sieht, daß die Zeit zu handeln für ihn eng wird. Mit Eriana de Buckowîz, dem Kind Stephans, als Leibwächterin in Albrechts Rücken wagt er nicht den direkten Vorstoß. In nahezu schicksalhafter Weise wendet er sich wiederum den Feinden der Camarilla zu, mit denen auch sein verhaßter Sire schon paktierte. Hatte sich Kleist schon vor gut einem Jahr der Treue des Setitenahns Amenophis versichert, beschäftigte er nun einen Ausgestoßenen des Clanes Giovanni, dessen Name auch im Zuge des Todes Karl Schreckts schon gefallen war: Mortifero Nino Angelo Giovanni.
Bei einer Einladung der Toreador Gabrielle Monique de St.-Etienne schlägt Kleist zu: Auf sein Zeichen hin attackiert der Giovanni die Seele Albrecht von Magdeburgs selbst, reißt sie aus dem Körper, daß der Leib des wahren Prinzen von Potsdam und Berlin, eines der edelsten und hellsten Geister, den unsere finstere Art je hervorgebracht hat, schlaff darniedersinkt. Alsdann zieht der Feigling blank und trennt mit einem Hieb den Kopf des Prinzen von dessen Schultern, während die anderen Gäste nur stumm vor Schreck dastehen.
Den Tod seines Lehensherren hat er wohl erreicht, aber die Rache der anwesenden Kainiten übertrifft seine Erwartungen: Gemeinsam schlagen Tremere, Gangrel und Eriana de Buckowîz gegen Kleists Vasallen los, zerstören die Ghule des falschen Prinzen, zerfetzen den Leib Nino Giovannis, um schließlich einem schwer verwundeten Kleist nachzusetzen, der bald in die Erde flieht. Dessen eigenen Sprengsatz, den Kleist zu dem Treffen mitgebracht hatte, steckt de Buckowîz in die Erde und zündet ihn, was der Existenz des Kleist ein würdiges Ende setzt.
Mit dem Tod beider Prinzen sinkt die Chance einer Einung der Domäne Berlin ins Bodenlose – doch dann erscheint das Testament des Albrecht von Magdeburg, der sich ob seines Wissens um Kleists irre Blutgier auf seinen Tod vorbereitet hatte: In ihm übergibt Magdeburg als letzter verbriefter Prinz der Zweidomäne das Amt des Prinzen zu Potsdam an das Kind Woleslav-Stephans, seines eigenen Herren, zurück: Eriana de Buckowîz. Berlin hinterläßt er dem Fürsprecher der Verfassung, dem Brujah-Ancilla Marcel Krämer.
Kleists eigenes Testament erscheint wenig später, aber da sowohl Eriana wie Krämer das Testament Magdeburgs anerkennen und sich seinen Wünschen fügen ist dieses ohne Relevanz. Von Stund an war und ist Eriana de Buckowîz die neue Fürstin der Mark Brandenburg,. Potsdams und Spandaus, während der jungsche Krämer über den Thron von Berlin gebietet, bis die Verfassung ihre Gültigkeit erhalten möge – dies sein Schwur, den er vor Betreten des Thrones zu leisten hatte.
Krämers vordringlichstes Problem wie sein größter Vorteil liegt darin begründet, daß die Kainiten ihn als einen Übergangsprinzen betrachten. Widersinnige und teils widersprüchliche Befehle seitens des Prinzen, der nahezu schon fanatisch bemüht ist, jedem zu Willen zu sein, sorgen nicht für Vertrauen auf Seiten seiner Untertanen. Früh etabliert sich Karl Friedrichs, ebenfalls ein Ancilla des Clanes Brujah als wahre Macht hinter dem Thron, als Vertrauensmann. Ein weiterer Spieler hinter dem Thron wird Arkadan, ein schon früher in Woleslav-Stephans Dienst stehender undurchsichtiger Charakter, dem man schon nachsagte, Malkavianer, Tremere oder Mitglied einer geringeren Blutlinie zu sein, die auffällige Parallelen zu dem Hamburger Kainiten Midhir aufweist.
