Chronik der Stadt

Vampire vergessen nicht. Aber sie lassen sie oft von ihrer Erinnerung trügen. Dem, was sie einst glaubten. Der Art, wie sie es heute sehen möchten. Aus politischem Kalkül. Aus persönlichem Sehnen. Vor allem aber: Aus Rechtfertigung vor dem, was man tat. Und was man daraus geworden ist.

Das Fundament der Berliner Erinnerung möchten zwei Texte sein, die von sich in Anspruch nehmen die Wahrheit und nichts als dieselbe zu beinhalten. Das eine ist die VALKENAU-CHRONIK aus der Feder Arnim Grael von Valkenaus, zuweilen auch “Märkische Ventrue-Chronik” genannt, das andere die STOLZENFELS-CHRONIK zuweilen auch “Märkische Brujah-Chronik”, angeblich aus der Feder des Brujah-Ahnen Vlad von Stolzenfels – und beides sind scheußliche Propagandastücke, die ihre jeweilige Agenda nur schlecht verhüllen.

Darüber hinaus aber gibt es noch weitere Quellen: Die heute nicht mehr vorhandene “Waldburg-Chronik”. Die Lebenserinnerungen der Berliner Anverwandten. Die Erzählungen der Alten. Die schnaubende Verachtung des Prinzen für die Chroniken. Das abfällige Lachen der westdeutschen Ventrueahnen für den Emporkömmling aus dem Osten und das arrogante Potsdamer Ahnenzirkelchen. Spuren in tausend und keinem Schriftstück – manchmal bestätigend, öfter im Widerspruch stehend – das in verborgenen Archiven oder von der Zeit und Kriegsfeuern angenagten Kladden vor sich hin gammelt.Die folgende, hier niedergelegte Geschichte nimmt nicht für sich in Anspruch, wahrhaftig zu sein. Mit Sicherheit ist sie auch nicht die ausführlichste Version, die doch nur übermäßig von den beiden schon genannten Quellen geprägt sein kann.

Nein, es ist mehr eine Version der Geschichte Berlins, auf die sich die Berliner Vampire unabhängig ihres Clanes oder ihres Konventes innerhalb der Camarilla der Stadt einigen können.

Und so beginnt sie:

Im tiefen Mittelalter, da im Westen schon Dutzende Domänen unter eiserner Faust weniger Ventruelinien entstanden sind, da die Brujah und Ventrue sich in Sachsen bekriegen und der von den Toreador ebenso gefeierte wie beweinte Grand Court in Paris erblüht und vergeht, ist Brandenburg eine weites, leeres Land.

Getrennt und beschützt gegen die Unruhen Sachsens durch den mächtigen Strom der Elbe haben sich hier zwischen Elbe und Oder Slawen niedergelassen, die sich im Laufe der Zeit mit den wenigen Germanen der Gegend verbinden, die nicht in der Völkerwanderung gen Westen geflohen sind vor dem grausen Heulen der Kriegsghule und den Schrecken der Tzimisce und ihrer Heerscharen.

Wie es ist seit immer und allzeit bleiben wird, sind die Bewohner Brandenburgs Vertriebene und Pioniere zugleich. Andernorts unerwünscht, doch mutig genug, die geltenden Regeln in Frage zu stellen und den Neuanfang zu wagen.

Wie Brandenburgs erste Herrin, Ilse Reinegger.

In einer Zeit, als an einen Clansbund wie die Camarilla nicht einmal zu denken war, in dem die Brujah Sachsens gegen die Ventrue Frankens streiten, die Malkavianer aus Dänemark und Schweden die jungen Reiche verheeren und die Lasombra hinter der römisch-katholischen Kirche versuchen, ganz Europa in den Schatten ihrer Gier zu ersticken, legt sie den Grundstein ihrer Macht: Weitab vom wüsten Treiben der frühen Höfe, etabliert sie sich als Macht hinter den Askaniern, die im öden Grenzland der Mark Brandenburg Frieden und Sicherheit schaffen sollen.

Indem sie ihre Herrschaft über die Nordmark und alsbald auch über die Billunger Mark und die Lausitz ausdehnt, erschafft sie wohl mehrere Kinder, davon das letzte im Jahr 1220 Gustav Breidenstein ist.

1257 alliiert sich die Ventrueherrin der Mark mit zwei Ventrue aus dem Westen, deren Linie die Sachsenlande beherrscht. Die dort seit Langem etablierten Ventruehäuser erkennen die Herrschaft der Provinzprinzessin an, um gemeinsam Deutschland aus der Kontrolle der Lasombra zu bringen.

Durch das Zweckbündnis der Ventrue werden Brandenburg Kurrechte zugeschoben und Ilse erhält über Heiraten und Erbschaften, Lehenseide und Kriegsführung ihrer askanischen Vasallenfamilie die Kontrolle von immer mehr Gebieten, bis sie auf dem Höhepunkt ihrer Macht 1266 nicht nur über die Marken, sondern auch über die Herzogtümer Böhmens sowie über Österreich und die Steiermark herrscht.

So gewaltig wird ihr Einfluss, dass sie immer öfter aus ihrem Sitz in Beelitz wegziehen muss und die Geschäfte ihrem vertrauten Kind Gustav Breidenstein überlässt. Dieser muss schnell lernen, sich zu behaupten: Die Abwesenheit der Herrin des Landes weckt Begehrlichkeiten anderer Vampirsippen, welche die Mark zu Recht als angreifbarsten und schwächsten Stein in der “Festung” der Ventrue in Mitteleuropa sehen.

Es gilt als ziemlich sicher, dass das Erlöschen des Geschlechtes der Askanier durch die Machenschaften der Anverwandten verursacht wurde, und das dem Gebaren jener Zeit vor der Camarilla entsprechend öfters sehr direkt als aus den Schatten heraus.

Noch einmal versucht Ilse Reinegger mit Hilfe eines “falschen Woldemar” die Kontrolle über Brandenburg zu erhalten, doch am Ende kann der Konflikt nur durch den direkten Kampf gegen den bayerischen Ventrueahnen Janus Lukas entschieden werden, der sie zuerst zur Allianz gegen die Lasombra bewogen hatte, nur um ihr nun die Brandenburg zu entreißen und seiner eigenen Vasallenfamilie einzuverleiben. Ilse Reinegger stirbt im Duell gegen den weit mächtigeren Ahnen, ihr Leib verbrennt in ihrem Beelitzer Stammsitz.

