Das Imperium der Ventrue verging in den Flammen zweier Weltkriege. Deutschland und seine Hauptstadt wurden geteilt. Die Macht des Herren Berlins, des Schmiedes Preußens, Gustav Breidensteins, war vergangen. Und im Westteil Berlins scheiterte sein verräterisches Kind Wilhelm Waldburg darin, in jene Fußstapfen zu treten, die ihm zu groß waren.
Lange Jahre herrschten Erschaffer und Kind beide über Berlin, jeder in seiner Hälfte, von der Mauer getrennt. Breidenstein unter dem wachsamen Blick der Brujah, deren Herrschaft über die DDR er dennoch Schritt für Schritt bricht, Waldburg ein Diener jener, die ihn auf den Thron gebracht haben – und in deren politischen Intrigen er ertrinkt.
Als die Mauer fällt, droht offener Krieg in Berlin auszubrechen. Ein bis dato unbeachteter Prinz in Potsdam greift ein, versucht zu vermitteln, doch das Triumvirat der drei Prinzen scheitert. Als der verheerende Schwarze Krieg der Berliner Vampire beendet ist, proklamiert die Tochter Gustav Breidensteins dessen Tod – und läutet damit 7 Jahre der Thronkämpfe um Berlin ein.
Als der Sabbat zum Wechsel des Jahrtausends einen weltweiten Kreuzzug ausruft, ist die zerspaltene und geschwächte Domäne Berlin ein allzu leichtes, erstes Opfer. Und während im weiteren Verlauf des Kreuzzuges die Domänen der Vereinigten Staaten an die Schwarze Hand und die Anarchen fallen, Spanien zur Gänze dem Sabbat anheimfällt und die Lichter so vieler Domänen auch in Deutschland flackern und verlöschen, gerät Berlin in Vergessenheit.
Junge Anverwandte streiten für die Camarilla und ihre eigene Zukunft, folgen dem Ruf nach Berlin in der Hoffnung, sich ein eigenes Stück Zukunft erkämpfen zu können. Sie werden von ihrem Anführer und jenen, die er an seine Seite ruft, verraten.
Am Ende entscheidet eine Geheime Konklave über das Los der Stadt und versiegelt sie auf eine Dekade:
In den ersten fünf Jahren soll sie von allen Lügnern und Verrätern gereinigt werden. In den zweiten fünf Jahren soll die Einreise kontrolliert erlaubt sein, doch nur über die Glienicker Brücke und mit Erlaubnis der Archonten, die zur Bewachung der Stadt zurückgelassen wurden.
Und in der gebannten Domäne Berlin erhebt sich jener Prinz, dessen Arm die Stadt erst aus dem märkischen Sumpf hob. Der seinen Tod inszenierte, auf dass die Kräfte seiner Feinde sich gegenseitig auslöschen würden. Und der in den kommenden Schicksalsnächten der siechenden Camarilla zum Schmied auch ihres Schicksals werden könnte.
Das Netz der Lüge entsteht von Neuem.
Im Zug nach Nirgendwo
Berlin. Was habe ich über diese Stadt nicht schon gehört. Hauptstadt. Preußens Glanz. Bombenopfer. Straßensperren. Naziwahn. Moordorf. Barrikaden. Unerwünschte. Mauerstadt. Künstlerhort. Arbeiterghetto. Buchverbrennung. Reichskristall. Raubritter.
Und in der Nacht: Ein Kampf zweier Ventrueprinzen. Ein falscher Sieg. Ein Sturz in Chaos. Eine dunkle Intrige. Eine neue Teilung. Träume der Toreador. Ein Sieg des Sabbat. Ein Netz der Lüge, das alles verschlingt.
Draußen vor dem Fenster fliegt Finsternis vorbei. Da ist nichts, zwischen hier und meinem Zielbahnhof Potsdam. Als würde das Land um die deutsche Hauptstadt selbst einen Bogen machen.
Und wirklich: Berlin existiert nicht. Findet nicht statt. Wird geleugnet, wie der Verlust Amerikas an Anarchen und Sabbat, wie das langsame Verblassen so vieler anderer Domänen der Camarilla, selbst hier in Europa.
Was sich ereignet, was sich tut in Berlin, das weiß man nicht, seitdem ER seine Anwesenheit erhüllte und der Justikar der Geheimen Konklave die Stadt verschloss.
Wie – so frage ich mich – muss der Prinz sein, der diese Stadt Berlin, diesen steingewordenen Wahnsinn geschaffen hat? Wie sein Hof? Sein Gesetz? Durch die Jahrhunderte ist da diese drängende, treibende Kraft, die Berlin aus dem Nichts, das es war, zur Spitze getrieben hat. Von wo aus es Europa verbrannte, und nun noch immer soviel Hass empfängt?
Ich hörte einst, Deutschland sei das Land der Ventrue. Und doch: Wohin auch immer ich ging, schnaubten die alten Geschlechter verächtlich, erwähnte man Berlin auch nur mit einem Wort. Provinznest. Emporkömmling. Schande des Landes.
Es ist schwer, Kontakt nach Berlin zu bekommen. So, als sei nun die ganze Stadt von einer Mauer des Schweigens umgeben. Ich hörte, dass die Ältesten der Camarilla einen Bann über die Stadt gesprochen haben. Rache für Verwüstung. Quittung für Größenwahn. Angst vor dem, was wirklich war – oder gewesen sein könnte. Konsequenz zahlloser Hinweise, dass dort nicht nur einiges, sondern alles nicht mit rechten Dingen zugeht. Berlin wird behütet vor sich selbst, sagt man.
Tatsächlich scheint mir, dass es der Rest der Welt ist, der vor Berlin behütet werden muss. Vor dem, was darin haust. Vor dem, was von dort auf die Welt blickt.
Es heißt, die Berliner Verwandten seien Gefangene ihrer selbst. Ihr eigener Kreis. Ihr eigenes Schicksal. Herrscher der eigenen Stadt zwar, doch ebenso Sklaven jener kalten Mauern.
Berlin. Kein schlechter Ort, um Gefangener zu sein. Und gefangen ist einer wie ich für alle Ewigkeit. Egal, wohin er geht. Unsere Freiheit ist Illusion. Wäre es da so falsch, diesem Wahn ins Gesicht zu sehen? Die Maske abzunehmen? Sich der eigenen Fratze zu stellen?
Ich bin erstaunt, dass ich so empfinde. Ich sollte älter sein. Kälter sein. Aber es ist noch Glut unter all der Asche.
Ich ordne meine Notizen. Habe den Permiss eines Ahnherren des Kodex dabei, wie der Exarch Berlins und der Hüter der Brücke in Potsdam es verlangen, um Zugang zu erhalten. Überschreite ich die Glienicker Brücke, das weiß ich wohl, bin ich auf mich selbst gestellt. Denn gehen lassen die Archonten keinen, der einmal den Fuß nach Berlin gesetzt hat.
Berlin. Du bist das Ende meiner Reise. Mein Leben liegt eh in Scherben. Nur noch einmal will ich mich am heißen Schmerz zerborstener Träume ergötzen.
Ehe meine Welt in Dunkelheit versinkt.
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