Obwohl die Tunnelratten insgesamt gut durch die Jahre des weltweiten Sabbatkreuzzuges gekommen sind, kann dasselbe für die Nosferatu Deutschlands und speziell Berlins nicht gesagt werden:
Nachdem sich der in Berlin einst so mächtige Clan – vielleicht der machtvollste zu Mauerzeiten überhaupt! – in einem Bruderkrieg 1995 gegenseitig so gut wie auslöschte, gerieten die Nosferatu auch in anderen Domänen über Baba Yaga und deren von einigen erhofftes, von anderen befürchtetes Voranschreiten gen Westen aneinander – und das meist auf blutigste Weise.
Wenig später erhob sich um den Jahrtausendwechsel in Hamburg die Methusalah des Clanes Patrizia Brabant aus dem Schlummer, um eine persönliche Rache an den Toreador um den neuen Hamburger Prinzen Lady Visconti zu vollstrecken– und schoss damit das ganze Blut ins politische Aus. Die ohnedies fatale Situation wurde dadurch weiter verschärft, dass Brabant ebenso wortgewaltige wie tatkräftige Rückendeckung durch den Nosferatu-Ahnen Eike aus dem Berliner Raum erhielt. Schnell kochten die Konflikte sowohl zwischen den Patriziern der Camarilla und den Nosferatu, aber auch innerhalb der Nosferatu hoch. Und uferten aus.
Vielleicht im zwar verständlichen, aber dennoch falschen Bestreben nach Einigkeit unter den Verdammten des Blutes Nosferatu begingen die Berliner Schrecken bald danach ihren vorerst letzten Fehler: Unter der edlen Absicht, einen wackligen Waffenstillstand mit dem Sabbat in Berlin für die Dauer der maskeradetechnisch hochgefährlichen Fußballweltmeisterschaft in der Stadt aufrecht zu erhalten, gingen sie mit den Nosferatu des Sabbat einen Pakt ein und verhängten ein “Sabbatelysium” um die Berliner Gedächtniskirche, in dem sich die wichtigste Gruppe des Sabbat dann auch konsequent aufhielt.
Die Auslöschung jenes Widerstandsnestes – natürlich unter formeller Erklärung der Nichtanerkennung eines von den Nosferatu verhängten Elysiums – kostete den größeren Teil der in der Stadt verbliebenen Nosferatu die Existenz – die anderen befanden sich an der Seite des Ahnen Eike in Hamburg, um Patricia Brabant gegen die zwar geschwächte, aber umso wütendere Clansmacht der Toreador, Ventrue und Tremere beizustehen.
Nicht ein einziger von ihnen kehrte zurück.
Vor diesem Hintergrund dürften die Vorstöße des auf Rache sinnenden Sabbat unter Führung der Nosferatu jener Sekte gegen die Berliner Tunnel nur noch der Todesstoß gewesen sein – ob eine weitere, gleichartige “Strafexpedition” der Camarilla 2007 überhaupt noch einen Nosferatu auftrieb, ist nicht bekannt.
So ruht Schweigen über Berlins Unterstadt. Ohne Wartung laufen die von Nosferatu der Vorzeit angelegten Tunnel und Kavernen schnell mit Sumpf und Grundwasser des sandigen Bodens voll. Andere Abschnitte werden bei den anhaltenden Ausschachtungsarbeiten der diversen Berliner Bauprojekte ausgehoben oder durch vorausschauende Maskeradehüter hinter den Baufirmen vorgreifend mit Beton verfüllt.
Die Stimme des Clanes Nosferatu in Berlin ist verklungen. Verschrien als Sabbatverräter, der seinen Clanszusammenhalt über die Sektenzugehörigkeit stellt, ist auch sehr fraglich, ob sie gehört würde.
Und doch: irren plätschernde Schritte durch das lichtlose Tropfen und Rauschen, strecken Ratten witternd die Köpfe empor, schwebt Flüstern durch leere Kammern und ruft die verirrten, verwirrten, versprengten letzten Überlebenden zusammen. Für einen neuen Anfang – oder einen letzten Akt, ehe der Vorhang fällt.