Das Erbe, das Gustav Breidenstein antritt, ist schwer. Seit über einem Jahrhundert schon war der Stern Ilse Reineggers am Sinken, ihr Reich wird bedrängt sowohl von den Feinden der Ventrue-Allianz als auch den konkurrierenden west- und süddeutschen Ventruefamilien selbst. Die gewachsene politische Bedeutung der Mark wurde ihr Untergang – nicht zuletzt deshalb, weil der strategische Wert in der Reichspolitik in keinerlei Verhältnis zur wahrhaftigen “Größe” bzw. Kleinheit der Mark Brandenburg stand: Diese war trotz gewachsener Ortskerne doch weiterhin wild, wüst und ärmlich.

Als Ilse vernichtet wurde, war die Inquisition und in ihrer Folge die erste Anarchenrevolte längst losgebrochen. Nun war die Abgelegenheit Brandenburgs ein Überlebensvorteil, der Gustav Breidenstein Zeit zum Kräftesammeln gab. Und Zeit zum Denken.

Während gerade im Westen die alten Bündnisse zerfallen, kann Breidenstein mit den verräterischen Ventrueahnen einen Frieden aushandeln. So befreit von der ärgsten Sorge, schafft sich Gustav Breidenstein eine eigene Brut, mit der 1437 beginnend über 80 Jahre lang die Mark konsolidiert, darunter 1440 Wilhelm Waldburg und 1507 Katarina Kornfeld.

Schon 1440 bringt Breidenstein mit Friedrich II. aus dem Hause Hohenzollern seinen ersten Vasallen im Einvernehmen mit der diese Linie beherrschenden Ventruesippe unter seine Kontrolle. Der neue Kurfürst von Brandenburg erhält schnell den Beinamen “Eisenzahn” oder “der Eiserne” – ein Beiname, der sich bald auf Breidenstein überträgt. Schnell wendet sich Gustav Breidenstein seiner zukünftigen Residenzstadt Berlin zu, die er nach einigem Ringen gegen den dort vorher herrschenden Provinzprinzen am 26. Februar 1442 unter seine – und Friedrichs – Kontrolle bringt.

Gustav Breidenstein trennt sich zügig von Besitzungen Ilses, die er im Moment nicht halten kann – darunter 1433 die vom Deutschen Ritterorden Rheinhardt von Trottas beanspruchte Neumark, die Breidenstein aber schon 1454 wieder nach Brandenburg zurückkaufen kann – und zettelt 1448 zettelt selbst den Berliner Unwillen an, den er zum Vorwand für eine Unterwerfung der Stadt unter die direkte Herrschaft seines Vasallen Friedrich II. verwendet:

Der armselige Marktflecken Berlin-Cölln ist nun die Residenzstadt eines Kurfürsten, und Gustav Breidenstein hat somit die Domäne Berlin begründet, ein Akt, der in der Erbauung des Berliner Schlosses ein Symbol erhält, dass erst in den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges vergehen soll.

Fernab der brandenburgischen Länder haben sich die Geschlechter der Vampire in einem erbitterten Krieg fast gegenseitig ausgelöscht. Ganze Bruten junger Vampire sind schamlos von ihren Erschaffern der rasenden Inquisition der katholischen Kirche ausgeliefert worden, um nur etwas kostbare Zeit zu erkaufen.

Vor Feuer und Blutjagden fliehende Vampire tragen Pest und Verderbnis in die Städte der Menschen, die in Siechtum und Gewalt versinken. Ganze Vampirclane fallen Vampirjägern oder ihren eigenen Bruten zum Opfer, andere werden zerstört gewähnt, um später in den Reihen teufelsanbetender Monstren aufzutauchen, die sich Schritt um Schritt zu einem großen, infernalischen Vampirkult vereinen, wie ihn die verstreuten Höfe der despotischen Vampirfürsten noch nicht gesehen haben.

Aus dem Chaos dieser Jahre aber tritt nicht nur der Sabbat, sondern auch die Sekte der Camarilla.

Geboren als Gedanke der Gemeinsamkeit steht sie entgegen dem herrschenden Prinzip der Alleinherrschaft, unter dessen Doktrin jeder Vampir alleine für einen von ihm kontrollierten Hof oder gar eine ganze sterbliche Vasallen- und Fürstenfamilie steht – und dieser Nächte stirbt. Die Vampirfürsten wähnen das Ende ihrer Welt gekommen, und sind unter dem Eindruck des nahenden Unterganges bereit, Zugeständnisse zu machen. Privilegien aufzugeben, um den Schutz der Gemeinschaft zu erfahren.

Unterstützt vor allem durch die Vampirfamilie der Ventrue und der Toreador sowie einem geheimnisvollen Konvent vampirischer Hexer wird die Camarilla vor allem durch ihr Informations- und Kooperationsnetzwerk bald zu einer wahrnehmbaren Kraft, die nicht länger ignoriert werden kann.

1480 hat Gustav Breidenstein die Domäne der Residenzstadt Berlin-Cölln durch Härte und Stärke unter unangefochtener Kontrolle, so dass er sich fortan intensiv dieser im Entstehen begriffenen neuen Vampir-Sekte widmen kann.

Schon vor deren Gründung verfolgte Breidenstein eine eher indirekte Herrschaft über die Menschen und eine klare Jurisdiktion gegen Vampire: “Befolge die Gesetze oder stirb”. Mit beidem gilt Breidenstein als Vorreiter des zukünftigen Prinzentyps der Camarilla, der er sich sofort mit der offiziellen Gründung der Camarilla im Jahre 1486 anschließt und einer ihrer vehementesten Fürsprecher wird.

Die Feuer der Inquisition, die Anarchenrevolte und die Gründung der Camarilla haben die Machtstrukturen in Europa schnell und endgültig verändert:

Unter dem Regulum der Maskerade sind die Ahnen Europas gezwungen, ihre bislang eher offen ausgetragene Herrschaft mehr in den Hintergrund zu verlegen und sich in den Werkzeugen ihrer Fehden auf unauffällige Mittel zu bescheiden.

Mittel, die Gustav Breidenstein meisterlich beherrscht, wie sich bald zeigt.

1569 ist vielleicht das entscheidendste Jahr für die Domäne Berlin, denn in diesem Jahr legt Gustav Breidenstein das Fundament für die spätere Macht Preußens:

Der brandenburgische Kurfürst Joachim II. wird mit dem Herzogtum Preußen belehnt.

Diese erneute Ballung politischer Macht in Berlin samt der ihr folgenden Menschenströme erregt nun auch die Aufmerksamkeit der vereinzelt im Brandenburgischen herrschenden Prinzen, die sich von der plötzlichen Machtansammlung in den Händen des just ins Ahnenalter kommenden Berliner Prinzen bedroht sehen.

