
Für Außenstehende ist schwer zu ergründen, was die exakten Absichten der Loge sind – und so soll es aus Sicht der Logenmitglieder auch sein.
Natürlich hat es zu jeder Zeit Verbindungen mythologisch, religiös, spirituell, okkult und philosophisch interessierter Anverwandter gegeben. In dem Maße jedoch, in dem die Mitgliedschaft in Geheimgesellschaften, Freimaurer- und anderen Logen, Hellfire und anderen Clubs selbst unter Sterblichen populär wurde, verbreitete sich die Gründung dem Mythischen gewidmeter Logen unter den Anverwandten geradezu epidemisch. Es gilt daher als offenes Geheimnis, dass speziell vom 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Logen der verschiedensten Art in so gut wie jeder Domäne bestanden – oft sogar mehrere – und dass im absoluten Zenit jener Entwicklung wohl mindestens 3 von 4 Anverwandten wenigstens der europäischen Domänen der ein oder anderen Loge angehörten.
Ebenso sicher, wie es “wahre” Logen vor dieser eher modischen Entwicklung gab, existierte eine beträchtliche Logenzahl auch weit über den damaligen Boom hinaus – und das aus durchaus guten Gründen:
Tatsächlich nämlich fanden einige der Logen, deren Mitglieder sowohl den nötigen Ernst und Ehrgeiz als auch geeignete Kräfte und Kenntnisse mitbrachten, erstaunliche Erkenntnisse oder Geheimnisse, die sie tiefer und tiefer in den Sog des Unbekannten brachten. Während also solche Logen, deren Mitglieder aus Spaß an Mummenschanz und Vergnügen selbsterdachte Riten mit leichtbekleideten “Opfern” durchführten, sich bald auflösten, setzte unter den verbleibenden Logen – gleich welcher Ausprägung sie waren und welcher Lehre sie folgten – eine Art Austausch statt:
Wo immer die lokal verfügbaren okkulten Bücher und Quellen von einer Loge ausgeschöpft worden waren, drangen deren Mitglieder in die geheimnisvolle Welt der Sammler obskurer Schriften, der Artefaktjäger und natürlich auch der seltenen Besitzer originaler Fragmente des Buches Nod und anderer Werke vor – und begegneten bei diesen Nachforschungen auch Vertretern von Logen aus anderen Domänen.
Es ist nicht bekannt, wie der Prozess im einzelnen ablief, aber es gibt den ganz dringenden Verdacht, das aus den Vernetzungen der lokalen Logen ein oder sogar mehrere Kreise von Eingeweihten entstanden: Während eine lokale Loge auf Basis begrenzter Mittel gegebenenfalls auf einem völligen Holzweg sein mochte, erreichten die reisenden und eingeweihten “Meister” Zirkel um Zirkel, Schicht um Schicht immer näher an die tatsächlichen Wahrheiten hinter den Dingen – oder wenigstens umgaben sich manche Logen gerne mit dem Ruf, Teil einer größeren, ja, globalen Geheimgesellschaft von Anverwandten zu sein, deren Agenda nichts Geringeres als die Entschlüsselung des einen, großen Geheimnisses – der Schöpfung – sei.
Dass sich unter den Freunden – Suchende genannt – und Mitgliedern der Loge – Eingeweihte genannt – eine große Zahl von Tremere finden lassen, kann daher kaum erstaunen. Etwas überraschender mag sein, dass deren Überzahl gar nicht so gewaltig ist – sei es, weil die Tremere innerhalb ihres Clanes zu weit größeren Erkenntnissen gelangen, sei es, weil sie in der Loge ihr Wissen teilen sollen, sei es, weil andere Logenmitglieder ihnen misstrauen. In den Reihen der Logen finden sich neben Tremere auch von Visionen getriebene Malkavianer, philosophisch interessierte Brujahgelehrte, der Entschlüsselung der Schöpfung verschworene Toreador, die letzten Geheimnisse jagende Nosferatu – auch natürlich Giovanni und Setiten!
Eine interessante Versammlung allemal, und Grund genug für die Machthaber der Domäne, einen sorgenvollen Blick auf die lokale Loge und deren etwaige überregionale Hintermänner und Meister zu haben – wohl auch aus diesem Grund bemühen sich viele Logen, den Mächtigen dienlich zu sein und ihre Kenntnisse etwa zu magischen Phänomenen und den Umtrieben von Hexern und Wolflingen in den Dienst der Domäne zu stellen.
Schließlich bedeutet Macht auch mehr Möglichkeiten zur Beschaffung rarer, verlorener oder verbotener Werke.
Die Berliner Loge ist ein geistiger Nachfolger des Haus der Ewigen Ma’at minus dessen “Gutmütigkeit” und Offenheit plus Einflüssen des früheren Haus des Harpokrates und des ganz früher unter Redburn bestehenden Konzeptes des “Haus Tremere”, das im Gegensatz zu “Clan Tremere” auch der Pyramide loyalen Nichttremere offenstand. Nicht zuletzt aber geht die spirituelle “Leitidee” der heutigen Loge scheinbar auf das frühere Haus des “Tempel des verhüllten Mondes” zurück, dem vor allem die “verschwundenen” Malkavianer der Stadt angehörten.
Wenngleich nicht missionarisch, scheint sich die Loge in heutigen Nächten deutlich intensiver auch für religiöse Themen und eine Heils- oder zumindest Schicksalslehre der Anverwandten zu interessieren.
Sorgenvolle Stimmen in der Camarilla fragen sich, wieviel dieses neuen Interesses auf Schriftfunde aus Verstecken des Sabbat zurückgeht.