Clan Brujah ist über zehn Jahre nach dem Jahrtausendwechsel und über 20 Jahre nach dem Untergang des “großen Experiments” der Sowjetunion und DDR noch immer dabei, sich von den grässlichen Wunden der Vergangenheit zu erholen.
Nachdem das Erwachen der Nosferatu-Hexe Baba Yaga praktisch über Nacht die geistige Elite des Clanes dahinraffte und unzählige weitere, meist ältere Brujah durch den mythischen Wall nach Osten gingen, um nie wiederzukehren, ist Clan Brujah in Europa auf tragische Weise dem ungeliebten Bild des schäbigen amerikanischen Rebellen näher gekommen.
In einem Milieu des Turbokapitalismus und der New Economy, von Demokratiemüdigkeit und nicht mehr zu leugnendem Endsieg der Schattenspieler hinter Banken und den Lobbygruppen des Geldadels der alten Patriziernetzwerke sah es eine Zeitlang für den Clan der “Gelehrten” so dunkel aus, dass junge Brujah in ohnmächtigem Rasen nur zu gerne dem Sabbatkreuzzug anschlossen oder diesem umgekehrt trotzig die Stirn boten, um glorreich unterzugehen. Andere wiederum fühlten sich förmlich elektrisiert vom mutigen und unerhört rebellischen Schritt der Gangrel hinaus aus der Camarilla, so dass quer durch die Welt eine regelrechte (dritte) Anarchismuswelle im Clan Brujah einsetzte.
Dass diese nicht zum Gesamtaustritt des Clanes Brujah aus der Camarilla führte, hat freilich damit zu tun, dass die Camarilla erstens nach wie vor die Anarchen als Mitglieder der Camarilla betrachtet und zweitens die Brujah Ahnen den Auflösungserscheinungen am unteren Rand keinerlei Vorschub leisteten, sondern in aller Regel im Angesicht des Sabbat energisch die jüngeren Reihe zurück auf Kurs peitschten – soweit es ihnen überhaupt möglich war.
Die seit der ersten Anarchenrevolte wohl historisch höchste Zahl entwurzelter, nun anarchistischer Brujah konzentrierte sich im “gelobten Land” der neuen Bewegung, den im Schatten (sic!) des Sabbatkreuzzuges gewaltig gewachsenen “Anarch Free States” der amerikanischen Westküste, die sich 2010 bis weit hinein in den Mittelwesten erstrecken.
Auch in Europa sind mehrere anarchische, überwiegend von Brujah und Gangrel dominierte “freie Domänen” entstanden, die Größte davon direkt aus eroberten bzw. gestürzten Domänen der westdeutschen Ventrue in Mitteldeutschland geschmiedet – eine sehr direkte Folge der Begegnung zwischen einem Methusaleh der Brujah und der Ventrue 1999, bei dem es dem uralten Hektor samt seiner Horde rasender Brujah gelingt, den wohl wichtigsten Vorfahren der westdeutschen Ventrue, Janus Lukas, samt zahlreichen, für die jeweiligen Ventruedomänen wichtigen Ventrue zu vernichten.
Dieser Sieg der deutschen Brujah über nicht irgendeinen Ventrue plus Gefolge, sondern die Elite der mitteldeutschen Ventruegeschlechter, hat die Beziehung zwischen beiden Geblüten weiter vergiftet: Mit einiger Berechtigung grollen die Ventrue, die Brujah hätten durch ihren unverzeihlichen zerstörerischen Akt mehrere Domänen der Camarilla so sehr geschwächt, dass diese praktisch kampflos vom Sabbat (und unausgesprochen: den Anarchen) überrannt werden konnten – ein Vorwurf, der auch den Berliner Exarchen Durier trifft, der als langjähriges Mitglied des Potsdamer Zirkels ohnehin im Hauptverdacht stehen würde, dem Sabbat zugearbeitet zu haben … wenn er denn nicht Archon eines Justikars wäre (immerhin aber eines Wahnsinnigen).
In der Tat müssen sich die Anarchen Mitteldeutschlands und der amerikanischen Westküste jedenfalls den Vorwurf gefallen lassen, vom Sabbatkreuzzug ein wenig zu sehr profitiert zu haben: Immer wieder machen Verschwörungstheorien die Runde, nach denen einzelne Anarchengruppen (ganz im Stile der zerschlagenen Berliner Gruppe Kains Rache etwa) oder die Bewegung an sich Absprachen mit einzelnen Rudeln und selbst höchsten Kreisen der verderbten Hand gehabt haben wollen.
Wohl auch deshalb blicken die Anverwandten beider Clane mit neuem Interesse nach Berlin, wo sich wenn auch auf anderer Ebene ein weiterer – finaler? – Konflikt zwischen Brujah und Ventrue ankündigt.
