Die Stadt

Jahrhundertelang blühte Berlin unter der Herrschaft Gustavs, eines harten und strengen Prinzen, der keinen Ungehorsam duldete. Jahrhundertelang hatte die isoliert von den alten Domänen des Westens gelegene Stadt eine kleine, aber mächtige Bevölkerung von Kainskindern, die ohne Furcht vor Vergeltung über alle wichtigen Angelegenheiten der Sterblichen bestimmte; Gustav hielt die Maskerade aufrecht, und niemand wagte es, sich ihm zu widersetzen.

Dann kam das Ende des Zweiten Weltkrieges. Die große Mehrheit der Kainskinder der Stadt fand während der Bombardierungen den Endgültigen Tod, vernichtet von den gewaltigen Explosionen, welche die ganze Stadt bis in ihre sumpfumspülten Grundfesten erschütterten. Die Stadt Berlin wurde von den Menschen aus anderen Ländern geteilt, und zum ersten Mal seit 600 Jahren verlor Gustav die eiserne Herrschaft über seine Domäne, weil er durch die Canaille gezwungen war, im Ostteil seiner Stadt zu bleiben.

Die Erbauer der Berliner Mauer entwarfen sie nicht, um Kainskinder aufzuhalten, aber Wilhelm, der Usurpator von Gustavs Thron im Westen, überzeugte die Tremere, eine mystische Barriere zu schaffen, die stark genug war, um nur die mächtigsten oder listigsten Kainskinder durchzulassen. 1990 fiel die Mauer, und im europäischen Ostblock herrschen nicht mehr die Brujah, und viele ihrer Ahnen sind dem Morden der russischen Altvorderen Baba Yaga, Kind Nosferatus selbst, zum Opfer gefallen. Ihre Utopie des Sowjetkommunismus ist vergangen.

Auch in Berlin wurde die magische Barriere schnell geschwächt, als Jubelnde die Mauer niederrissen. Gustav war bereit, wieder an sich zu reißen, was ihm rechtmäßig seit jeher zusteht, doch musste allzu schnell erkennen, auf direktem Wege nicht siegen zu können:

Wilhelm, einst Gustavs vertrauter Helfer und Prinz des ummauerten Westberlin, hatte in seiner Stadt die Regeln geändert, hatte allen Familien, mit denen Gustav sich je verfeindete, Versprechungen über Versprechungen gemacht und seinen Thron hundertfach verkauft, hatte die Erschaffung von Nachkommen erlaubt, die ungehinderte Einreise aus anderen Domänen gestattet, selbst die Ausbreitung der Anarchen im Westen toleriert und so am Vorabend des Konfliktes in seiner Hälfte ein Vielfaches an Macht und Blut aufgebracht, gegen das Gustav und seine wie immer kleine Population nicht siegen konnte.

Der Ausgang des Schwarzen Krieges zwischen den Kainskindern der Stadt war somit keine Überraschung, und die förmliche Erklärung vom Tod des Eisernen durch Katarina, seine engste Vertraute, wurde ungefragt akzeptiert. Ihres einenden Feindes beraubt, fielen die Kainskinder um Wilhelm übereinander her, jedes auf die gemachten Versprechungen von mehr Macht, mehr Anteil, mehr Mitbestimmung pochend, bis Wilhelm in die Abdankung getrieben wurde.

Nach ihm folgten noch so manche selbsterklärte Prinzen auf den Thron Berlins, das zwischenzeitlich sogar in der Nacht erneut aufgeteilt wurde, bis diese Zerspaltenheit der Stadt ihren Untergang besiegelte.

Zum Wechsel des Jahrtausends rief der Sabbat zum weltweiten Kreuzzug gegen die Camarilla auf. Unter dem beispiellosen Ansturm der ständig durch wahllos neu Erschaffenen erstarkten Kriegsmeuten fielen nicht nur in Übersee Domänen an die Schwarze Hand: mit dem Sturz Berlins traf der Sabbat die Camarilla ins Mark, und der Sieg über Berlin wurde zum Fanal des Sabbatsturms in Europa.

Auf schnelle Siege und den Tod der verhassten Camarilla-Ahnen bedacht – und ebenso aus Furcht vor der raschen Vergeltung der rasch vermehrten Archonten – blieb der Sabbat in Europa selten länger an einem Ort, und auch in Berlin währte seine Herrschaft nur kurz:

Im Geheimen waren der Sabbat und einige der heldenhaften “Befreier” Berlins überein gekommen, die Stadt im Geheimen in Sabbathand zu lassen und der Camarilla lediglich die Illusion des Sieges zu geben.

Als der Verrat nicht nur in Berlin ans Licht kam, handelte die Camarilla hart und schnell: Eine Geheime Konklave wurde in Berlin einberufen, in deren Verlauf die Verräter gerichtet, die verbliebenen Nester des Sabbat ausgebrannt, ein Bann über die Stadt verhängt und der ganze Skandal vertuscht wurde, um die Moral der restlichen Camarilladomänen nicht weiter zu zersetzen.

Heute ist der Sabbatkreuzzug beendet, doch ein Sieg für die Camarilla ist dies nicht: Die meisten der amerikanischen Domänen fiel an den Sabbat oder die von Kalifornien aus vordringenden Anarchen, zu zahllosen Kolonien ist der Kontakt abgerissen, Spanien, Portugal, Italien und Griechenland gingen durch einen Pakt der Giovanni mit den Lasombra verloren, das ohnehin nur marginal kontrollierte Gebiet der einstigen Sowjetunion fiel von der Camarilla ab – an wen genau, ist auch nach Vernichtung Baba Yagas völlig unklar – und selbst in Deutschland sind die meisten Domänenlichter verloschen oder flackern nur noch im letzten Glimmen.

Berlin ruht vergessen unter seinem Bann, dessen erste Hälfte mit Allerseelen 2011 abgelaufen ist: Ein Ruf geht hinaus in die Nacht, dass die Anreise nach Berlin wieder möglich ist, in die Domäne, die heute noch mehr als früher als Schicksalsdomäne für die Camarilla Deutschlands gilt.

Und in deren gebannter Stille Gustav der Eiserne seine Maskerade beendet und den Berliner Thron zurückgefordert hat.

[ WEITER ZUR "CHRONIK DER STADT" ]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.