Der folgende Zwist um die Grenzen der Domäne Berlin ist lang, aber unvermeidbar. Am Ende stehen sich die beiden Parteien – hier das Haus Breidenstein, dort der sog. “Märkische Bund” (auch Hevellerbund genannt) – im Patt gegenüber. Unfähig, die jeweils andere Partei zu überwinden, wird das “Toleranzedikt von 1600″ geschaffen, das den in der Mark Brandenburg und Preußen liegenden Domänen weitgehende Autonomie innerhalb ihrer eigenen Grenzen garantiert, unterdessen Breidenstein die völlige Freiheit erhält, Einfluss auf die Krone Brandenburgs und Preußens zu nehmen, und in Berlin nicht behelligt werden darf.

Schlussendlich profitieren die Vampire der umliegenden Gegenden nun von Wachstum und Stärke des Reiches Breidensteins, denn solange er herrscht, haben sie ihren Frieden – und nicht wenige treten im Laufe der Jahre der Camarilla bei oder suchen Gustav Breidenstein auf andere Weise zu schützen und zu stützen.

Unterdessen Gustav Breidenstein noch mit den Anverwandten der umliegenden Domänen am Ringen ist, suchen die Anhänger des Konvents der Tremere die noch instabile Lage der Camarilla für die Verbesserung des eigenen Standes in derselben auszunutzen:

Sie entsenden 1570 im Geheimen den Nekromanten Elias nach Berlin. Dieser soll für sein Haus spionieren und die Geschehnisse in den Marken zum Vorteil der Tremere manipulieren. 1575 wird er gefasst und als Verbrecher gegen die Tradition der Domäne hingerichtet. Der Konvent der Tremere empört sich hierüber und schickt den als Amt frisch eingeführten Justiziar Karl Schreckt nach Berlin, um Gustav Breidenstein eine Entschuldigung abzupressen. So entrüstet ist Gustav über diese Anmaßung, dass er dem Befehl desselben zwar nachkommt, seine Entschuldigung aber an einem Pflock anbindet, den er Schreckt ins Herz stößt, ehe er ihn von einigen Ghulen nach Wien schaffen lässt.

Und obgleich durch eine Konklave der Fall geklärt wird und die Tremere darin ermahnt werden, solcherlei Verkehrung der Autoritäten ihres Justikars zu unterlassen, nehmen die Hexer dennoch furchtbare Rache und schicken 1576 die Pest gegen Berlin, der 4.000 Menschen zum Opfer fallen.

Die Bühne für die kommenden blutigen Fehden ist bereitet.

Das anbrechrende 17. Jahrhundert führt zu Umwälzungen der Gesellschaft, die sich niemand heute mehr vorzustellen vermag. Der immer ausgefeiltere und schnellere Buchdruck führt zu einer rasanten Ausbreitung des Wissens, die durch die Camarilla geförderte Verbreitung von Gelehrsamkeit und der Abkehr vom Aberglauben verkehrt die Welt der Sterblichen, und die Entdeckungen ferner, fremder Länder entflammen die Fantasie.

Alles wird mit einem Mal in Frage gestellt, die Traditionen des Lebens werden hinweggefegt.

Der aus dem Enthusiasmus der Veränderungen geborene Krieg ist unglaublich und dauert 30 entsetzlich lange Jahre. Ein Krieg, der vielleicht nicht so furchtbar und lang gewesen wäre, hätten nicht die Vampire versucht, durch die Camarilla verlorene Privilegien gewaltsam zurückzuerobern oder sich in der noch immer instabilen Sekte einen vorteilhafteren Platz zu erstreiten.

Brandenburg verfügt über keinerlei Heer, mit dem es sich an der Vielzahl der Kriege, die wir heute zum Dreißigjährigen Krieg zusammenfassen, beteiligen könnte. Vielmehr besteht die Verteidigung Brandenburgs aus “kleinen schwachen Kleppern, oder auch Kutschern, Vögeten, Fischern und dergleichen schlimb und unversucht Lumpen gesinde”, wie Kurfürst Johann Sigismund 1610 verzweifelt feststellt.

Zwar fällt Preußen 1618 durch den Tod des letzten fränkischen Hohenzollern endgültig Brandenburg zu, aber darüber kann sich in den Kriegsjahren niemand freuen:

In den Jahren von 1618 bis 1648 durchziehen zahllose Heere die Mark Brandenburg, nicht um mit Brandenburg Krieg zu führen (gegen wen auch), sondern einfach um von Schlacht zu Schlacht mit anderen Parteien zu gelangen. Bei jeder Durchquerung der Mark brandschatzen und plündern die Truppen der verschiedenen Heerbanner, denn sie erhalten keinen Sold, dürfen aber wo immer sie hingehen sich ihren Sold erplündern, so dass die Landbevölkerung Brandenburgs bald schon nichts mehr hat. Hinzu kommt ab 1625 die Pest, die besonders in der Neumark schlimm wütet und hinter der Gustav Breidenstein erneut und vermutlich zu Recht einen Racheakt der Tremere gegen seine Person sieht.

Ab 1639 kommt es zu großen Flüchtlingsbewegungen in Brandenburg, wer irgendwie kann, verlässt die Mark – viele Vampire fallen durch Mangel an Blut in Starre, verbrennen in ihren Burgen, fliehen aus dem Land oder sinken in Schlummer.

Zwischen 1640 und 1641 marschieren die Schweden 194 mal(!!!) durch die Mark Brandenburg, plündern und verwüsten und töten aus Frustration darüber, dass das Volk ihnen absolut nichts mehr geben kann.

Am Ende des Dreißigjährigen Krieges ist Deutschland ein Flickenteppich kleiner und kleinster Reiche. Nur Brandenburg-Preußen besitzt eine geschlossene, große Fläche – dafür aber ist diese eine kriegswirre Ödnis:

Eine Volkszählung ergibt 1652, dass der Bevölkerungsverlust Brandenburgs bei etwa 50% liegt. In Prignitz, Uckermarck, Barnim und der nördlichen Neumark liegt er sogar bei über 90%. Zahllose Dörfer und selbst einige Städte sind wüst und leer. Potsdam besitzt nach vielen Plünderungen und Bränden noch 700 Einwohner und gilt als kläglicher Ort. Auch ein Drittel der Häuser Berlins wurden zerstört und die Bevölkerung schrumpfte von 10.000 auf 6.000 Einwohner.

Der Untergang Berlins und der Marken gilt als Wendepunkt der Breidensteinischen Politik, der spätestens hier beschließt, nicht länger Spielball fremder Mächte, sondern absoluter Herr des Schicksals seiner Domäne sein zu wollen.

In einer Zeit, da die anderen Vampire ihre Kontrolle weitestgehend verloren haben und die zersplitterten Vasallenfamilien immer wieder in nichtige Grenz- und Erbstreitigkeiten zerfallen, hebt Gustav Breidenstein sein neues Reich aus der Asche.