Seinen außerberlinischen Versuchen in Diplomatie ist wenig Erfolg beschieden, da auch hier wenig Interesse an der Bestärkung eines Prinzen besteht, dessen Regentschaft begrenzt scheint und noch dazu im Zeichen einer demokratischen Verfassung steht. Zu Hause beeilt man sich denn, die Verfassung voranzutreiben – allen voran die Toreador durch ihren Abgesandten Georg Wehner, die zuvor eher auf Kleists Seite standen und um schwere Repressalien seitens Eriana de Buckowîz fürchten müssen.
Ähnlich seinem “Freund” Krämer vermag es denn auch der Toreador-Ahn Noah vortrefflich, den Zorn der wenigen wahren Ahnen in Berlin auf sich zu ziehen, bis er schließlich sogar droht die Unterstützung seines eigenen Clanes zu verlieren.
1999
Berlin unter der Verfassung
Kurz vor Jahreswechsel 1998/1999 scheint das Ende der Herrschaft Krämers besiegelt: Die Verfassung ist fertiggestellt und soll zum März 1999 in Kraft treten. Im Verfassungsgremium waren zum Schluß alle Clane vertreten (auch wenn die Malkavianer meist durch Abwesenheit glänzten), wobei lediglich Karl Friedrichs als Clanvertreter verblieb, der von Anfang an dabei war. Der Tremere-Neonate Armand Courtais, der den Platz als Clanvertreter der Tremere innehatte und im Namen des Clanes zuallererst die Unterstützung der Verfassung versichert hatte, durfte wegen Differenzen mit Herrn Krämer zwischenzeitlich nicht nach Berlin einreisen, empörte sich nun aber ob der viel zu demokratischen Veränderungen, die an der Verfassung vorgenommen wurden und die Sicherheit der Stadt gefährden würden.
Der Rest der Ereignisse bis zur Ausrufung der Verfassung am 5. März 1999 ist im Prinzip schnell erzählt: Zu Beginn des Jahres 1999 war Herr Krämer des Daseins als “Prinz auf Zeit” müde geworden, fingierte seinen Tod und übertrug die Amtsgewalt auf Karl Friedrichs und Hans Krieger. Später rechtfertigte er diese willkürliche und sorglose Gefährdung der Stabilität in Berlin mit den Worten: “Ich habe es getan, weil ich es kann.” Die Tremere nutzten die durch Krämers “Tod” entstandene Veränderung der Situation, einen direkten politischen Angriff gegen den Hofmagier des Herrn Krämer, Arkadan, zu starten, der ihnen seit jeher wegen seiner thaumaturgischen Künste ein Dorn im Auge ist. In einer eher peinlichen Darbietung von Sorge um die Domäne Berlin versuchte der Ahn der Tremere Hiob, die Kainiten Berlins gegen Herrn Arkadan aufzubringen und dessen Verbannung aus Berlin zu erwirken, was aber gänzlich folgenlos blieb.
Anfang Februar, nachdem die Kainiten Berlins die Fürstin Eriana de Buckowîz um eine Übergangsherrschaft ihrer Person in Berlin ersucht hatten, damit die Vorbereitungen zur Verfassung nicht von Camarillaoppositionellen ausgenutzt werden könnten, offenbarte sich Krämer als unter den Lebenden befindlich und stellte klar, daß es unter ihm keine Regentschaft der Eriana de Buckowîz über Berlin geben werde, da er in ihr – zu Recht – eine Gegnerin der Verfassungsidee sehe.
Eine Woche später trat Eriana de Buckowîz ungerührt ihr Amt als Regentin über Berlin an und übergab die Domäne Berlin pflichtschuldigst am 5. März 1999 in die Hände der nach eigener Auffassung “mündigen” Kainiten Berlins.