Indem er von seinem per Toleranzedikt verbrieften Recht zum freien Gebrauch des brandenburgischen Kurfürsten Gebrauch macht, lässt er niederländische und friesische Bauern ins Land holen, sorgt 1651 für die Einberufung eines Geheimen Rates in Brandenburg und beginnt, das riesige, aber strukturschwache Reich durch neue Ghulbedienstete, Kontakte an den richtigen Stellen und Manipulation der richtigen Würdenträger komplett neu zu organisieren. Da die Verwaltung des Landes auf traditionelle Art und Weise mit derart wenigen Untertanen eine unmögliche Aufgabe darstellt, wird das Beamtenwesen geschaffen, das nun und für immer zum Zentrum der preußischen Kultur werden wird.

Obwohl die Frage von “Huhn und Ei” in der Sache des preußischen Beamtenwesens ungeklärt ist, unterhält Breidenstein ohne Zweifel zu einer Zeit, da die Erschaffung eines stehenden Heeres selbst für Sterbliche als Novität bestaunt und belächelt wird, einen straff durchorganisierten Hof aus seinen eigenen Kindern und einer ansehnlichen Zahl an sorgsam ausgewählten Ghulen, darunter auch Arnim Grael von Valkenau, der als Verfasser der nicht ganz wertfreien, nach ihm benannten Stadtchronik später zu einiger Berühmtheit gelangen wird.

Der Berliner Prinz heißt das spätere Kind Katarina Kornfelds Memhardt 1650 einen umfangreichen Stadtplan Berlins erstellen und die Stadt von selbigem Mann, der den Anverwandten später unter dem Namen Albrecht von Magdeburg bekannt wird, 1658-1683 zur Festung ausbauen. Er lässt 1674 die Dorotheenstadt errichten und – vielleicht eine seiner größten Leistungen – mit Hilfe auch einiger in das preußische Heer eingeschleuster Ghule besiegen die brandenburgischen Truppen dank Disziplin und neuartiger Heerführung mit nur 5.700 Mann ein weit überlegenes schwedisches Heer aus 11.000 Mann beim Dorf Hakenberg südöstlich von Fehrbellin (Schlacht bei Fehrbellin).

Die wieder erblühende Stadt, die neu geformten Parade- und Prachtstraßen, das Glänzen der Uniformen, die herrlichen Treibjagden auf die Werwölfe, es ist die Blüte der Macht des Hauses Breidenstein, die in der Selbstkrönung Friedrichs I. zum König von Preußen 1701 ihren Höhepunkt findet.

Außen- wie innenpolitisch öffnet Gustav Breidenstein Berlin, stellt aber gegenüber jedem der zahlreichen die Stadt bereisenden Kainiten – darunter viele Toreador, die schier sprachlos vor Preußens Glanz und Gloria sind – unmissverständlich klar, dass ein Bruch der Traditionen in seiner Stadt nur eine Strafe kennt: Den endgültigen Tod.

Gustav verzichtet auf die Errichtung eines Primogensrates, wie er in jenen Tagen in vielen anderen Städten Mode wird. Von einer Beteiligung anderer Kainskinder an der Macht hält er nach den Verraten und feigen Fluchten früherer Residenten im Angesicht vorübergehender Krisen nichts.

Ab 1730 sind Berlin und Potsdam faktisch eine Domäne. Gustav wählt immer mehr Potsdam für seine Hoftreffen und auch die traditionellen Zusammenkünfte der Anverwandten finden immer häufiger in der neuen Residenzstadt Potsdam statt.

1789 benutzen die Toreador die französische Revolution dazu, die bisherigen Herren der französischen Domänen, meistenteils Ventrue der dekadenten Alexanderlinie, zu stürzen und zu vernichten. Immer wieder werden den Revolutionstruppen Verstecke und Aufenthaltsorte von Vampiren gleich welcher Familie und Glaubens zugespielt, die in den Flammen der Revolution vergehen oder zum Opfer von Mme. Guillotine werden. Begeisterte Wegbereiter sind freilich die Brujah, die sich in jenen Jahren in der “Alliance des Roses et Épines” (Bund von Rosen und Dornen) mit den Toreador zusammenschließen.

Das wahrhaft Entsetzliche aber geschieht in den Jahren nach der Schreckensherrschaft:

Francois Villon, der neue Toreador-Prinz von Paris, proklamiert seine Alleinherrschaft über ganz Frankreich, und die geringeren Vampirfürsten der französischen Domänen beugen vor seinem Ruf das Knie.

Damit und mit der durch Villon bekundeten Absicht, die neue französische Republik durch sterbliche Lakaien sehr direkt zu führen, begründet Villon eine völlig neue Größenordnung vampirischer Machtfantasien.

Die Elysien Europas sind entsetzt: Zwar bekennt sich Villon zur Camarilla, aber die Vernichtung unzähliger Ventrue durch ihn und seine willfährigen Diener strafen seine Worte Lügen.

Die folgenden Jahre sehen immer wieder Kämpfe der Vampire in den Schatten abseits der Schlachten der Menschen. Wo immer Frankreichs Truppen hingehen, folgen ihnen die Toreador, und in vielen Domänen kommt es zu blutigen Kämpfen um den Thron, welche jedoch zumeist durch eine wachsende Zahl von Allianzen gerade der deutschen Ventrue untereinander verhindert oder bald wieder rückgängig gemacht werden können.

Verärgert über die gescheiterten Putschversuche in Deutschland, lässt Villon durch Napoleon das Problem auf eine andere, radikalere Art lösen: Die Domänen der Ventrue sollen fallen, unter das Joch der Tricolore gezwungen werden, auf dass Clan Toreador Europa mit seiner “Grande Nation” beherrsche und den Hauptsitz in der Camarilla übernehme.

Der Krieg um die Clansvormacht innerhalb der Camarilla hat begonnen!

Am 27. Oktober 1806 schließlich marschiert Napoleon in Berlin ein. In seiner Begleitung erreichen mehrere Toreador und Brujah die Domäne, die den eigentlich kurzen Aufenthalt Napoleons in der Stadt dazu nutzen, Kunstwerke zu stehlen (darunter die Quadriga), die Vampire Berlins zu demütigen, sich an ihren Ghulen und Kindern zu vergehen und einige davon gen Paris zu verschleppen, um sie Tieren gleich auszustellen und zu Tode zu bringen.

Als letzte Demütigung vor ihrem Weiterzug 1810 zwingen die Gesandten Villons den Berliner Prinzen dazu, seine drei erstgeborenen Kinder auf einer fürwahr makaberen Festivität, dem “Danse Macabre”, öffentlich hinzurichten.

Es sind dies Eberhardt Vogt, Balthasar von Schliewen und Dorothea Schwarzaar, die durch ihren Tod den vormals wenig beachteten Wilhelm Waldburg zum Prinzregenten und Thronfolger des Hauses Breidenstein machen.