Millennium
Schon beim ersten Zusammentreffen des Berliner Bürgerrates nach der Wahl der Senatoren war offenkundig, daß die Verfassung ein angreifbares und chaotisches Gebilde war, ein peinliches Zerrbild einer Demokratie im Klammergriff unzähliger Ämter, bestechlicher Senatoren und einem Prinzen, dessen Ansinnen es vom Tag der Machtergreifung war, seine Amtszeit dazu zu verwenden, die Domäne Berlin aus dem Einflußbereich des Clanes Ventrue zu lösen.
Wie die Kainiten der Stadt ein halbes Jahr später erfahren sollten, war die Wahl des Noah zum Prinzen schon von dem üblen Geschwür der Korruptheit befallen, wie sie sich in den folgenden Monaten in ganz Berlin breitmachen sollte: So hatte der Noah wenigstens Stimmen vom Clane der Gangrel gekauft, denen er versprach, für jede Stimme eine Anzahl von drei Straftaten völlig straffrei zu belassen.
Den inneren Zerfall der kainitischen Gesellschaft am Geschwür der Verfassung – oder treffender: den Kainiten, die deren Inhalt zum eigenen Vorteile zurechtbogen – lockte bald Geschmeiß aller Art in die Stadt, allem voran den Lasombra Millenium mit seinem Rudel von Kainiten der Schwarzen Hand. Im Laufe der folgenden Monate löschte der Sabbat völlig ungehindert von denjenigen Kainiten, die so übereifrig die Schwüre zur Verteidigung Berlins ausgebracht hatten, diejenigen wenigen Kainiten aus, die bereit und in der Lage waren, sich dem üblen Ansinnen des Sabbat entgegenzustellen.
Inwiefern der Sabbat den Herren der Stadt Berlin zu Diensten war, unliebsame Bürger aus dem Weg zu räumen, wird wohl nie geklärt werden.
Besonders tragisch war hierbei der Mord am Seneschall des Prinzen, Aaron Silberstein, Sohn des Konstantin von Siemens, Sohn der Nadja von Ilburg, Tochter des großen Askirgal, der sein Schwert zur Gänze in die Bewahrung der Ordnung in Berlin gestellt hatte. Die Trauer über seinen Tod wird nur von dem Pathos der Reden seines Prinzen Noah übertroffen, der, gemeinsam mit der Gabrielle Monique de St.-Etienne, sich schier überschlägt vor Betroffenheit und Schmerz – was insofern merkwürdig scheinen mag, da sich weder der eine noch die andere allzusehr um den Kampf wider den Sabbat verdient macht.
So muß sich Noah bald Vorwürfe gefallen lassen, er vor allen anderen hätte den Tod des Silberstein verhindern können, der doch nur wenige Dutzend Schritt von ihm entfernt geschah, unterdessen Gabrielle Monique de St.-Etienne nicht zuletzt wegen einem Treffen ihrer Person mit dem Sabbat-Anführer Millenium sich zumindest Zweifeln an ihrer Integrität konfrontiert sieht. Zweifel, die durch ihre überaus lasche Handhabung des Toreadorbezirkes durch ihre Person erhärtet werden, als deren direkte Folge zwei weitere Kainiten ihr Leben lassen.
Der erste Putsch
Zunehmend unter Druck gesetzt und durch den Justikar Rheinhardt von Trotta bei einer Konklave in Hamburg darüber belehrt, daß die Verfassung zunächst nur befristet auf ein halbes Jahr geduldet würde, versucht Noah im Sommer den Putsch.
In für ihn typischer Pietätlosigkeit benutzt er die Trauerfeierlichkeit zu Ehren des Aaron Silberstein dazu, die Weichen für seine alleiniges Regiment zu stellen, und sucht unter Berufung auf die vergangenen tragischen Übergriffe des Sabbat die Verfassung auszuhebeln – welch glückliche Fügung also für seine Pläne, daß der Sabbat solche Untaten beging. Aber Noah ist zu voreilig, hat nicht daran gedacht, andere Amtsträger an seiner Macht zu beteiligen und unter Versprechungen einzukaufen: Bei diesem ersten Putschversuch wird Noah durch den Senator der Brujah Karl Friedrichs einstweilen zurechtgewiesen, so daß er sich grimmig mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes bescheiden muß.
In der Folgezeit nun geht es den Amtsträgern der Verfassung darum, Integrität und Verteidigungswillen zu dokumentieren, und im Stile einer fröhlichen Landpartie dringt man in ein ehemaliges Sabbatversteck vor, wo man neben einer unerwarteten Begegnung mit Werwölfen auch einige ausgesprochen leicht zu bezwingende “Sabbatianer” in heroischem Kampfe besiegt – natürlich ohne eigene Verluste, und das auf Heimatgebiet eines Sabbat, von dem man längst weiß, daß er über exzellente Informationen aus den Reihen der Camarilla verfügt.
Wer auch immer im Namen der Camarilla im Humboldtbunker niedergeschlachtet worden sein mochte, auf die Moral der Berliner Kainiten hatte all dies nur geringen Effekt.
Die Bedrohung des Sabbat wenigstens gemindert, geriet die Handlungsunfähigkeit von Senat und Prinz sowie die innere Zerrissenheit der Stadt immer mehr in den Vordergrund. Jedem war nun klar, daß die Verfassung dem gestrengen Blick des Justikars nach Ablauf von dessen Frist kaum gerecht werden könnte.
Auch Noah erkannte dies und wandte sich an den Ahn der Tremere Hiob und die Fürstin der Domäne Brandenburg Eriana de Buckowîz als die beiden bedeutendsten Ahnen der Gegend, um eine Kooperation zur Abschaffung der Verfassung zu begründen.
Gegenüber beiden Ahnen machte er reichhaltige Versprechungen und leistete Treueeide, im festen Bestreben, Berlin als Prinz weiterhin regieren zu dürfen.
Der Verrat
Nach einigen Wochen der Verhandlung war eine Übereinkunft erzielt, die vorsah, daß mit Ende der Verfassung die Domäne Berlin wieder an den Clan Ventrue – genauer gesagt die Linie Woleslav-Stephan – fallen würde. Man hatte dem letzten Wunsche des Albrecht von Magdeburg entsprochen, der lange Jahre dem Traum nachgehangen hatte, ein demokratisches System könne auch unter Kainiten bestehen.
Jener Traum war aber an der harten Realität der Kainiten Berlins zerbrochen, verwest an ihrer Korruptheit, erstickt an deren Selbstsucht, vergangen an der geifernden Machtgier derjenigen Kleingeister, denen Recht und Gesetz der Verfassung zuviel Macht auf ihre Schultern geladen hatte.
Berlin war überfüllt mit kleineren und größeren Amtsträgern, die sich gegenüber jedem fremden Ahnen beeilten, ihre eigene Wichtigkeit herauszustellen, gleich als ob sie Pfaue seien oder sich ihre Macht und ihr Amt hart erarbeitet hätten. Oder als ob sie es wenigstens versuchen würden auszufüllen.
Nur wenige Kainiten hatten die Stärke gefunden, der Versuchung ihrer eigenen Macht und der Verlockung der Dekadenz nachzugeben – der Bezirksregent der Gangrel etwa, Jemeel, oder die Bezirksregentin der Tremere, Samora Lindner.
Weder diesen getreuen Amtsträgern noch den anderen “Würdenträgern” jedoch teilte Noah mit, daß er längst vor der Fürstin Eriana das Knie gebeugt hatte, denn eine Lebensschuld band ihn an sie, was er ein Jahr zuvor in kleinerem Kreise offiziell gemacht hatte.
Auch den Tremere machte er Versprechungen: Er erbot sich Schutz und Unterstützung gegen Arkadan aus, im Gegenteil würde er für die Unterstützung von Haus und Clan Tremere bei der friedlichen Beendigung der Verfassung jene Taten künftig nicht vergessen.
So war er also auch an diese freimütig durch eine Schuld und sein Ehrenwort gebunden – sein Wort als Ahn, sein Wort als Toreador.