Aus der napoleonischen Schreckenszeit erwächst das Imperium der Ventrue:

Über alle Grenzen, Fehden und Linienzwiste hinweg eint der Clan der Könige seine Bemühungen gegen die Invasion der Toreador und der mit ihnen verbündeten Brujah, und begünstigt somit auch den Zusammentritt der durch uralte Linienfehden getrennten Fürstentümer zum Deutschen Reich. Hierbei erweist sich Gustav Breidensteins Einfluss als instrumental, der sowohl als “Externer” und nicht in die kleindeutschen Fehden involvierter Fürst hohen Ansehens als auch Macht in den Schatten Preußens und seiner noch immer starken Armee doppelt geeignet ist, den Einigungsprozess voranzutreiben. Und so zum glorifizierten Heilsbringer der deutschen Ventruereiche wird.

Während auch Gustav Breidenstein sein Augenmerk immer mehr der Beeinflussung der Staatsaffären Preußens und die Einigung Deutschlands widmet, schließt sein Prinzregent Wilhelm Waldburg 1837 einen Bündnisvertrag mit den Nosferatu unter Melitta Wallenberg, mit deren Hilfe es Waldburg 1848 gelingt, einen Umsturzversuch der Brujah in Berlin zu verhindern.

Mit dieser Glanztat schüttelt Wilhelm Waldburg endlich auch in den Augen seines Erschaffers das Stigma ab, nur “zweite Wahl” zu sein, und Breidenstein erachtet ihn nun wahrhaftig als Ersten Sohn und Thronerben, der nun auch direkt die preußischen Staatsangelegenheiten mitentscheiden darf.

Mit der Gründung des Deutschen Reiches und mit dem Abschluss eines internen Bundesvertrages zwischen einzelnen namhaften Ventrue zu Deutschland, Österreich, Russland und Großbritannien ist die Zeit der Ventrue damit endgültig heran.

Das Imperium der Ventrue hat begonnen.

Der Untergang Napoleons im 19. Jahrhundert sowie der Französische Angriffskrieg von 1870/71 als letzter der deutschen Einigungskriege markiert auch den Zeitpunkt, da der geeinte Clan Ventrue die Vorherrschaft in der Camarilla übernimmt. Mit Gustav Breidenstein als prominenteste Stimme des Clanes.

Das Imperium der Ventrue führt zu einem Erblühen der Camarillakultur in Europa, wie sie zuvor selten zu sehen war. Speziell durch das Bündnis des Ventrue-Hauses Habsburg mit dem Hause Breidenstein, den wichtigsten britischen Ventruelinien und einigen wichtigen Ventrue hinter dem Zaren Russlands war ein Bund entstanden, der einen verheerenden, natürlich durch “Fremdclane” initiierten Krieg in Europa unwahrscheinlich werden ließ, denn wo die Herrscher der Nacht sich verbünden, konnten schon oft die menschlichen Herrscher vom Kriege abgebracht werden.

Aber wo das Große herrscht, entsteht auch Unwillen, und im Beginn des Zwanzigsten Jahrhundert war aus diesem ein ständiger Quell von Unruhen geworden, als Vampire aller Clane in den Räten der Domänen sich gegen die Herrschaft des Prinzen sperren, Umstürze versuchen oder fremde Brujah die Lehre des Kommunismus skandierend für einen Anstieg der Gewalt sorgen.

Letztlich ist es eben diese Stabilität des Imperiums, die es bedroht – denn wo Stabilität herrscht, kann nie eine Aufstiegchance für einen Emporkömmling nahen, kann niemand hoffen, selbst den Thron an sich zu bringen – und so sorgt der Drang nach Veränderung für zuweilen seltsame Bettgenossen unter den eben das Ahnenalter erreichenden Ancillae der Clane.

1914 überzeugt Gustav Breidenstein bei einem hochherrschaftlichen Clanstreffen zu Potsdam die anwesenden Ventrue aus zahlreichen europäischen Domänen davon, dass die Streitsucht der anderen Clane den Untergang der Camarilla bedeuten könnte, wenn die Herrschaft der Ventrue nicht endlich von allen akzeptiert würde.

Es sei nunmehr nach sorgfältiger Betrachtung erwiesen, dass kein Clan so getreulich zur Camarilla stehen würde wie die Ventrue, und dass es zum Erhalt derselben darum die zwingende, “vom Schicksal auferlegte” Aufgabe sei, Europa als Herzland der Camarilla zu ihrer Festung zu machen, “zur Festung unter der weisen Führung des größten Bundes der Ventrue, den die Welt je gesehen hat.”

Alle, die an jenem Abend in das Projekt einwilligten, durch sorgsame Orchestration eines großen Krieges die Machtbasen vor allem des Clanes Toreador zu zerschlagen, werden von den sich daraus entwickelnden Ereignissen überrascht. Jeder Krieg hat eine Eigendynamik, insbesondere aber die Kriege der Moderne, die eben nicht nur einem König oder einem General gehorchen, sondern ein komplexes Gespinst vieler Faktoren sind, die sich durch kainitische Herrscher längst nicht mehr so beeinflussen lassen, wie es die Kainskinder gewohnt waren.

So nutzten die vampirischen Schattenspieler im Vorfeld des Ersten Weltkrieges die bestehenden Spannungen der Länder der Sterblichen zueinander aus, indes ohne wie erhofft Einfluss auf die konkrete Ausführung der sich daraus entspinnenden Kriegshandlungen gewinnen zu können.

Als dann noch überraschend die britischen Ventrue den Bund verlassen, fürchtend, die auf Seiten Gustav Breidensteins stehenden Prinzen des Reichsdomänenbundes seien zu mächtig geworden, wäscht das Chaos eines nie gekannten Weltkrieges jeden hehren oder sinistren Plan jeder der beteiligten Kräfte hinweg.

Erst durch diese Öffnung in den Reihen der alliierten europäischen Ventrue wagen es nun auch die nach Amerika vertriebenen Kainskinder vor allem des Sabbat, manipulierend in den Krieg einzugreifen und die Festung Europas aufzubrechen, auf dass ihr die Einheit für den Kampf in Übersee, dem letzten Refugien der Anarchen, noch lange fehlen würde.

Nachdem der Sieg im Ersten Weltkrieg unmöglich wurde, rücken viele Verbündete von Gustav Breidenstein ab. Die staatslenkenden Netze der Ventrue sind weitgehend zerstört oder werden mit der Auflösung des Staates Preußens ihrer Basis beraubt. Unerkannt und unerwartet haben die Menschen sich von der geheimen Kontrolle der Vampire befreit, ohne je ihre Manipulationen auch nur erahnt zu haben.

Deutschland wird in die Knie gezwungen und so radikalen Maßnahmen unterworfen, dass das Reich an ihnen zerbrechen und vergehen muss – auf immer.

Nach dem Sieg über Deutschland und der faktischen Machtübernahme der Brujah in Russland erkennt Wilhelm Waldburg, dass die Ventrue-Macht in Europa in Gefahr geraten war, endgültig unterzugehen. Er überzeugt den vom totalen Zerfall des Ventruebundes schwer gezeichneten Gustav Breidenstein, dass die Domäne und auch Deutschland dringend Veränderung brauchte.

Kein Jahr nach Ende des Krieges wird Deutschland zur (Weimarer) Republik, dessen Regierung aber aufgrund der Kriegsforderungen bankrott und somit nicht handlungsfähig ist. Gustav Breidenstein ist zwar noch Prinz Berlins, jedoch konferieren die Kainskinder nicht mit ihm, sondern nur mit seinem Prinzregenten Wilhelm Waldburg, der ein neues, erstmals alle Clane umfassendes Primogen um sich errichtet.

Die Toreador Michelle LaRoche, Mitglied dieses Primogens, genießt wie viele andere der durch die Berliner Nächte flanierenden auswärtigen Vampiren die freieren Gesetze und verhilft ihrem Club “LeSang” durch ihren Einfluss im Primogen zu mehr Offenheit und stadtbekanntem Ruhm, der jederzeit die Maskerade zu durchbrechen droht.

Zwischen 1920 und 1935 nimmt das Ausmaß der Konfrontationen in Deutschland stetig zu. Der Zerfall des Ventruebundes hat ein Machtvakuum hinterlassen, um das nun viele Parteien streiten, darunter vor allem die Ancillae, die vom Fiebertraum der eigenen Domäne elektrisiert werden, herrschen sie auch über bankrotte Ruinen ohne Glanz, ohne Kultur, ohne Macht.

Ohne die Führung eines starken Bundes von Prinzen leidet die Camarilla in der Nacht ganz genau wie die junge Weimarer Republik bei Tage unter Kopflosigkeit, Chaos, Korruption. Mehrmals im Jahr werden Konklaven und andere Zusammenkünfte einberufen, die nichts bewegen, als Feindschaften zu vertiefen.

Man hat den Plan noch nicht aufgegeben, die Nationen der Menschen durch indirekte Manipulation und sie sanfte Beeinflussung bereits vorhandener Tendenzen dem Willen der Vampire zu unterwerfen – mit verheerenden Folgen, wie sich zeigen wird.

Der Sabbat in Amerika erreicht hingegen sein Ziel: Da Europa mit sich selbst beschäftigt ist, kann er 1920 die Kontrolle über Mexiko an sich bringen, unterdessen die Anarchen in Kalifornien ihr eigenes kleines Reich ausrufen.

Ab 1920 spitzt sich die Situation drastisch zu: Als 1923 französische und belgische Truppen den Völkerbund missachtend in das Ruhrgebiet einmarschieren, erschüttert ein Putsch die Stadt München, und auch Gustav Breidenstein bereitet sich mit der geheimen Erschaffung eines neuen Kindes, Wolf von der Nachten, auf die kommenden dunklen Zeiten vor, fest davon überzeugt, dass hinter jenen Übergriffen nur die wiedererstarkten Toreador um Villon stecken können.

Die größte Stärke Gustav Breidensteins ruhte stets auf seinem Talent zur Organisation. Und so schmiedet er aus Vampiren wie Albrecht von Magdeburg, Theodor Vermoldt und Wolf von der Nachten sowie Ghulen wie Arnim Grael von Valkenau, Hagen Grimmwald und Heinrich Küritz eine schlagkräftige und eingespielte Truppe, die er für sein letztes großes Vorhaben, die Errichtung Berlins als Krondomäne Deutschlands nach Pariser Vorbild, benötigt.

Am 23. Mai 1935 führt die aus Vampiren und Ghulen bestehende geheime Kabale der Order Operation “Königstreu” durch: Die Order stürmt eine Versammlung des Rats der Erstgeborenen und löst ihn auf. Der längst als Putschist entlarvte Wilhelm Waldburg wird in seiner Residenz angegriffen, ist aber bereits zuvor von den Nosferati gewarnt worden und entkommt. Gustav Breidenstein ist wieder Prinz von Berlin.

Die Zwischenkriegsjahre haben viele deutsche Ventrue entwurzelt. Getreue Gefolgsleute des Ventruebundes wie solche, die am Ende versucht hatten, sich an die jeweiligen lokalen Usurpatoren zu verkaufen, litten gleichermaßen unter dem Zerfall des Landes, das einfach nicht zur Ruhe kommen wollte. Gustav Breidenstein versammelt nun einmal mehr Verbündete an seiner Seite: um den Erhalt der Camarilla besorgte Ventrue aus Deutschland, Österreich, Polen, Italien, Ungarn, Russland, selbst Amerika, wo der Sabbat seinen Einfluss stetig ausweitet.

Allen ist klar, dass ein Umsturz in Europa nicht erfolgen kann, solange die Weimarer Republik besteht: Keine Fraktion bekommt diesen liederlichen Haufen wechselnder Regierungen und Entscheidungsträger in den Griff, und um Europa einen langen Krieg zu ersparen, ist es nötig, dass es zentrale Entscheidungsorgane gibt, die in der Hand des Bundes sind, dass es ein Pressewesen geben muss, dass die bedrohlich gewordene Kraft der Öffentlichkeit beeinflussen kann, und dass es die rechtliche Handhabe geben muss, unbequeme Personen wie entdeckte Agenten des Feindes auszuschalten und maskeradegerecht wegzuräumen.

Nur eine Kraft im Deutschland der 30er Jahre bietet diese Möglichkeiten.

Mit Hilfe der neu durch die Nazis geschaffenen Strukturen dehnen einige deutsche Prinzen ihren Einfluss schnell auf umliegende Gebiete aus, die oft in Form von Gauen angegliedert und durch die eigene Brut oder nützliche Verbündete kontrolliert werden. Die spanischen Ventrue setzen auf Franco, um das Land neu zu gestalten und die bedrohlich unkontrollierbare Politik der Menschen wieder in den Griff zu bekommen.

Meistenteils im Einvernehmen mit seinen Verbündeten bereitet der Berliner Prinz Adolf Hitler den Weg, ohne diesen jedoch direkt zum Vasallen zu nehmen (tatsächlich soll es überhaupt nie ein Treffen zwischen Breidenstein und Hitler gegeben haben).