Als dann Anfang Oktober 1999 eine Depeche des Justikars die bevorstehende Begutachtung der Verfassung beschied und gleichsam mitteilte, die Verfassung sei in bestehender Form nicht mit den Traditionen der Camarilla zu vereinbaren, da machte die Fürstin im Namen der Heveller und der Linie Woleslav-Stephan das offiziell, was im Kreise der Ahnen der Stadt besprochen und vereinbart worden war:
Die Stadt Berlin gehört und gehörte immer der Linie Woleslav-Stephan, mit Aufhebung der Verfassung aber endete das Amt des Hohen Prinzen der Verfassung. In Weisheit und Treue würde nun Noah die Fürstin huldigen und den Anspruch der Heveller auf ihr Land bestätigen – hierfür würde seine Treue des letzten Jahres belohnt werden, indem er weiterhin mit Segen der Linie Woleslav-Stephan als Lehensprinz in Berlin regieren möge.
Es werde keinen Krieg geben, wenn alle vernünftig blieben, und Noahs Ehre und Treue sei groß.
Wie sehr hatte man die Machtgier dieses Toreador unterschätzt.
Noah hieß die Fürstin eine Lügnerin. Niemals habe er sein Wort gegeben, niemals habe eine Lebensschuld bestanden.
Ihren Boten ließ er hinauswerfen, um sofort seinen Untertanen zu befehlen, die Fürstin zu töten oder gepfählt vor ihn zu bringen, wohl damit er den Amaranth an ihr begehen könne.
Auch die Tremere hieß er Lügner, brach die gegebenen Worte und spie auf das, was sein Mund noch wenige Nächte zuvor mit süßer Zunge gesprochen hatte.
Der Befreiungskrieg
Johann von Quitzow, der Fürstin Bote an jenem Abend des Verrates, suchte den Krieg abzuwenden: Jedem Kainiten der Stadt räumte er eine Woche Bedenkzeit ein, in der sich alle Kainiten den wahrhaftigen Herren Großpreußens und Brandenburgs, die ihr Blut in all jenen Schlachten um diesen märkischen Sand vergossen hatten, unterwerfen könnten.
Und tatsächlich wandte sich gut die Hälfte der berliner Kainiten in Ekel von Noah ab, der mit diesem seinen Verrat seine eigene Ehre verwirkt, die Ehre des herrlichen Clanes Toreador beschmutzt und das Ansehen eines jeden Ahnen befleckt hatte, ja, der an den ehernen Fundamenten der Gesellschaft der Kainiten gerüttelt hatte, denn wahrhaftig wenn unter den Kainiten ein Ehrenwort, eine LEBENSSCHULD, nichts mehr zählt, dann bricht fürwahr Gehenna herauf, dann wird die Gesellschaft der Camarilla zu einem Zerrbild ihrer selbst, zu einem anarchischen Moloch, wie ihn sich Noah oder seine dunklen Herren wohl wünschen mögen.
Wahrhaftig ist die Tat des Noah so ungeheuerlich, daß man nur mutmaßen kann, ob er noch Herr seiner Sinne ist, oder ob er gar im Laufe der so plötzlich beendeten Sabbatangriffe auf Berlin die Seiten gewechselt hat.
Hiermit möchte ich meinen kleinen Exkurs zur Geschichte Brandenburg-Preußens beschließen. Sollten Sie weitere Fragen haben, so bitte ich Sie darum, mir diese unter meiner Postanschrift mitzuteilen.
Ich hoffe, ich habe wenigstens einige Grundzüge der Berliner Historie beleuchten können, und bescheide einstweilen den noch immer Geschichtshungrigen, sich bis zur Fertigstellung der “Chronik des Hauses Woleslav-Stephan zu Brandenburg” (Arbeitstitel) zu gedulden.
Auf immer treu,
Arnim Grael von Valkenau
Seneschall der Fürstin Eriana de Buckowîz,
Tochter des preußischen
Großfürsten Woleslav-Stephan
Sohn des verfemten Wendenmörders
Verquillus Carolus
Sohn dessen der da genannt wird Ventrue