1936 besetzt Deutschland kampflos das Rheinland. 1937 schließt sich ein Bund von 4 Domänen im Mitteldeutschen dem Bund um Breidenstein an. Österreich wird 1938 dem Deutschen Reich angeschlossen. 1939 erfolgt der Einmarsch in Polen, das 27 Nächte später geteilt wird. 1940 besetzt Deutschland Dänemark und Norwegen, in denen der Sabbat autonome Gebiete besitzt, im selben Jahr marschieren deutsche Truppen in Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich ein. 1941 erklärt Deutschland der Sowjetunion den Krieg, wo inzwischen die Brujah die Macht übernommen haben. Gänzlich ohne Zutun Gustav Breidensteins bleibt die Kriegserklärung gegen die USA, die Wilhelm von Stornbeck, Nachkomme eines Ventrue-Ahnen des Brandenburger Umlandes und Kriegsberater des Gustav Breidenstein, höchst beunruhigt, sieht er doch in dieser doppelten Kriegserklärung des Jahres 1941 den Grundstein für den Verlust des Krieges gelegt.

In Berlin selbst gelingt es 1939 den gut organisierten Kräften der Order, die seit Jahren in der Stadt tätigen Brujah-Anarchen der Roten Rose fast gänzlich auszuschalten. 17 Vampire finden den Tod. Zum steigenden Unruhefaktor wird die Gangrel Danielle Diron, die schon zur Zeit der französischen Revolution eine begeisterte Diableristin und Kämpferin gegen die Camarilla war und nun einmal mehr versucht, junge Vampire für ihren Privatkampf zu gewinnen.

Ihr entgegen steht weniger die Order, die in jenen Tagen durch Albrecht von Magdeburg und seinen Ghul Arnim Grael von Valkenau stetig zu einem Nachrichtendienst umstrukturiert wird, sondern vielmehr Wilhelm von Stornbeck, der eben begonnen hat, eine eigene Brut aus Größen des NS Regimes zu bilden, die er somit für die Nachkriegszeit zu bewahren hofft.

Nachdem die Rote Rose – nun unter Anführerschaft Danielle Dirons – mehrere Kinder Stornbecks vernichtet und auch einen Anschlag auf das Elysium der Kainiten im “LeSang” verübt, eröffnet Gustav Breidenstein 1944 die Blutjagd auf die Gangrel.

Im Ende ist es jedoch bedeutungslos, was sich in jenen Jahren noch ereignet: Niemand hat die Zerstörungskraft dieses Krieges wissen können, und die Eigenkraft dieses Krieges vermag kein Kainit am Ende mehr zu zähmen, oder auch nur zu steuern: Der Zweite Weltkrieg rollt mit donnernden Bomben durch Europa, und wäscht die Domänen der Kainiten und alles, woran sie gebaut haben, weg.

Er lässt nichts zurück.


Am Ende des Krieges sind zahllose gerade der großen deutschen Domänen untergegangen.

In einigen Teilen Deutschlands übernimmt der Sabbat die Macht, andere werden beherrscht von jungen Vampiren, die im Krieg erschaffen wurden und nichts wissen von der Camarilla.

Ohne dass es hierzu einer Konklave bedürfte, erkennen die Blutsverwandten der Welt, dass die Ära der zentralen und direkten Kontrolle des Geschicks der westlichen Nationen durch die Vampire vorbei ist. Das System hat sich verselbständigt, und wird fortan nur noch durch die Wirtschaft oder einzelne Politiker sanft zu beeinflussen sein, doch niemals mehr unumstößlich kontrolliert.

Jeder versteht dies – außer die Brujah, die eben die Macht der Sowjetunion erlangt haben, und jene Macht in ihren Händen nun nutzen wollen. Sie besetzen den Osten Deutschlands, gründen einen “Roten Rat“, und wollen diesem Land das Geschenk des Kommunismus geben.

Aber ihrem Ansinnen stehen diesmal nicht die anderen Kainiten entgegen: Der Zweite Weltkrieg hat eine Generation von Vampiren hinweggefegt. Nun strömen allerorten Werwölfe aus den Wäldern in die verwüsteten Städte, um zu beenden, was Bomben und Flammen begonnen haben.

Der Rote Rat und ihr Berliner Gouverneur (eine Art eingesetzter Prinz, mehr einem Prinzregenten ähnelnd) Christoph Durier sehen sich – ohne Volk, ohne Häscher, ohne Ghule – außerstande, der Werwolf-Bedrohung Einhalt zu gebieten. Unter dem Versprechen eines durch einen Gangrel namens Daryl Lutz verhandelten Friedens mit den Werwölfen über die Westsektoren kann Wilhelm Waldburg Kainskinder nach Westberlin ziehen, wo er sich schon bald als Prinz ausrufen lässt.

Durier und sein Ostberlin aber sind dem Untergang geweiht – bis sich einige aus dem Gefolge des Gustav Breidenstein, der sich in der Stadt verborgen hält, melden. Sie bieten dem Rat an, die disziplinierten und im Kampf gegen Werwölfe durch die Jagdpartien des 19. Jahrhunderts geschulten Einheiten der Order in den Dienst des Roten Rates zu stellen und diesem die Treue zu schwören, sofern Gustav Breidenstein zum Gouverneur Ostberlins eingesetzt wird.

Die sowjetischen Brujah zögern nicht und akzeptieren sofort.

Wilhelm Waldburg betreibt in seiner Stadthälfte, die sämtlicher staatskontrollierenden Organe beraubt wird, einen totalen Ausverkauf zugunsten des Erhaltes seiner Macht als Prinz, und schuldet so binnen weniger Jahre einer unüberschaubaren Anzahl von Anverwandten schier ungeheure Mengen an Gefallen, was seine spätere desolate und desorganisierte Politik erklärt:

So wird etwa ehemaligen Verbündeten wie der Toreador Michelle LaRoche ihr Anspruch auf einen Platz im Primogen in Westberlin auf Drängen der Anarchen um Danielle Diron verwehrt, unterdessen die auswärtige Antoinette im Gegenzug für geleistete Unterstützung jenen Posten erhält. Auch LaRoches weithin berühmter kainitischer Nachtclub “LeSang” ist Waldburg mit einem Male unbequem geworden – er wird geschlossen.

In Ostberlin unterdessen nimmt sich Prinz Gustav Breidenstein den Brujah Friedrich Krauss zum Seneschall, und gemeinsam mit dem Roten Rat arbeitet man an der Wiedererrichtung einer funktionierenden Camarillastruktur für das zerschundene Land. Engsten Kontakt zu den Brujah hat dabei Albrecht von Magdeburg, dem Gustav ob dessen Verhandlungsgeschick hin den Beinamen “Loki” gibt, wie er seinem Krieger gegen die Werwölfe Wolf von der Nachten den Beinamen “Fenrir” gibt.

Währenddessen rotten sich viele der jungen Vampire, die in ihrem jungen Leben nur Hass und Gewalt kennengelernt haben und darum die Geschichten vom Segen der Camarilla für Frieden unter den Anverwandten nicht glauben könnem, zu Autarkigruppen zusammen. Ein in jeder Hinsicht typischer Vertreter ihrer Reihen ist der Berliner Brujah-Anarche Dieter Kotlar. Erschaffen während des Zweiten Weltkrieges, ist er der Auffassung, dass Hitlers Ideen von einem reinen, einigen Deutschland unter einem Führer, der die Dinge in die Hand nimmt, wenn sie denn sein müssen, zu wichtig sind, zuviel Wahrheit enthalten, um sie in Vergessenheit versinken zu lassen.

Geboren aus dem Blut des Krieges brennt die Bestie heiß in ihm, und jede ideologische Parole ist ihm gerade recht, um eine wilde Jagd und freie Gewalt zu rechtfertigen. Er stellt seine Ideen des Vierten Reiches den anderen West-Berliner Vampiren vor, die ihn ob seiner Jugend und Dummheit auslachen – und nicht wenige fordern sogar seine Bestrafung für solcherlei wirre Ideen. Er entschuldigt sich jedoch offiziell und zieht sich einstweilen zurück, um vor allem in den Achtziger und Neunziger Jahren für reichhaltige Unruhe im Westteil der Stadt zu sorgen. Wie viele denken, durchaus mit heimlicher Unterstützung Gustav Breidensteins.

Mit dem Wachsen der Berliner Mauer wächst auch Kotlars Einfluss – zu viele Vampire sind während des Zweiten Weltkriegs erschaffen worden, und bald schon kommt in ihnen Unwillen gegenüber der neuen Situation, gegenüber der Herrschaft der Alliierten auf. Kotlar verspricht, dass, wenn die Zeit reif sein sollte, die Prinzen fallen und ein neuer Führer ihren Platz einnehmen sollte.

Trotz Kotlars Stärke ist er jedoch nicht der einzige Quell anarchistischer Willkür und Gewalt in Westberlin: Konkurrenz gibt es durch den Jagdclub, einen chaotischen, diablerie-gierigen Haufen junger Vampire, die “Spaß-Anarchen” des Zwangsjacken-Tanzclubs sowie die Anarchen der Schwarzen Rose unter der Gangrel Danielle Diron und dem Ravnos Alexej, die im Gegenteil den faschistischen Tendenzen Kotlars wie auch der Menschen entgegenwirken wollen und in den 60ern/70ern unter der Studentenschaft Berlins reichlich Mitstreiter gegen Krieg und Faschismus finden – und oftmals erschaffen.


1961 erhält Gustav Breidenstein, bis dato nur Gouverneur der Stadt Berlin, die volle Prinzenwürde vom Roten Rat zuerkannt. Sein “Berliner Provisoriumsrat” wird ein regulärer Rat der Erstgeborenen. Neben dem jungen Toreador Thomas De Lutrius ist auch der Nosferatu Sergej Razhd weiterhin im Rat, neu dabei sind der Tremere Frederick Werther und Edward Hyde für die Malkavianer. Nicht mehr länger dabei ist Christoph Durier, der die Stadt Richtung Potsdam verlässt, wo sich seine Spur zwischen den Fronten der Camarilla und des Sabbat verliert.

Mit seiner und Damien Vladovs Abreise nach Frankfurt/Oder sind Friedrich Krauss, Stephan Rutigar, Wolodja Kruzow und Simone Jaspard die einzigen verbliebenen Brujah im Roten Rat.

Nachdem die Brujah die nach dem Krieg sabbatbesetzte Domäne Potsdam unter dessen Anführer Cherubim für den Moment aufgegeben haben, konzentrieren sie ihre Bemühungen auf ihr Projekt des antifaschistischen Schutzwalls, die Mauer. Diese soll neben dem Schutz gegen das “Ausbluten” der DDR auch Übergriffen und Spionage der noch immer per Wallenberg-Vertrag mit Wilhelm Waldburg alliierten Nosferati und Anschlägen der Assamiten auf Vampire im Ostteil ein Ende setzen.

Berlin verschwindet im Laufe der Jahre schrittweise aus dem Interesse und den Gedanken der deutschen Vampire, die sich nun ganz dem Wiederaufbau und der Befestigung ihrer eigenen Domänen widmen.

Im Berliner Umland führen die Brujah von 1968 bis 1974 eine zweite Kampagne gegen den Potsdamer Sabbat durch, können Cherubim und seine Gefolgsleute aber nicht vertreiben. Mehrere Aufforderungen an Gustav Breidenstein, sich an den Kämpfen zu beteiligen, werden zunächst abgelehnt (immerhin ist er als Prinz Ostberlins schwerlich für Potsdam zuständig, ferner wäre ihm per Toleranzedikt von 1600 auch nominell die Intervention verboten), Breidenstein vermittelt aber den Kontakt zum Ventrue-Ahnen Stephan, der als Sprachrohr des Hevellerbundes fungiert.

Im Austausch zu umfangreichen Zusicherungen der Brujah, die traditionelle Autonomie und Isoliertheit der brandenburger Ahnen des “Märkischen Bundes” anzuerkennen und zu achten, erklärt sich Stephan und der Interessenbund bereit, die Domäne Potsdam 1975 gemeinsam zu räumen – die nun zum Ärger der Brujah Stephan selbst als Prinz übernimmt.

Zu jener Zeit wird der Rote Rat parallel erschüttert durch mehrere Attentate, die man zuerst dem Potsdamer Sabbat zuschreibt, ehe der Nosferatu Ellison Humboldt, Kind der Melitta Wallenberg, die Hintergründe offenbart: Drahtzieher der Attentate ist der ehemalige Anführer der Anarchen der Roten Rose Sergej Razhd, der in jenen Tagen das Amt des Erstgeborenen der Nosferati in Ostberlin innehat.

Empört über seine Untaten fallen 1971 Nikolai Vladov und Christoph Durier über Sergej Razhd her und vernichten ihn. Als Anerkennung seiner Dienste für den Roten Rat erhält Ellison Humboldt den Sitz des Erstgeborenen der Nosferati in Ostberlin, was ihn schnell zu einem der mächtigsten Vampire der Doppeldomäne macht (Humboldt sitzt bedingt durch den Wallenberg-Vertrag auch in Westberlin im Primogen).

Unfähig, die jeweils andere Stadthälfte zu übernehmen, ignorieren sich die Berliner Prinzen Wilhelm Waldburg und Gustav Breidenstein schließlich.

Und doch planen beide für den Tag der Entscheidung.

[ WEITER ZUM ABSCHNITT "CHRONIK DES SPIELS" ]

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